Viel Beifall für komplexe „Andorra“-Inszenierung der Ottersberger Neuntklässler

Keiner sollte sich zu sicher sein

„Andorra“ an der Wümmeschule: Beklemmend waren die Spielszenen auf der Bühne mitten im Publikum. - Fotos: Hägermann

Ottersberg - Von Bernd Hägermann. Die wichtigsten und besten Theaterstücke sind jene von zeitloser Bedeutung. „Andorra“ von Max Frisch gehört dazu. Das Stück, 1961 in Zürich uraufgeführt, behandelt ein Thema von brennender Aktualität: Rassismus und Antisemitismus, die zu den großen Geißeln der Menschheit gehören. Latent immer vorhanden, zeigt der Fremdenhass gerade wieder seine Fratze.

Die Wahlpflichtkurse Schauspiel, Kunst, Musik und Geschichte der 9. Klassen und die Theater-AG der Wümmeschule Ottersberg hatten die aktuelle Flüchtlingsdebatte zum Anlass genommen, sich ausführlich mit dem Stück von Frisch zu beschäftigen und es im Laufe des Schuljahrs einzustudieren. Am Donnerstag war Premiere. Seit vergangenem Sommer waren insgesamt rund 90 Schülerinnen und Schüler an dem Projekt beteiligt.

In einer Projektwoche wurden zuletzt die einzelnen Elemente des Stückes zusammengefügt. Am Donnerstagabend bei der Aufführung von „Andorra“ in der Schulaula spielten die Akteure auf einer Hauptbühne frontal zum Publikum und auf einer zweiten, die von den Zuschauern gerahmt wurde. Dadurch ließen sich Handlungsstränge je nach Bedarf fest oder locker miteinander verbinden.

Auch wurde die Hauptfigur des Stückes von gleich mehren Schülern im Wechsel gespielt. Das folgte einer dramaturgischen Logik. Sie bewirkte, dass beim Publikum die ohnehin vorhandene Beklemmung angesichts von Ausgrenzung, Verlogenheit, Gewalt, Opportunität und Feigheit noch verstärkt wurde. Oder anders: Niemand sollte sich zu sicher sein. Es kann jeden treffen.

Film- und Toneinspielungen ergänzten das Bühnengeschehen.

„Andorra“ erzählt die Liebesgeschichte von Andri und Barblin, die als seine Pflegeschwester gilt. Der Vater von Barblin ist Can. Als Lehrer ist er eine der Stützen der Gesellschaft. Doch trägt er ein dunkles Geheimnis mit sich. Seine Geschichte, er habe Andri als Judenkind vor dem Nachbarvolk, „die Schwarzen“ genannt und böse vermutet, gerettet, klingt den Andorrianern glaubhaft, ist aber falsch.

Tatsächlich hatte Lehrer Can eine Affäre mit einer Frau der Schwarzen. Daraus ging Andri hervor. Um das zu vertuschen, verfiel Can auf die Idee, Andri als jüdisch auszugeben. Das hat dramatische Folgen. Denn in Andorra herrschen Scheinheiligkeit und Antisemitismus. Hinter der brüchigen Fassade einer perfiden Toleranz, die dem eigenen Größenwahn dient, lauern Vorurteile und Brutalität. Spätestens als Andri Barblin, von der er nicht weiß, dass sie seine Halbschwester ist, seine Liebe gesteht und ihr einen Heiratsantrag macht, zeigt sich das wahre Gesicht der andorrianischen Gesellschaft. Sie schikaniert Andri, wo sie kann.

Lehrer Can betäubt unterdessen seine Gewissensnöte immer häufiger mit Alkohol. Er muss eine inzestuöse Beziehung verhindern. Und für die Andorrianer wird es später darum gehen, sich eines Nachbarvolkes zu erwehren, dessen Machtgelüste bis nach Andorra reichen. Der Preis für Lebenslügen steigt.

„Andorra“ ist ein komplexes Stück. Umso höher einzuschätzen ist die Leistung der jungen Bühnenakteure und ihres Spielleiters, Lehrer Nils Thönnessen. Für die Musik verantwortlich war Britta Cornehl, für die Kulissen Renate Hippen. Für alle gab es sehr viel Beifall.

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