Anwohnerproteste begleiten Ratsentscheidung für Begräbniswald in Surheide

Knappe Mehrheit für Ruheforst

Waldstück Surheide in Quelkhorn
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Im Waldstück Surheide in Quelkhorn, hier ein Zugang an der Straße An den Fuhren, wird auf gut fünf Hektar ein Ruheforst eingerichtet.

Ottersberg – Mit 13:9 Stimmen hat der in dezimierter Besetzung tagende Gemeinderat Ottersberg am Donnerstagabend die Einrichtung eines Ruheforsts im Privatwald Surheide in Quelkhorn beschlossen. Mit den Stimmen von CDU und FGBO (denen sechs Abgeordnete fehlten), einer Grünen und Bürgermeister Tim Willy Weber widmete das Kommunalparlament das für den Begräbniswald ausgewählte, gut fünf Hektar große Areal als Friedhofsfläche.

Der Beschluss beinhaltete des Weiteren den Vertrag, mit dem der Flecken Ottersberg als kommunaler Friedhofsträger die Betriebsführung des Ruheforsts auf die im Realverband Surheide organisierten Waldeigentümer überträgt. Auch die Friedhofssatzung wurde verabschiedet.

Die SPD/Ruers-Gruppe, die Einzelvertreter von FDP und Die Linke sowie ein Ratsherr der Grünen stimmten gegen das Maßnahmenpaket zur Einrichtung des Ruheforsts. Ratsvorsitzende Erika Janzon (Grüne) enthielt sich.

In der Bürgerfragestunde zu Beginn der Sitzung in der voll besetzten Schulaula hatten Anwohner vor allem der Zufahrtsstraße An den Fuhren erneut ihren Protest gegen den Begräbniswald in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Wohnhäusern zum Ausdruck gebracht. Bürgermeister Weber beantwortete zahlreiche Fragen: Nein, eine öffentliche Toilette sei, ebenso wie an anderen Friedhöfen, nicht geplant. Nein, das Schützenfest in der Surheide sei nicht in Gefahr. Ja, der Wald bleibe auch als Ruheforst naturbelassen, öffentlich zugänglich und nutzbar; Kinder dürften dort weiter spielen. Ja, die Anwohner könnten ohne Einschränkungen Rasen mähen, grillen, Kettensägen anwerfen, Musik machen, Partys feiern... Nein, mehr als 50 Bestattungen im Jahr seien erfahrungsgemäß nicht zu erwarten. Nein, wildes Parken werde nicht erwartet, weil zwölf ausgewiesene Stellplätze bei in der Regel kleinen Beerdigungsgesellschaften als ausreichend betrachtet würden. „Sollte das nicht funktionieren, muss nachgesteuert werden“, sicherte Weber zu.

Die kontroverse politische Diskussion des Rates eröffnete Wilfried Mittendorf, Fraktionsvorsitzender der FGBO (Freie Grüne Bürgerliste Ottersberg), Ortsbürgermeister von Fischerhude/Quelkhorn und Befürworter des Ruheforst-Projekts. Einziger Nachteil sei der Besucherverkehr, aber das sei überschaubar und lösbar, so Mittendorf. Die Protestler, die sich uninformiert und ungehört fühlten, erinnerte er, wie zuvor schon Bürgermeister Weber, an die seit mehr als einem Jahr laufenden öffentlichen Beratungen. An denen habe es aber kaum Interesse gegeben.

Auch Angela Hennings (Grüne) unterstützt den Ruheforst: „Ich bin gottfroh, dass dieser Wald für 99 Jahre unter Schutz gestellt wird und so erhalten bleibt.“ Und 50 Bestattungen im Jahr seien nicht viel. CDU-Sprecher Reiner Sterna hob das ergänzende Angebot zu den klassischen Friedhöfen hervor: „Bestattungskultur verändert sich. Auch andere Friedhöfe liegen an Wohnsiedlungen – sie gehören zum Leben.“

„Wer in den Wald will, hat genug Möglichkeiten“, meinte Annegret Reysen (SPD), „warum also in Quelkhorn so ein Angebot schaffen?“ Die Gemeinde habe davon nur Nachteile – wie sinkende Gebühreneinnahmen auf ihren Friedhöfen. SPD-Fraktionschefin Gabriele Könnecke ergänzte: „In einem Wohngebiet hat das nichts zu suchen.“ Auch Ludwig Schwarz (Grüne) lehnte den Ruheforst ab: „Wir brauchen hier keinen Beerdigungstourismus.“ Erst recht nicht von „Ortsfremden“, betonte Projektgegner Horst Köntges (FDP).

„Der Erholungswert der Bevölkerung ist höher einzustufen als wirtschaftliche Interessen von Waldbesitzern“, lehnte auch Jürgen Baumgartner (Die Linke) die Umwidmung des Waldstücks ab. Zum Auftakt war Baumgartner mit seinem Antrag gescheitert, die Entscheidung über 99 Jahre Ruheforst zu vertagen und die vertragliche Gestaltung dem neuen Gemeinderat zu überlassen.

Nach dem positiven Ratsentscheid kann der Realverband Surheide jetzt den Genehmigungsantrag beim Landkreis Verden einreichen.

Begonnen hatte die Ratssitzung auf Initiative von Reiner Sterna (CDU) mit einer Gedenkminute für die Opfer der Hochwasserkatastrophe im Südwesten Deutschlands.

Ein Kommentar zum Thema
von Petra Holthusen

Arbeiten für
die Akzeptanz

Der Ruheforst kommt. Die entspannte Zufriedenheit, die sich üblicherweise im Kommunalparlament breit macht, wenn es ein gutes Zukunftsprojekt auf den Weg gebracht hat, blieb jedoch aus. Dafür war die politische Mehrheit am Ende zu dürftig. Ob mehr Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu mehr Einigkeit geführt hätten, ist Spekulation. Nicht gut genug war auf jeden Fall das Konfliktmanagement der Gemeinde im Umgang mit Anwohnerprotesten. Ja, es ist unverständlich, dass Menschen so wenig über Entwicklungen vor ihrer Haustür wissen. Dass sie offenbar weder die Ortspolitik verfolgen noch Zeitungen lesen und sich deshalb erst auf den letzten Metern einklinken und entrüsten, dass sie nicht informiert und gehört worden seien. Über diese Form von Empörungskultur kann man sich als Politiker ärgern – aber man muss sich im Sinne der Projektakzeptanz darauf einstellen. Gemeindechef Weber und Ortsbürgermeister Mittendorf wäre kein Zacken aus der Krone gefallen, wenn sie die Anwohner, als sich deren Vermutungen und Fehlinformationen hochzuschaukeln begannen, mal ganz unkompliziert zu einem nachbarschaftlichen Gespräch ins Schützenhaus Surheide eingeladen hätten. Dabei hätten sie mit Mythen aufräumen und ein paar Sorgen kleiner machen können. Alles für den Ruheforst, der eine breite Akzeptanz braucht und verdient hat.

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