„Frieden dem, der verweilt – Segen dem, der weiterzieht“

St.-Martins-Kirchengemeinde beherbergt jedes Jahr bis zu 50 Jakobspilger

Seit vielen Jahren schon eine einladend offene Kirche für Suchende, wird St. Martin in Otterstedt jetzt auch offiziell eine von der Landeskirche ausgezeichnete Pilgerkirche. - Foto: Woelki
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Seit vielen Jahren schon eine einladend offene Kirche für Suchende, wird St. Martin in Otterstedt jetzt auch offiziell eine von der Landeskirche ausgezeichnete Pilgerkirche.

Otterstedt - Von Petra Holthusen. „Die ganz Harten stehen nachmittags einfach vor der Tür. Aber die meisten rufen vorher an.“ 40 bis 50 Pilger übernachten nach Worten von Pastor Markus Manzek jedes Jahr im Otterstedter Gemeindehaus: „In Hochzeiten kommt jede Woche jemand.“ Seit 2007 bietet die St.-Martins-Kirchengemeinde Pilgern, die auf der Via Baltica, einem Teilstück des Jakobswegs, unterwegs sind, im Gemeindehaus eine Bleibe für die Nacht. An der Kirche werden die Wanderer von Irmgard Kruse oder Theda Koldehofe in Empfang genommen und zum schlicht und freundlich eingerichteten Pilgerzimmer im Gemeindehaus geleitet, um für die Weiterreise auszuruhen. Begleitet von guten Wünschen der „Herbergsmütter“: „Freude dem, der kommt; Frieden dem, der verweilt; Segen dem, der weiterzieht.“

Eine Pilgerkirche ist das Otterstedter Gotteshaus also schon seit Jahren – jetzt erhält die St.-Martins-Kirche dafür das neu eingeführte offizielle Signet. Seit diesem Frühjahr zeichnet die Landeskirche Pilgerkirchen aus – denn: „Zu Fuß in der Natur unterwegs sein und dabei über Gott und die Welt nachsinnen, entspricht dem Bedürfnis vieler Zeitgenossen. Einzelne Pilger und Pilgergruppen machen sich auf den Weg und freuen sich, wenn sie in evangelischen Kirchen einen Pilgersegen und einen Pilgerstempel bekommen.“

Kirchen, die an Pilgerwegen liegen und verlässlich geöffnet sind, können das Pilgerkirchen-Signet als Untermarke der Offenen Kirche beantragen. Wie es St. Martin in Otterstedt erfolgreich getan hat. Die Gemeinde erfüllt alle Voraussetzungen: Sie liegt an der Via Baltica, dem baltisch-westfälischen Wegstück der Jakobspilger. Und die Offene Kirche pflegt sie schon seit 2008: Morgens wird St. Martin auf-, abends wieder abgeschlossen. In der Zeit dazwischen können Menschen in die Kirche kommen und ungestört sein, wenn ihnen gerade danach ist. Wenn sie eine Auszeit brauchen, beten, nachdenken, kurz innehalten möchten, Kraft tanken, Atem schöpfen, eine Kerze anzünden...

Damit hat die Gemeinde viele gute Erfahrungen gemacht: „Es ist ein niedrigschwelliges Angebot“, sagt Pastor Manzek, „es verändert was in der Beziehung zur Kirche, wenn es ein einladender Ort ist, nicht verschlossen.“

„Wie wirkt Kirche nach außen?“ – darüber machte sich die Gemeinde vor knapp zehn Jahren Gedanken. Die Idee, sich zu öffnen, hatte die damalige Küsterin Irmgard Kruse. Seitdem hat Otterstedt eine Offene Kirche, in der Besucher abseits der Gottesdienste und Veranstaltungen ungestört Zugang haben zu Stille und Spiritualität. Blumen, ein Glas Wasser und ein Gästebuch für eigene Gedanken verstärken das Gefühl, jederzeit willkommen zu sein.

