Theater an der Waldorfschule

Die verschiebbare Masse Frau

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Der brutale Abstieg der jungen Marianne in „Geschichten aus dem Wiener Wald“ kümmert die verlogene Gesellschaft nicht wirklich. Mit der Inszenierung des Stücks von Ödön von Horváth zeigte die 12. Klasse der Waldorfschule sehr gutes Schul-Theater. 

Ottersberg - Nichts ist trostloser als eine verbaute Zukunft. Die von Marianne ist es schon in jungen Jahren. Marianne ist eine der Hauptfiguren in dem Volksstück „Geschichten aus dem Wiener Wald“, das am Wochenende an zwei Abenden von der 12. Klasse der Freien Rudolf-Steiner-Schule Ottersberg aufgeführt wurde. Die Intensivprobenzeit für das Theaterstück war mit drei Wochen knapp bemessen – umso beachtlicher das dramaturgische Ergebnis. Regie führte die Theaterpädagogin Dzenet Hodza, (musik)pädagogisch unterstützt von Thomas Beierle und Sabine Wahlers.

Das Stück des österreich-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth trägt einen trügerischen Titel. Er bezieht sich auf die wein- und walzerselige Musik von Richard Strauß, benennt bei Horváth aber eine bitterböse Gesellschaftskritik. Die zeichnet die Lebensperspektive von Frauen in den zwanziger Jahren, als die Weltwirtschaftskrise Arbeitslosigkeit und Armut brachte, in harten Strichen.

Dabei sind Parallelen zur Gegenwart zu erkennen. Zwar haben Frauen heute mehr Rechte und Chancen, gleichwohl sind es häufig Männer, die sie daran hindern, sie zu nutzen. Ödön von Horváths Stück hat auch fast neunzig Jahre nach seiner Uraufführung nicht an Aktualität verloren. Es zeigt Frauen als beliebig verschiebbare Masse – ins Bett, in die Ehe, ins Abseits. Von wahrer Liebe kaum eine Spur, nur von der Idee davon.

Das Leben von Marianne will ihr Vater bestimmen. Leopold betreibt eine Spielwarenhandlung, die schon bessere Tage gesehen hat. Es fehlt überall das Geld für gute Geschäfte. Als Verlobten für seine Tochter hat der Vater Oskar auserkoren, einen linkischen Fleischer. Es kommt anders. Marianne entscheidet sich für Alfred. Der hat Charme und hochfliegende Pläne. Doch die wirtschaftlichen Verhältnisse pressen das Paar an den Boden.

Als das gemeinsame Kind zur Welt kommt, verflüchtigt sich der gemeinsame Lebensentwurf der Glückssuchenden endgültig. Und von nirgends ist Hilfe zu erwarten. In der großen Depression ist jeder nur auf den eigenen Vorteil oder das Überleben bedacht. Das schlimme Schicksal Einzelner kümmert nicht. Was zählt, sind Manipulation, Hinterhältigkeit, Lüge, falsche Idylle und Brutalität. Die Gründe dafür: Existenzielle Ängste, die die Menschlichkeit aushöhlen, sowie eine Doppelmoral, bei der das Gewissen verstummt. Und von gar nicht so ferne klingt schon das Getöse der Nazis.

Bei der Freitagsaufführung war die Aula der Freien Rudolf-Steiner-Schule Ottersberg gut gefüllt. Das Publikum spendete dem gesamten Ensemble viel Beifall für sehr gutes Schul-Theater.

häg

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