Dachverbandsvorsitzender der Friedhofsvereine kritisiert Ottersberger Ruheforst-Pläne

Eine mahnende Stimme ruft in den Wald

Ruhestätten in speziell dafür eingerichteten Wäldern gibt es in Deutschland seit 2001. 
Archivfoto: djd
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Ruhestätten in speziell dafür eingerichteten Wäldern gibt es in Deutschland seit 2001. Archivfoto: djd

Ottersberg – Ein Ruheforst für Ottersberg: Wie berichtet, will der Realverband Surheide gemeinsam mit der Ruheforst-Gesellschaft der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ein fünf Hektar großes Areal für Urnenbeisetzungen unter Bäumen an der Quelkhorner Surheide einrichten. Dieses Ansinnen war – wie ebenfalls berichtet – beim Ottersberger Rat auf breite Zustimmung gestoßen: Die Kommunalparlamentarier hatten mit großer Mehrheit ihr Einverständnis zur Einrichtung einer Bestattungsfläche im Wald gegeben.

Kritische Stimmen gab es in besagter Sitzung nur hinsichtlich der Kürze des Meinungsbildungsprozesses (Annegret Reysen, SPD) und wegen eines zunächst zu klärenden möglichen Interessenskonflikts mit dem Schützenhaus (Ludwig Schwarz, Grüne). Bürgermeister Tim Willy Weber und CDU-Sprecher Reiner Sterna hatten hingegen vorgebracht, ein solches Projekt werde allgemein für gut befunden und sei eine Bereicherung für das Bestattungsangebot im Flecken. Skeptisch dem Plan gegenüber hatte sich lediglich der FDP-Kreisverband Verden auf seiner Internetseite geäußert.

In der Tat steigt die Nachfrage nach dieser Bestattungsform seit 2001, dem Jahr der Eröffnung des ersten deutschen Friedwalds, bundesweit kontinuierlich. In der Region sind in einem 50-Kilometer-Umkreis rund um Bremen allein seit 2011 vergleichbare Einrichtungen mit rund 75 000 Grabstellen entstanden. Diese Zahl hat Andreas Morgenroth errechnet.

Der Hamburger Landschaftsplaner sieht die Einrichtung von Friedwäldern oder (kleineren) Ruheforsten kritisch. Morgenroth ist als Vorsitzender des Dachverbandes der Friedhofsvereine in Deutschland am Erhalt der traditionellen Friedhofskultur auf kommunalen und kirchlichen Grabfeldern interessiert. Es handele sich um ein Unesco-Weltkulturerbe.

Verschiedene Aspekte sind ihm zufolge beim Thema Waldbestattung zu bedenken und sollten seiner Ansicht nach vor der endgültigen Genehmigung des Projekts durch den Rat zur Sprache kommen. Darum hat er sich in einer E-Mail unter anderem an das Rathaus gewandt. Darin heißt es: „Meine Sorge und Anlass für meine Kontaktaufnahme liegt darin begründet, dass bei unzulänglicher Berücksichtigung kommunaler Risiken, aber auch von Umwelt- und Naturschutzbelangen ein ungerechtfertigter Wettbewerbsvorteil zum Nachteil der Traditionsfriedhöfe im Einwirkungsbereich entstehen könnte. Hinzu kommen Verkehrsbelastungen zu Beisetzungen, Waldführungen und durch Hinterbliebenenbesuche auf zuvor weniger befahrenen Wegen und Anwohnerstraßen.“

Im Gespräch mit dieser Zeitung geht Andreas Morgenroth vor allem auf die naturschutzrelevanten Probleme ein, die seiner Meinung nach gegen Waldbestattungen sprechen. So würde das Wurzelwerk des Baumes beschädigt, wenn bis zu zwölf Urnen an einem Baum bestattet würden – anders etwa als in der Schweiz und den Niederlanden, wo für die verstreute Totenasche nicht so tief Boden weggeschoben werden müsse.

Zudem seien die Wälder schon jetzt und perspektivisch vom Klimawandel betroffen. Viele Bäume verdörrten oder würden durch Insektenbefall zerstört. „Borkenkäferbefall, Rußrindenkrankheit, Buchenkomplexkrankheit und Waldbrandgefahr sind letztlich unkalkulierbar“, schreibt Morgenroth in seiner E-Mail. Skeptisch sieht er auch die Dauer des Projekts an: „Mir erscheint die Verpflichtung über 99 Jahre, die aus der Grunddienstbarkeit erwächst, mit Blick auf das Haftungsrisiko unverhältnismäßig hoch zu sein.“ Denn das Haftungsrisiko verbleibe bei Betriebsaufgabe eines Bestattungswaldes stets bei der Trägergemeinde.

Und weiter: Auf seine Anregung sei das Umweltbundesamt tätig geworden und habe im vergangenen Jahr unter anderem die Chrombelastung angesprochen, und zwar Chrom VI. Das entstehe beim herkömmlichen Verbrennungsprozess in den Krematorien, wenn sich die Beschichtung bei den hohen Temperaturen löse „wie Putz von der Decke“, wie Morgenroth im Gespräch mit dem Kreisblatt erläutert.

Dieses Toxikum verbleibe nicht in einer Schicht im Boden, sondern gelange im Zuge des Abbauprozesses der Urne aus der Aschenlauge in die Bäume. Eine Dekontamination der Asche sei nicht möglich: „Das wird als Eingriff in die Totenruhe angesehen.“ Entsprechend bekommt die Vorstellung vieler Waldbestattungs- und Naturkreislauf-Freunde, wonach „die Kraft aus der Totenasche in den Baum wandert“ einen Beigeschmack, solange die Krematorien noch nicht auf eine chromfreie Technik umgerüstet seien.

Die Alternative, Särge mit unverbrannten Toten zum Beispiel auf Lichtungen zu bestatten und dann Bäume zu pflanzen, sei naturverträglicher. „Das ist aber nicht erlaubt.“

Waldbestattungsanlagen passten bereits aufgrund ihrer besonderen Klimarelevanz nicht mehr in die Zeit, gingen sie doch mit Fahrten zum Krematorium, der dortigen Verbrennung, dem Transport zum entfernt gelegenen Wald, mit späteren Hinterbliebenenreisen mit dem Auto und damit unnötigem Verbrauch fossiler Energien einher, betont Morgenroth.

Stattdessen sollten die traditionellen Friedhöfe wieder verstärkt in den Blickpunkt der Bestattungskultur rücken, sagt der Vorsitzende des Dachverbands der ehrenamtlichen Friedhofsvereine. Laut eigenem Interentauftritt geht es dem Verband darum, der „Verdrängung des Todes aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein“ entgegenzuwirken und „auf die Geschichte und Bedeutung der Sepulkralkultur (=Grabpflege) in der Heimatregion“ aufmerksam zu machen.

Morgenroth zufolge ist das Bedürfnis nach Grabpflege und einem abgegrenzten Bestattungsort des Angehörigen auch heute noch groß. Andersherum sei es der Erbengeneration durchaus zuzumuten, ein Grab zu pflegen. Wer das nicht wolle oder aus Altersgründen zum Beispiel nicht mehr könne, könne sich an die Friedhofsvereine wenden, die bei der Vermittlung zum Beispiel von Gärtnern behilflich seien.

Von Philipp Köster

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