Mit Fischerhude und den Modersohns verband den Altkanzler eine tiefe Freundschaft seit 1937 / Letzter Besuch zu Ostern

Das Künstlerdorf war Helmut Schmidts Oase

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Ein Schnappschuss von April 1972: Helmut Schmidt und Christian Modersohn vor dem Haus Berkelmann in Fischerhude.

Fischerhude - Von Tobias Woelki. Eine tiefe Freundschaft verband den im November verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt mit dem idyllischen Wümmeort Fischerhude, mit der hiesigen Kunst und mit der Familie Modersohn. Es war eine innige Verbindung, die über Jahrzehnte andauerte – über den Tod von Helmut Schmidts fast gleichaltrigem Freund Christian Modersohn im Jahr 2009 hinaus bis zu seinem eigenen Tod vor sechs Wochen.

Olga Schmidt, Cousine von Christian Modersohn, mit einer Fotografie, auf der Helmut Schmidt sie als Kind auf der Schulter trägt.

Wie kam Helmut Schmidt nach Fischerhude? Davon erzählen Aufzeichnungen, die Christian Modersohn, 1916 geborener jüngster Sohn Otto Modersohns, seiner Familie hinterließ. „Helmut Schmidt absolvierte ab 1937 als stationierter Soldat in Bremen-Vegesack seinen Wehrdienst. Auf Empfehlung seines Onkels Heinz Koch, einem Freund meines in Fischerhude lebenden Onkels Fritz Schmidt, fuhr Helmut Schmidt an den freien Wochenenden mit dem Zug bis nach Sagehorn und ging von dort zu Fuß über sieben Brücken nach Fischerhude bis in die Bredenau. Hier lernte er im Haus meines verstorbenen Großvaters Heinrich Breling als dem ersten Fischerhuder Maler die Schwestern meiner Mutter, Amelie Breling und Olga Breling-Bontjes van Beek, kennen und natürlich deren Kinder Cato, Tim und Mietje Bontjes van Beek“, schrieb Christian Modersohn. Damals war Helmut Schmidt 18 Jahre alt. „Ich bekam wenig Sold, um an den Wochenenden nach Hause zu fahren. Da bin ich nach Onkel Fritz gegangen und habe dort übernachtet“, heißt es in Aufzeichnungen von Helmut Schmidt. Immer wieder, mindestens einmal pro Jahr, besuchte er danach die Familien Bontjes van Beek und Modersohn in Fischerhude, manchmal begleitet von seiner Frau Loki.

In seinen Lebenserinnerungen schrieb der zwei Jahre ältere Christian Modersohn weiter: „Was Helmut Schmidt Fischerhude bedeutete, hat er in seinen ,Erinnerungen’ so zusammengefasst: ,Was ich in meiner Jugend bis Kriegsbeginn an geistiger Orientierung erhalten habe, das stammt zu großen Teilen von den Menschen in Fischerhude. Fischerhude ist für mich als Heranwachsenden die eine, die einzige geistige Oase in der Nazizeit gewesen. Auch wenn die Zeitläufe des Krieges den direkten persönlichen Kontakt unterbrachen, so wusste ich während des Krieges doch immer: Dahinten liegt Fischerhude, dahin kannst du immer gehen, wenn es dir einmal ganz dreckig gehen sollte.’“

Christian Modersohn schrieb weiter: „Helmut Schmidt hat sich in all den Jahren seit unserer ersten Begegnung stets als verständnisvoller und hilfsbereiter Freund erwiesen. Trotz der Inanspruchnahme durch sein politisches Wirken fand er immer wieder den Weg nach Fischerhude, nicht nur, um, wie er selbst einmal bemerkte, seinen Dank abzutragen.“

Olga Schmidt, eine der beiden Töchter von Fritz Schmidt, kann sich nur schemenhaft an Helmut Schmidt erinnern. „Schließlich war ich damals ein kleines Kind“, schmunzelt die alte Dame, die dem ehemaligen Bundeskanzler als Kind auf der Schulter saß. „Ich habe Helmut Schmidt in den Jahren hin und wieder bei den Ausstellungen im Modersohn-Museum gesehen“, sagt Olga Schmidt, eine Cousine von Christian Modersohn.

Antje Modersohn und Helmut Schmidt 2013 in der Ausstellung von Otto Modersohns Spätwerk im Fischerhuder Museum.

Das letzte Mal besuchte der Altkanzler die Modersohns dieses Jahr zu Ostern „auf einen Kaffee, wie er immer sagte“, erinnert sich Antje Modersohn wehmütig, „es war sein Abschiedsbesuch.“ Helmut Schmidt reiste begleitet von BKA-Beamten nach Fischerhude. „Als sie in Sagehorn waren, riefen mich Beamte an, sie kämen gleich. Wir dachten, in zehn Minuten sind sie da. Aber sie kamen und kamen nicht. Mehr als eine Stunde haben wir gewartet und uns große Sorgen gemacht“, erzählt Antje Modersohn, die in Fischerhude das museale Erbe ihres Vaters Christian fortführt. „Dann kamen sie endlich“, erzählt Antje Modersohn weiter, „auf Nachfrage hat mir seine Begleitung geschildert, dass die kleine Kolonne mit zwei Fahrzeugen im Schritttempo nach Fischerhude fahren und bei jeder Brücke halten musste. Mit dieser Fahrt hat sich Helmut Schmidt für immer von Fischerhude verabschiedet und sich an genau den Weg erinnert, den er als junger Soldat vom Sagehorner Bahnhof zum Haus von Onkel Fritz in der Bredenau immer zu Fuß gegangen war.“ Helmut Schmidt verstarb am 10. November im Alter von 96 Jahren. Gestern hätte er Geburtstag gehabt.

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