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Ukrainische Frauen und Kinder in Fischerhude: „Wir sind jetzt Großfamilie“

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Von: Petra Holthusen

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Familienfoto im Garten
Familienfoto im Garten: (v.l.) Karsten Meyer, Mila (12), Miriam Meyer-Klose, Marlon (8), Larissa Mishchenko, Luca (14), Monja (7), Olha Hrebeniuk, Jenny Pinnow, Dascha (12) und Philipp Pinnow. © Holthusen

Fischerhude – Eine lange Woche lebt Larissa Mishchenko mit ihrer Tochter Mila (12) in Todesangst unter russischem Beschuss in einer U-Bahnstation, bevor sie sich zur Flucht aus Charkiw entschließt. Olha Hrebeniuk harrt noch einige Tage länger aus. Sie will ihren Mann, der Polizist in der ukrainischen Millionenstadt ist, nicht allein zurücklassen. Aber schließlich macht auch sie sich mit ihrer Tochter Dascha (12) auf den Weg außer Landes, flieht vor dem Krieg in ihrer Heimat.

In Fischerhude sind die beiden Frauen mit ihren Kindern nun in Sicherheit. Aber „unsere Stadt ist zerstört“, sagt Larissa Mishchenko, „alles in unserem Leben hat sich verändert – und unsere Zukunft kennen wir nicht.“ Der Blick auf ihre Gastfamilie entlockt ihr bei aller Traurigkeit ein kleines Lächeln: „My new family is very good.“ Ihre Tochter Mila reckt zur Bestätigung den Daumen hoch.

Larissa und Mila Mishchenko wohnen seit vier Wochen bei Miriam Meyer-Klose und Karsten Meyer und ihren Kindern Leonie (16) und Luca (14). Höchstpersönlich ist das Fischerhuder Ehepaar die gut 1200 Kilometer zur polnisch-ukrainischen Grenze gefahren, um zu helfen und Geflüchtete zu sich nach Hause zu holen. Larissa und Mila entschließen sich einzusteigen – samt ihrer Katze.

In Windeseile haben Meyers zuvor eine neue Wand im Haus gezogen und aus ihrem offenen Büro ein Gästezimmer gemacht. Das Zusammenleben „klappt gut“, so Miriam Meyer-Klose. Mit im Haus wohnt auch ihr Schwiegervater, der für alle kocht. „Wir sind jetzt Großfamilie“, sagt Meyer-Klose lächelnd.

Olha und Dascha Hrebeniuk, die mit Larissa und Mila Mishchenko befreundet sind, leben seit drei Wochen bei Jenny und Philipp Pinnow, die wiederum mit Meyers befreundet sind. Für die ukrainische Mutter und ihre Tochter haben Pinnows ein Kinderzimmer frei gemacht – Marlon (8) und Monja (7) sind fürs Erste im zweiten Kinderzimmer zusammengerückt.

Als Karsten Meyer, der Olha und Dascha aus Hannover abholt, mit ihnen vorfährt, bricht Jenny Pinnow in Tränen aus: „Drei Taschen im Kofferraum. Das ist alles, was ihnen geblieben ist.“ Olha und Dascha für einige Monate bei sich aufzunehmen, ist für die Fischerhuderin und ihre Familie nach kurzer Überlegung selbstverständlich: „Wenn man sich das mal umgekehrt vorstellt ..., man wäre doch auch für jede Hilfe dankbar.“

Meyers und Pinnows sind zwei von 14 Familien im Dorf, die 36 Geflüchtete aus der Ukraine bei sich zu Hause beherbergen und zur gegenseitigen Unterstützung eine große Gemeinschaft bilden. „Fischerhude hält zusammen“, so hat Miriam Meyer-Klose die Whatsapp-Gruppe der Gastfamilien betitelt. Die Ukrainerinnen haben eine eigene Chat-Gruppe, und wenn es für alle zusammen etwas zu besprechen gibt, vermittelt Olena – eine Ukrainerin, die früher in Deutschland studiert hat, jetzt mit dem eigenen Auto vor dem Krieg geflohen ist und deshalb neben der Hilfe beim Dolmetschen auch Fahrdienste leistet: „Olena managt ganz viel.“

