Jochen Bertzbach referiert über die Wümme und das vom Fluss geprägte Dorfleben in Fischerhude

Heu und Aale sicherten Wohlstand

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Altbürgermeister und Naturschutzexperte Dr. Jochen Bertzbach sprach im Buthmanns Hof, untermalt mit vielen Fotos, über die Bedeutung der Wümme für Fischerhude.

Fischerhude - „Fischerhude war schon immer ein besonderes Dorf – damals wie heute“, legte Dr. Jochen Bertzbach lebhaft los. Am Mittwochabend referierte der Fischerhuder Altbürgermeister, aktive Naturschützer und Autor mehrerer Bücher zum Thema über die Wümmeniederung und das vom Fluss geprägte Dorfleben im Wandel der Zeit. Den Rahmen für den gut besuchten Vortrag bot die Ausstellung „Die Wümme als Natur- und Kulturraum“ in Buthmanns Hof. Sein Wissen als Autor und Referent bezieht Bertzbach nicht nur aus heimatgeschichtlichen Archiven, sondern auch aus eigenem Erleben: Seit acht Jahrzehnten lebt und wirkt der Fischerhuder an der Wümme. Seinen Vortrag bebilderte er mit vielen historischen Fotos.

Fischerhude liegt mitten im Flussdelta der Wümme-Arme und zahlreichen Streeks, die früher nicht nur die Wiesen, sondern auch das Dorf zeitweise komplett unter Wasser setzten. Aalfischerei, Entenjagd und flächendeckender Heuanbau für die Bauern auf der Geest bescherten den Fischerhuder Bauern einen beachtlichen Wohlstand. Daneben gab es einen einträglichen Warenverkehr auf dem Landwege zwischen Bremen und Hamburg, für den eine Zollstation vor Wilhelmshausen eingerichtet war. Bootsverkehr gab es auf der Wümme bis ins 20. Jahrhundert, und im Alten Dorf, wo früher Anlegestelle, Umschlagplatz und Badestelle mit Strand zugleich waren, spielte sich ein Großteil des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens ab.

An dieser Stelle gab es beeindruckende Fotografien zu sehen, unter anderem von dem Fischerhuder Fotografen Klaus Rohmeyer (1929-2013), der das dörfliche Leben aus vielen Perspektiven mit der Kamera festgehalten hat. Melkfrauen wurden in Gruppen vor den Melkerstegen fotografiert; angetan mit Hauben und Schürzen trugen sie die Milchkannen an einem Joch auf den Schultern. Bauern fuhren ihr Heu auf hochbeladenen Tandembooten zur Anlegestelle – ein nicht ungefährliches Unterfangen, das nur mit einem großen Einsatz an Muskelkraft zu bewerkstelligen war. Auch die Fuhrwerke wurden auf den Heuwiesen bis an die Grenze des Machbaren beladen. Was nicht sofort vermarktet werden konnte, wurde auf den Wiesen in reetgedeckten Scheunen gelagert. Von denen gab es über 70 in den Wümmeauen. Allerdings machte das wiederkehrende Hochwasser den Menschen stark zu schaffen. Zwar wurden die Flusstäler dadurch regelmäßig gedüngt, was hohe Erträge sicherte; die Beeinträchtigungen durch das Wasser aber ließen die Menschen bereits früh nach Regulierung verlangen. Durch die ersten Gewässerregulierungen im 19. Jahrhundert gingen die Einnahmen durch den Aal- und Heuverkauf zurück, weil viele der kleinen Flussläufe versandeten. Bauern waren für weitere Regulierungen, um ihre Landwirtschaft auf Rindermast auszudehnen, die anderen Bürger dagegen. Man einigte sich nicht, bis 1888 eine verheerende Flut, die alle Ernten vernichtete, eine große Regulierung auf den Weg brachte. Gebaut, gestaut und gelenkt wurde jedoch erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Landwirte profitierten, obwohl es schon damals vehemente Kritik gegen die Zerstörung der natürlichen Landschaft gab.

1954 gab es eine nie dagewesene Sommerflut, die eine wasserwirtschaftliche Notgemeinschaft begründete und massive Eingriffe in das Fließgewässer nach sich zog mit gravierenden Folgen für Flora und Fauna. 1980 setzte ein naturorientiertes Umdenken ein; Landwirtschaft, Wasserwirtschaft und Naturschutz begannen an einem Strang zu ziehen, was viele Renaturierungsmaßnahmen an der Wümme ermöglichte, deren Niederung heute unter Naturschutz steht.

kr

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