Hannes Kahrs hat für den Ruhestand keine Zeit

Selbst mit 90 fehlt die Muße

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Hannes Kahrs lädt heute ab 11 Uhr zu einem offenen Empfang an den Wilstedter Kirchweg ein.

Quelkhorn - Von Elke Keppler. Er braucht keinen Rollator, keinen Gehstock – nicht mal eine Brille. Sein Gedächtnis reicht bis in seine früheste Kindheit zurück und erst kürzlich hat er sein bewegtes Leben in einer eindrucksvollen Biografie zu Papier gebracht. Die Rede ist von Johannes Kahrs, dem Maler, Chorsänger und Multitalent, der heute 90 Jahre alt wird.

„Ich kann es selbst kaum glauben. 90 Jahre, was für eine Zahl. Die ist bei mir noch nicht angekommen“, scherzt er. Und in der Tat: Man sieht es ihm nicht an. Wenn sich das Alter so gestaltet, muss man sich nicht davor fürchten. Nach wie vor betätigt der Quelkhorner sich künstlerisch und hat gerade eine Phase, in der er sich Bleistiftzeichnungen widmet – maritime Motive und Portraits, die ihm hervorragend gelingen.

Dafür braucht er aber Muße und die hat er auch mit 90 Jahren selten. Als aktiver Sänger absolviert er mit seiner wohltönenden Bass-Stimme mehr als 60 Auftritte mit dem Seemanns Chor Vegesack. Ein großes Konzert steht noch in diesem Monat beim Saarspektakel in Saarbrücken auf dem Programm. Mit dabei ist Lebensgefährtin Bärbel Meyer, die das Ensemble auf dem Akkordeon begleitet.

Beide verbindet die Liebe zur Chormusik. Sie fehlen bei keiner Probe, bei Auftritten schon gar nicht und betrachten diese Leidenschaft nicht als irgendein Hobby. „Chöre leben von aktiven Mitgliedern, die mit Engagement dabei sind. Sie ziehen die anderen mit“, sind beide überzeugt. Von den vielen Reisen, die mit den Auftritten verbunden sind, bringen sie unschätzbare Erinnerungen mit.

Auch die Erinnerungen an die 90 vergangenen Lebensjahre des 1925 in Boitzen bei Zeven geborenen Künstlers sind äußerst interessant. Als ältestes von sieben Kindern hatte Johannes Kahrs es nicht leicht: Er war der Kleinste vom Wuchs her, gab aber immer den Prügelknaben, denn die Hand des Vaters saß sehr locker. Die Familie zog ruhelos durch die Lande. Vorwerk und Sölingen waren Stationen. In Westercelle musste die Familie in einem sogenannten Armenhaus wohnen, weil der Vater arbeitslos geworden war.

1934 – Reichspräsident Hindenburg war gerade gestorben und Deutschland bereitete sich auf das Dritte Reich unter Reichskanzler Adolf Hitler vor – war das Jahr, in dem die Familie wieder nach Quelkhorn gelangte. Die Kahrs bestanden nun aus zehn Personen und ein Großvater gehörte dazu, der aber wegen seiner Alkoholsucht entmündigt war, ist in der Biografie nachzulesen. Die Verhältnisse waren ärmlich: Die Kinder schliefen zu fünft in einem im Winter ungeheizten Zimmer, das stille Örtchen befand sich, wie auf dem Lande zu damaliger Zeit üblich, im Außenbereich.

Allerdings waren die Kahrs, wie andere Familien auch, Selbstversorger. Im Jahr wurden zwei Schweine geschlachtet, man hatte ein paar Kühe, Hühner und einen Garten, in dem alles wuchs, was man zum Leben brauchte, denn die Versorgung mit Bargeld war knapp. Dass die Kinder in der Kleinlandwirtschaft helfen mussten, war selbstverständlich.

Wenn irgendetwas zu verantworten war, war es Hannes. Kam der Vater, der inzwischen als Fernfahrer unterwegs war, am Wochenende nach Hause und die Mutter berichtete, so hieß es „Hol mi mol de Handuhlen her“. Konnte der kleine Hannes dann den Handfeger nicht sofort im Torfkasten finden, und der Vater musste sich selbst bemühen, fielen die Schläge umso härter aus. In der Schule war Hochdeutsch Pflicht. Schwierig für die Kleinen, die Zuhause plattdeutsch aufwuchsen. Lehrer Holsten, der schon Vaters Lehrer gewesen war, rutschten Hand und Rohrstock schon mal aus. Es hagelte bei jeder Gelegenheit Schläge. Wer die Details in der Biografie nachliest, kann nur den Kopf schütteln.

Dennoch und trotz der vielen Entbehrungen bezeichnet Hannes Kahrs seine Kindheit als schön. Bäcker Reineke aus Ottersberg kam mit dem Einspänner und brachte Brot und Butterkuchen. Die Kinder hatten kein Spielzeug, aber das brauchten sie auch nicht. Ihr Paradies war die Natur. In der Wümme wurde gebadet und mit der Kiepe Aale gefangen.

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