Vor 100 Jahren erstmals Strom in die Häuser geliefert / Ortsnetz für 54000 Mark

Der Tag, als Ottersberg die Lampen andrehen konnte

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So sahen früher Lichtschalter aus – hier ein Drehschalter aus Porzellan.

Ottersberg - Der 8. Juni 1915 war der Tag, an dem in Ottersberg erstmals Strom in die Häuser geliefert wurde – als Licht elektrisch angedreht werden konnte und nicht mehr an einem Docht angezündet werden musste. Den Strom lieferte das im Jahr zuvor gegründete Elektrizitäts-Werk. 100 Jahre Strom in Ottersberg – zu diesem Jubiläum beleuchtet Friedrich Bartels von der Geschichtswerkstatt des Ottersberger Kulturvereins die Historie in einem Aufsatz:

Ottersberger E-Werk? Da denken heute die meisten an eine kommunale Einrichtung, die wegen mangelhafter Betriebsleitung und fehlender Liquiditätskontrolle in die negativen Schlagzeilen geraten ist. Dagegen waren knapp 1400 Ottersbergerinnen und Ottersberger vor 100 Jahren mächtig stolz, dank E-Werk ab sofort durch Drehen eines Schalters strahlende Helligkeit in ihre Wohnungen bringen zu können.

„Seit 1912 beschäftigte sich der Gemeinderat immer wieder mit der Gründung eines Elektrizitäts-Werks. Zunächst wurde ein Wegenutzungsplan aufgestellt, der das Aufstellen von Strommasten erlaubte. Der Strom sollte von der Firma Siemens elektrische Betriebe AG bezogen und über ein zu schaffendes Ortsnetz an die Häuser geliefert werden. Für den Ortsteil Bahnhof und die Gemeinde Campe, damals noch selbstständig, waren ebenfalls Masten mit Leitungen vorgesehen“, weiß Hobbyhistoriker Bartels.

1923: 10 Millionen Mark

pro Kilowattstunde

Die Kosten für dieses Netz müssen der Gemeinde damals Kopfschmerzen bereitet haben: Aus zunächst vorgesehenen 37000 Mark wurden schließlich 54000 Mark; Geld, das nicht vorhanden war und in Gänze von der Spar- und Darlehnskasse geliehen werden musste. Es war eine Zeit, in der das Durchschnittseinkommen arbeitender Menschen im Jahr 1200 Mark betrug und ein Landarbeiter pro Stunde 30 bis 40 Pfennige ausgezahlt bekam.

„Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Inflation musste das E-Werk 1923 als zusätzliche Kraft Katharina Niemann als Geldzählerin einstellen. Die Kassierer mussten sich wahrscheinlich mit einem Wäschekorb auf den Weg machen, denn der Strompreis, den die Kunden nun viermal monatlich entrichten mussten, war auf 10 Millionen Mark pro Kilowattstunde gestiegen“, schildert Bartels.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieß das E-Werk dann schnell an seine Grenzen: Die Technik befand sich in einem desolaten Zustand. Wie sollte da die Stromversorgung für eine Einwohnerschaft gewährleistet werden, die sich durch die Flüchtlinge fast verdoppelt hatte? „In den ersten Nachkriegsjahren, so berichtet ein Zeitzeuge, gelang es dem sozialdemokratischen Ratsherrn August Siegesmund nur mit Mühe, die Mehrheit des Gemeinderats vom ,Verscherbeln des einzigen kommunalen Betriebs’ abzuhalten“, berichtet Bartels. Nachdem die Krise überwunden war, sorgten Herbert Seeburg, Bruno Cordes und Franz Peymann in der Technik und die Geschäftsführer Friedrich Kreuzgrabe und Fritz Rosenplänter dafür, dass die Stromversorgung in Ottersberg der Entwicklung ins Wirtschaftswunder nicht entgegen stand.

Goldene Zeiten des

Ottersberger E-Werks

Vom Zusammenschluss des Fleckens Ottersberg mit Fischerhude, Narthauen, Otterstedt und Posthausen hatte nach 1972 auch das E-Werk erhebliche Vorteile. Dank einer nachhaltigen Stärkung der Finanzkraft konnten zahlreiche alte Freileitungen auf Erdkabel umgestellt und neue Transformatorenstationen gebaut werden. Gemäß einem Stufenplan sollte nun die Stromversorgung nach und nach auch auf das gesamte Gemeindegebiet ausgedehnt werden. „Das Anlagevermögen konnte unter diesen Bedingungen von einer halben Million DM im Jahre 1968 binnen 20 Jahren auf fast 4 Millionen DM gesteigert werden“, so Bartels.

Seitdem schrieben immer wieder neue Projekte die Erfolgsgeschichte weiter. Der Bau von Blockheizkraftwerken (BHKW), die Übernahme des Hallenbades (2002), ständige energetische Sanierungen und – bereits 1994 – die Errichtung einer der ersten Windenergieanlagen in der Gemeinde Ottersberg bescherten dem E-Werk besonders unter der Leitung von Jürgen Braun und Klaus Gogolin eine goldene Zeit. Zur 75-Jahr-Feier des Werks stellte Gogolin am Ende einer von ihm verfassten Chronik fest, dass die „Weichen für eine zukunftsorientierte, sichere Stromversorgung in Ottersberg gestellt“ seien. Der Stolz der Menschen in der Gemeinde auf den kommunalen Betrieb sollte auch heute nach Bartels’ Auffassung „durch die gegenwärtige Krise nicht vollständig überlagert werden“.

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