Grandseigneur des gesellschaftlichen Engagements

Günther Wiggers wird heute 95 Jahre alt

Günther Wiggers
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6000 Dias umfasst das Bildarchiv von Ortschronist Günther Wiggers, der heute 95 Jahre alt wird. Seine Sammlung beabsichtigt er dem Kreisarchiv zur Verfügung zu stellen – „für die sichere Verwahrung“, sagt er.

Ottersberg – Dieses geflügelte Wort von einem erfüllten Leben – es scheint eigens erfunden für Günther Wiggers. Heute wird der Ottersberger Heimathistoriker, Publizist und Bundesverdienstkreuzträger 95 Jahre alt. Wiggers war und ist seit fast acht Jahrzehnten ehrenamtlich in Kirche, Kultur und Vereinen engagiert, hat mit seinem 6000 Dias umfassenden Archiv die jüngere Geschichte Ottersbergs für die Nachwelt bewahrt und blickt persönlich auf ein bewegtes Leben zurück. Ein erfülltes Leben.

Kindheit und Jugend des am 8. Januar 1927 geborenen Ottersbergers wurden von der Nazizeit und vom Krieg geprägt, man könnte auch sagen: zerstört. Mit 16 Jahren wurde er als Flak-Helfer eingezogen, drei Jahre später kehrte er krank aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. In seinem 2003 erschienenen Buch „Als Junge im Krieg“, das berührende Briefwechsel mit seinen Eltern enthält und dazu viele Fotos und weitere Zeitdokumente, hat Wiggers seine Erinnerungen aufgezeichnet.

Als jahrzehntelanger Chef der Sparkasse im Ort war er seinem Vater im Amt gefolgt. Niemand sagte damals in Ottersberg: „Ich geh’ zur Sparkasse“ – alle gingen „bei Wiggers Geld holen“. Bis Ende der 80er-Jahre war Wiggers der Inbegriff für Bank – nach seiner Pensionierung wurde er zur Institution in Sachen Heimatgeschichte. Für seine archivarischen Leistungen erhielt er 2016 die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Günther Wiggers ist das geschichtliche Gedächtnis Ottersbergs und erste Anlaufstelle in der Region, wenn es um historisches Bildmaterial von alten Häusern, Straßen, Familien, Festen und anderen gesellschaftlichen Ereignissen geht. 6000 Dias umfasst sein Fundus, sortiert nach Straßennamen. Die Informationen zu jedem einzelnen Bild, alles was er über dieses Motiv weiß, hat er im Computer archiviert. Kein Fleck im Ort, von dem Wiggers nicht weiß, wie er früher aussah; kein Name, zu dem ihm keine Geschichte einfällt.

Über Jahrzehnte wuchs sein Schatz an Fotos und Wissen dank seiner unzähligen Kontakte und Gespräche im Ort in unglaubliche Dimensionen. Einzelne Themen der Ottersberger Historie stellte er zu immer wieder gerne angefragten Bildvorträgen zusammen, von denen er mehr als 100 gehalten hat. Seit 2004 füllen seine „Historischen Ansichten aus Ottersberg“ Jahr für Jahr den großformatigen Bildkalender, den er in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein im Rektorhaus herausgibt und der sogar an Auswandererfamilien nach Übersee verschickt wird. Dort wie hier freuen sich Betrachter, wenn sie längst abgerissene Häuser aus ihrer Kindheit wiedererkennen oder alte Verwandte und Nachbarn bei geselligen Anlässen in der Nachkriegszeit. Der Kalender ist längst zum begehrten Sammlerobjekt geworden. Wiggers wirkte beim Kulturverein auch maßgeblich an der Ortschronik „Ottersberg in den letzten 200 Jahren“ mit und bestückt regelmäßig die „Ottersberger Geschichtshefte“ mit seinen Archivfotos.

Dass er die Ortsgeschichte zum Angucken für die Nachwelt aufbereitet und zugänglich macht, gibt Günther Wiggers das Gefühl, seinem Heimatort etwas zurückzugeben – etwas für sein Ottersberg zu tun, wie er 2016 anlässlich seiner Verdienstkreuzverleihung sagte.

Sein gesellschaftliches Engagement geht noch weit über die Geschichtsaufzeichnung hinaus. Als Schatzmeister wirkte Wiggers lange Zeit im TSV Ottersberg, dem er seit rund acht Jahrzehnten angehört. Kirchengemeinde, Dorfhelferinnenwerk oder Kulturverein im Rektorhaus – der Grandseigneur des Ehrenamts war und ist an vielen Stellen für andere im Einsatz.

„Ich habe all die gemeisterten Aufgaben nie als Belastung, sondern immer als Bereicherung meines Lebens empfunden“, sagte Günther Wiggers in seiner bescheidenen Art, als er sich seinerzeit für die Verleihung der Verdienstmedaille bedankte.

Damals war noch seine Frau Gisela an seiner Seite, die er zu Hause gepflegt hat und die vor zwei Jahren starb. 65 Jahre lang waren die beiden verheiratet. Seitdem lebt Günther Wiggers alleine und zieht sich auch allmählich aus dem öffentlichen Leben zurück. So sehr er sich über den guten Verkaufserfolg des Ottersberger Kalenders 2022 freut, in den er wieder einige Monate Arbeit investiert hat, so will er doch „langsam kürzer treten“, sagt Wiggers. Seine Archivbestände beabsichtigt er dem Kreisarchiv zur Verfügung zu stellen – „für die sichere Verwahrung“. Und die wegen Corona ausfallende Feier zu seinem 95. Geburtstag will er nachholen – „nächstes Jahr“, so hofft er.

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