Publikum in Ottersberg tief berührt vom Programm der „Zollhausboys“

„Geht weiter“

Bei aller kabarettistischen Komik treffen die „Zollhausboys“ den mitfühlenden Nerv des Publikums. Am Samstagabend gastierten (v.li.) Ismaeel Foustok, Azad Kour, Selin Demirkan, Shvan Sheikho, Thomas Krizsan und Pago Balke auf der KuKuC-Bühne in der vollbesetzten Ottersberger Schützenhalle. Fotos: Hägermann

Ottersberg - Von Bernd Hägermann. Alle Texte und Geschichten, die von den „Zollhausboys“ auf die Bühne gebracht werden, sind theatralisch inszeniert, aber so wahrhaftig, dass sie bei aller kabarettistischen Komik den mitfühlenden Nerv des Publikums treffen.

Die „Zollhausboys“ sind eine Gruppe von drei jungen syrischen Bremer Neubürgern – Ismaeel Foustok, Azad Kour, Shvan Sheikho –, der Berliner Sängerin Selin Demirkan, dem Musiker Thomas Krizsan und dem Schauspieler und Kabarettisten Pago Balke. Am Samstagabend gastierte das Ensemble mit „Songs, Poetry und Kabarett aus Bremen, Aleppo und Kobani“ in der vollbesetzten Schützenhalle Kreuzbuchen auf der Bühne des gastgebenden Ottersberger Kunst- und Kulturvereins KuKuC.

Die Arbeit mit jugendlichen Flüchtlingen hatte Pago Balke 2016 begonnen. Von damals 60 jungen Menschen sind für das „Zollhausboys“-Programm aus Kabarett, Musik und Gesang vier geblieben. Es sind sehr talentierte.

Schon die erste Auflage war ein Erfolg, mit dem Nachfolgeprogramm feierten die „Zollhausboys“ vor Jahresfrist im Bremer Theater Premiere. Die positive Resonanz des Publikums dort bestärkte die Gruppe. Ihr Projekt ist eines von Wichtigkeit. In der Schützenhalle Kreuzbuchen gab es eine neuerliche Bestätigung. Zahlenmäßig viel stärker noch als im weltstädtischen Hamburger Kiez, wo die „Zollhausboys“ am Abend zuvor aufgetreten waren.

Das Stück mit dem mehrdeutigen Titel „Geht weiter“ handelt von der Akklimatisierung der jungen Menschen in Deutschland, nicht zuletzt der sozialen, und von dem Erhalt der eigenen Identität: „Bin ich noch Syrer oder schon in deutscher Haut?“

Im Titel „B1“ thematisiert Shvan Sheikho seine ersten Versuche, sich der deutschen Sprache anzunähern. Tagebuchmäßig vermerkt er seine sprachlichen Fortschritte. Der Refrain des Lieds lautet: „Hast du B1, bist du der Heinz. Hast du B2, fühlst du dich high. Doch erst mit dem C kriegst du den Dreh, kannst Makramee und Komitee ...“

Bei „An allem sind Flüchtlinge schuld“ nehmen Pago Balke und Thomas Krizsan zunächst Anleihen bei Friedlich Holländer, um danach über steigende Schweinepreise, erfolglose Fußballer, fehlendes Lottoglück oder über die politischen Kapriolen von Bayern-Horst zu sinnieren. Für Abschottungspraktiker liegen die Gründe dafür auf der Hand: Flüchtlinge sind der Sand im Weltgetriebe.

„Auf dem Fluss“ wird es dramatisch. Auf einer vermeintlich vergnüglichen Paddeltour mit Freunden brechen plötzlich schreckliche Erinnerungen auf. Bei der Flucht über das Meer im Schlauchboot sind Familienangehörige und Freunde ums Leben gekommen. Während Balke singt, kämpft Azad Kour auf einem Gymnastikball wie um sein Leben. Auf der Bühne verliert er diesen Kampf.

Das Programm der „Zollhausboys“ ist weder anklagend noch larmoyant. Es ist witzig, traurig, sprühend und von Hoffnung gespeist. Das Publikum in Ottersberg war tief berührt.

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