Und zu managen ist allerhand, auch für die Gastfamilien. Miriam Meyer-Klose hat eigens eine To-do-Liste samt Kontaktdaten erstellt – angefangen bei der Anmeldung im Ottersberger Rathaus und bei der Sozialbehörde in Verden über die Eröffnung eines Bankkontos und Besorgung von SIM-Karten fürs Handy bis zur Organisation von Arztbesuchen, Schulanmeldung der Kinder, Beschaffung von Fahrrädern ... Die Fischerhuder haben sogar einen privaten Sprachkurs mit einer Lehrerin aus Oldenburg für ihre Ukrainerinnen auf die Beine gestellt. Dafür hat Unternehmer Arnd Brüning, selber Gastvater, einen Konferenzraum in seiner Firma frei gemacht. Bäcker Sammann hat seine alte Backstube für die Einrichtung einer Kleiderkammer zur Verfügung gestellt. „Das läuft richtig gut, und die Ukrainerinnen arbeiten dort umschichtig mit“, erzählt Meyer-Klose.

Was sich so leicht anhört, ist eine Aufgabe, die Einsatz von vielen erfordert. Gastfamilien, Unterstützer und Behörden – „wir funktionieren als Team“, sagt Miriam Meyer-Klose. Sie ist „immer noch ganz überwältigt“ von der allseits spürbaren Hilfsbereitschaft und davon, „wie rasant das alles ging“. Alle wollen irgendwie helfen, sagt sie, Nachbarn, Freunde, Verwandte oder Kollegen ... – die einen drücken den Gastgebern Geld für Besorgungen in die Hand, andere bringen Klamotten vorbei oder holen die ukrainischen Frauen und Kinder für einen kleinen Ausflug oder eine Shoppingtour ab. Auf diese Weise hat Mila im Weserpark neue Turnschuhe bekommen. „Man konnte ihr Lächeln durch die Maske sehen“, erzählt der 14-jährige Luca Meyer.

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Künstlerin Pille Hillebrand, die eine 17-jährige Ukrainerin beherbergt, veranstaltet für die ganze Gruppe „Deutsch lernen über Musik“, Gastwirt Holger Bellmann hat die Geflüchteten und ihre Gastfamilien zum Grünkohlessen in seinen Saal eingeladen und das Otterbad hat für die Kinder einen Schwimmkurs zugesagt. „Alle halten eben zusammen“, bekräftigt Miriam Meyer-Klose. Und so traurig der Anlass auch sei: „Es entstehen neue Freundschaften. Auch unter uns Deutschen.“

Am leichtesten fällt das gerade den Kindern, die seit dem zweiten Tag nach ihrer Ankunft in die Schule gehen. Mila und Dascha fahren zur IGS nach Oyten. „Dort haben sie sogar das Glück, dass es einen russischsprachigen Lehrer gibt“, schildert Jenny Pinnow. Und gleich in der ersten Woche habe Dascha nachmittags Besuch von Klassenkameradinnen bekommen. Daschas Mutter Olha hat Jenny Pinnow schon mit zum Fitnesskurs beim Sportverein genommen: „Wir versuchen, den Alltag so normal wie möglich zu gestalten.“ Sprachlich klappt es immer besser: „Mit Englisch, Deutsch, Händen und Füßen und dem Google-Übersetzer – irgendwie kommen wir immer zueinander“, erzählt Jenny Pinnow, die selber schon ein beachtliches ukrainisches Vokabular gelernt hat.

Inzwischen startet der Alltag in die nächste Phase: Larissa Mishchenko hat ihre Arbeitserlaubnis erhalten. In Charkiw hat die 43-Jährige als Drogerieverkäuferin gearbeitet. „Und jetzt“, sagt Miriam Meyer-Klose, „suchen wir hier einen Job für sie.“

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