Verein ringt mit Behörden um Erlaubnis für Drohneneinsätze trotz Corona-Beschränkungen

Keine Ausnahme für Rehkitzretter?

Im hohen Gras versteckte Rehkitze dieses Frühjahr nicht vor der ersten Mahd aufspüren und sichern zu können, ist für die Rehkitzretter kaum auszuhalten. Der Verein ringt mit den Behörden um ein Ausnahmerecht von der Allgemeinverfügung zur Beschränkung von Kontakten während der Corona-Pandemie. Archivfotos: Rehkitzrettung Fischerhude

Fischerhude - Von Petra Holthusen. Zwei, drei Wochen noch, dann werden die Fischerhuder Wiesen zur Kinderstube. Rehe verstecken ihre neugeborenen Kitze im hohen Gras. Sicher sind sie dort vor natürlichen Feinden, nicht aber vor den Messern der Mähwerke. Vor der ersten Mahd suchen deshalb freiwillige Helfer des Vereins Rehkitzrettung Fischerhude in Kooperation mit den Landwirten und mit Hilfe von Drohneneinsatz die Flächen ab. Per Wärmebildkamera aus der Luft aufgespürte Kitze werden vorübergehend gesichert. 27 Rehkitze konnten die Tierschützer voriges Jahr bei 20 frühmorgendlichen Einsätzen vor der grausamen Verstümmelung und dem Tod im Mähwerk bewahren. Stand heute können die Rehkitzretter dieses Jahr nicht helfen: Es scheint unmöglich, ein Ausnahmerecht von der Allgemeinverfügung zur Beschränkung von sozialen Kontakten während der Corona-Pandemie zu erwirken.

„Wir wissen einfach nicht mehr weiter. Wir werden von Pontius zu Pilatus geschickt“, sagt Sarah Meyer, Vorsitzende des Vereins Rehkitzrettung Fischerhude. Selbstverständlich seien laut der Allgemeinverfügung Zusammenkünfte in Vereinen verboten, „aber wir wollen uns nicht zum Sport oder Vergnügen treffen, sondern sind eine Gruppe von Tierschützern, die Tierleid verhindern und zugleich wirtschaftlichen Schaden für die Landwirte abwenden möchte“. Bei den Feldeinsätzen könnten je Team drei Helfer in weiten Abständen voneinander über Funkkontakt agieren, „sodass wir das Infektionsrisiko innerhalb unserer Gruppe gen Null einschätzen“, betont Sarah Meyer. Dabei nimmt sie den Infektionsschutz keineswegs auf die leichte Schulter: Als Arzthelferin, die gerade unter extremen Hygienebedingungen arbeitet, und mit einem chronisch kranken Ehemann zu Hause, weiß sie genau, wovon sie spricht.

Bei ihren Anstrengungen, für die Rehkitzrettung eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, wurde sie vom Ordnungsamt der Gemeinde an den Landkreis Verden weitergeleitet, von dort an das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung, das eine neue zentrale Hotline empfahl. „Von dort wurde ich weiterverwiesen an die Corona-Hotline des Niedersächsischen Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Hier sagte man mir, ich solle eine E-Mail schreiben und sie würden schauen, was ginge. Dann erreichte uns von dort die Mail: Sie seien nicht zuständig …“, schildert Sarah Meyer einigermaßen verzweifelt.

Das Landwirtschaftsministerium verwies sie zurück an den Landkreis, der für die Umsetzung der Allgemeinverfügung zuständig sei – also auch für Ausnahmeregelungen. Die Ordnungsbehörde beim Landkreis hatte der Rehkitzrettung aber am Anfang der Odyssee mitgeteilt, dass die Allgemeinverfügung des Landes leider keine Ausnahmen vorsehe, „die Ihre Einsätze erlauben würden“, und keine Regelungen enthalte, „die ein Ausnahmerecht für Ihren Verein begründen könnten“. Und überhaupt wäre das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung zuständig ...

„Uns ist bewusst, dass die ganze Situation für alle erstmalig und schwierig ist und dass die Menschen an erster Stelle stehen“, sagt Sarah Meyer, „aber wir können nicht verstehen, dass unsere Einsätze verboten bleiben, obwohl sie wirklich ohne Infektionsrisiko ablaufen könnten und vielen Wildtieren das Leben retten könnten.“

Nach der E-Mail aus dem Landwirtschaftsministerium bleibt ihr nichts anderes übrig, als einen erneuten Anlauf beim Landkreis Verden zu nehmen. Dieses Frühjahr untätig zu bleiben, ist für die Rehkitzretterin kaum auszuhalten. Nach dem Erfolg voriges Jahr mit zumeist nur einer Drohne verfügt der Verein – auch dank 4000 Euro Zuschuss von der Bingo-Umweltstiftung – inzwischen sogar über vier Drohnen. Und über genug Freiwillige, die sich auf den Hunderten Hektar Wiesenland verteilen wollen, verbunden über WhatsApp und Funkgeräte.

Nach ihrer Rechtsauffassung fällt die Rehkitzrettung sehr wohl unter begründete Ausnahmefälle, denn neben dem Tierschutz gehe es um die Vermeidung wirtschaftlichen Schadens der Landwirte. Durch Aas im Futter – die Heuballen würden hauptsächlich an Rinder und Pferde verfüttert – entstehe Botulismus: „Dieser tötet die Tiere.“ Landwirte seien nach §  17 des Tierschutzgesetzes dazu verpflichtet, vor der Mahd die Wiesen abzusuchen, damit kein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund getötet und keinem Tier erheblicher Schmerz zugefügt werde, so Sarah Meyer. Sie betont: „Wir können mit unseren Einsätzen völlig ohne Infektionsgefahr eine unmittelbare Gefahr für die Unversehrtheit von Eigentum abwenden – von Futterballen, Rindern und weiteren Tieren, die damit gefüttert werden. Eine Gefahr, die nicht anders abgewendet werden kann, denn in Fischerhude werden gut 600 Hektar Grünland mehrfach gemäht, und ein Ablaufen dieser Flächen allein zu Fuß ist unmöglich.“

Weitere Infos

www.rehkitzrettung-fischerhude.de

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