Pilgerkirche ist die Otterstedter St.-Martins-Kirche im Grunde seit Jahren – jetzt erhält sie das offizielle Signet der Landeskirche.

Eine einladend offene Kirche für Pilger und andere Suchende ist neben einem gastfreundlichen Außengelände Bedingung für das Pilgerkirchen-Signet. Eine Übernachtungsmöglichkeit für Pilger ist keine Voraussetzung für die Auszeichnung – ist aber seit fast zehn Jahren Ausdruck der besonderen Gastfreundschaft in der Otterstedter Kirchengemeinde. „Wir haben viel Freude an der Betreuung der Pilger, auch wenn Termine und Ankunft unserer Gäste unsere eigene Tagesplanung manchmal etwas durcheinander wirbeln“, berichten Irmgard Kruse und Theda Koldehofe. Bei ihnen melden sich übernachtungswillige Pilger, wenn sie an der Kirche angekommen sind. Dort holt eine der beiden Frauen sie ab, bringt sie ins Gemeindehaus vis à vis, zeigt das Pilgerzimmer mit zwei Klappbetten und zwei Luftmatratzen und die Küche für die Selbstverpflegung, stellt Wannen für die Pflege müder Pilgerfüße bereit und weist auf die Einkaufsmöglichkeiten im Ort hin.

„Ort, an dem Menschen willkommen sind“

„Es ist immer wieder spannend zu erleben, wer bei uns eintrifft. Es sind Menschen in jedem Alter. Ihre Gründe zu pilgern sind genauso unterschiedlich wie ihre Ziele. Einige sind ein Wochenende unterwegs, andere ein halbes Jahr und wieder andere wollen, wenn die Kraft ausreicht, bis nach Santiago de Compostela gehen“, schildern die „Herbergsmütter“ der Kirchengemeinde. Wenn sie am nächsten Morgen – die Pilger sind dann schon wieder auf dem Weg – das Zimmer für die nächsten herrichten, freuen sie sich immer auf die neuen Einträge im Gästebuch. In dieses schrieb zum Beispiel Margitta aus Lübeck: „Der gestrige Tag war eine Herausforderung. Ohne Frühstück in Zeven gestartet, ein paar Reiswaffeln halfen mir über Tag, stellte ich mich dem Wetter und dem Weg. Mehrmals verlief ich mich. Alles, aber auch alles wurde besser, als ich diese wunderbare Unterkunft erreichte. Der zauberhafte Krämerladen versorgte mich mit Essen. Das Haus war offen, einladend, Töpfe standen bereit und eine Schüssel für geplagte Pilgerfüße. Ein Besuch in der Kirche gab mir meinen Seelenfrieden wieder und vertrieb die letzten Zweifel! Ja, alles ist da, ich werde gehalten, behütet und geführt.“

„Nur die allerwenigsten der Pilger, die in unserem Gemeindehaus übernachten, laufen ganz bis nach Spanien. Oft reicht die Zeit nur für den Abschnitt Hamburg-Bremen. Das ist allerdings auch nicht weiter tragisch. Es geht beim Pilgern schließlich nicht um Leistung, sondern um eine Konzentration auf das Wesentliche. Um ein Ausbrechen aus den gewohnten Denk- und Handlungsmustern. Darum, unterwegs zu sein mit Gott oder auf der Suche nach Gott“, beschreibt Pastor Markus Manzek. Am Alltag der Otterstedter Pilgerherberge ändert die Verleihung des Pilgerkirchen-Signets am 8. Januar nichts. „Allerdings“, so Manzek, „machen wir noch deutlicher und auch nach außen hin sichtbar, dass unsere Kirche ein Ort ist, an dem Menschen willkommen sind. Suchende. Menschen voller Sehnsucht. Menschen, die eine Pause oder Auszeit nötig haben. Wir alle. Immer wieder.“

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