Einrichtung will auf Menschen mit Doppeldiagnosen eingehen / Umbau geplant

Parzival-Hof schiebt „Projekt Birkenhaus“ an

+
Theresia von Friderici und Stefan Bachmann halten den Flyer zum „Projekt Birkenhaus“ in Händen.

Quelkhorn - Der Parzival-Hof im Fischerhuder Ortsteil Quelkhorn steht seit vielen Jahren wie keine andere Einrichtung in der Region für den inklusiven Gedanken. 1983 als Ort, an dem Menschen mit und ohne Beeinträchtigung leben und arbeiten, gegründet, hat der Komplex mit Gärtnerei, Landwirtschaft, Textilwerkstatt, Weberei, Küche und Kerzenmanufaktur sich seinen Auftrag stets bewahrt. Nun soll mit dem „Projekt Birkenhaus“ in der Gemeinschaft ein neues, spezialisiertes Angebot geschaffen werden. Ziel ist es, Menschen mit sogenannten Doppeldiagnosen besser zu versorgen. Das macht auch Umbauten erforderlich.

Menschen mit Doppeldiagnose haben sowohl eine geistige Behinderung als auch eine psychische Erkrankung. Die seelische Beeinträchtigung kann etwa von einer Depression bis hin zu einer bipolaren Störung reichen.

Die Krux für die Betroffenen: „Für diese Menschen gibt es keine Lobby, sie können nicht für sich sprechen“, erklärt Theresia von Friderici, stellvertretende Leiterin des Werkstättenbereichs im Parzival-Hof. Eine Doppeldiagnose könne aber nicht nur für die betreffende Person, sondern auch für das Umfeld belastend sein. „Für Menschen, die auf dem Parzival-Hof arbeiten, bedeutet Doppeldiagnose sozialtherapeutisches Neuland, unbeantwortete Fragestellungen und das Angewiesensein auf interdisziplinäre Zusammenarbeit“, so von Friderici. Einrichtungsleiter Stefan Bachmann ergänzt: „Unser Ziel ist die Stabilisierung und Mobilisierung von Menschen mit Doppeldiagnosen.“ Das soll durch ein neues Wohn- und Werkstattangebot erreicht werden, das besser auf die Betroffenen eingestellt ist.

Ein Faktor sei die Gruppengröße. „Dadurch, dass die Wahrnehmung beeinträchtigt ist, wirken beispielsweise Lärm und andere Sinneseindrücke viel stärker auf sie ein. Diese Menschen gehen unter in einer großen Gruppe“, erklärt Stefan Bachmann.

Konkret sollen die Plätze im „Bauernhaus Werkstattgebäude“ von neun auf elf Personen aufgestockt werden. Das Birkenhaus, in dem das neue Wohn- und Arbeitsangebot entstehen soll, wird dafür von derzeit sieben auf fünf Bewohner reduziert.

Das Konzept umfasst einen Wohnbereich und ein „aufsuchendes Werkstattangebot“. Das schließt einen Gemeinschaftsraum mit ein, der im Zweifelsfall als Werkstatt genutzt werden kann. Das Werkstattangebot läuft in der Zeit von 10 bis 14 Uhr und ist flexibel integrierbar. Heißt: Wenn eine Person aufgrund einer Krise nicht aus dem Haus gehen kann, ist es möglich, dort mit reduzierter Kraft Tätigkeiten auszuführen. Ergänzt wird das durch das bereits bestehende Tagesförderstättenangebot „Gartenlaube“, das in der Zeit von 14 bis 17 Uhr kunsttherapeutische Angebote (etwa Malen, Stempeln, Musizieren) bereithält.

In akuten Fällen ist zudem eine Krisenintervention vorgesehen. Mithilfe einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung könnte der Betreffende ambulant und somit ohne Klinikaufenthalt stabilisiert werden. Das Problem, wenn die Psychiatrie doch notwendig wird: Viele Ärzte sind unerfahren, was Menschen mit Behinderung angeht. „Es gibt derzeit kein psychiatrisches Angebot, das Menschen mit Doppeldiagnosen gerecht wird“, stellt Bachmann fest.

Mit seiner Spezialisierung auf diese Personengruppe betritt der Parzival-Hof also Neuland. Besonders wichtig ist es der Heimleitung, dies auch nachhaltig zu gestalten. Dazu gehört der Dialog mit Ärzten aus dem Agaplesion-Diakonieklinikum Rotenburg (Wümme). Auch eine Zusammenarbeit mit der Hochschule für Künste Ottersberg ist bereits im Gespräch. Denkbar wäre ein Forschungsauftrag, der das „Projekt Birkenhaus“ in zwei bis drei Jahren evaluieren soll. Passend zum Stichwort Nachhaltigkeit soll das Birkenhaus auch nach neuesten Energievorgaben saniert werden.

Natürlich kostet es Geld, solch ein spezialisiertes Angebot zu schaffen: Bachmann rechnet mit 670000 Euro Investitionskosten für den Umbau. Um das zu schultern, setzt der Parzival-Hof auf Spenden und eine Ko-Finanzierung durch EU-Fördermittel. Kommt die Fördersumme von 100000 Euro zustande, trägt die Einrichtung ein Viertel, also 25000 Euro. Der Finanzausschuss des Fleckens Ottersberg hat zudem bereits eine Fördersumme in Höhe von 9000 Euro einstimmig empfohlen. Darüber hinaus laufen Anträge bei kommunalen Stiftungen sowie Anfragen bei Betrieben und privaten Spendern. Zuspruch für das Vorhaben gab es zudem bereits vom Landkreis Verden und Landrat Peter Bohlmann.

Auch der zeitliche Rahmen steht bereits: „Am Mühlentag, am Pfingstmontag, wollen wir starten“, so Bachmann. Sollte die Finanzierung wie geplant zustande kommen, soll der Umbau des Bauernhauses im August starten, im nächsten Jahr könnte dann das Birkenhaus folgen.

Wer Fragen zum „Bauprojekt Birkenhaus“ hat oder spenden möchte, wendet sich an Stefan Bachmann unter Tel. 04293/917118 oder s.bachmann@leben-arbeiten.de

ldu

Mehr zum Thema:

Lätare-Spende in Verden

Lätare-Spende in Verden

Bargfrede und Eilers arbeiten individuell

Bargfrede und Eilers arbeiten individuell

In diese 10 Berufsgruppen haben die Deutschen Vertrauen

In diese 10 Berufsgruppen haben die Deutschen Vertrauen

Frau stirbt bei schwerem Unfall in Bassen 

Frau stirbt bei schwerem Unfall in Bassen 

Meistgelesene Artikel

Kreatives mit Kehrseite inklusive

Kreatives mit Kehrseite inklusive

Rekordteilnahme an der Jubiläums-Frühjahrsjagd

Rekordteilnahme an der Jubiläums-Frühjahrsjagd

Spotlight im Rampenlicht

Spotlight im Rampenlicht

Naturschutz und persönliche Erinnerung verknüpft

Naturschutz und persönliche Erinnerung verknüpft

Kommentare