Hochschule Ottersberg will entlang der Großen Straße Einfluss auf Fahrverhalten nehmen

Durch Kunst fair im Verkehr

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Wollen Kunst im Verkehrsraum gemeinsam mit den Ottersbergern erarbeiten (v.l.): Prof. Michael Dörner (HKS), Siegfried Dierken und Lienhard Varogo (beide Amt für regionale Landesentwicklung Lüneburg), Künstlerische Assistenz Ariane Holz, Hochschuldirektor Ralf Rummel-Suhrcke, Studentinnen der HKS, Bürgermeister Horst Hofmann und Prof Dr. Rainer Höger (Wirtschaftspsychologe von der Leuphana Universität Lüneburg).

Ottersberg - Kunst und Straßenverkehr – auf den ersten Blick sind das zwei Themen, die man nicht ohne Weiteres miteinander verknüpfen würde. Aber es gibt Anhaltspunkte, dass Kunst im öffentlichen Raum sich positiv auf das Verhalten von Menschen im Straßenverkehr auswirken kann. Mit dem interdisziplinären Projekt „Fair Verkehr“, das auch Anwohner und Geschäftstreibende mit einbezieht, will die Hochschule für Künste (HKS) Ottersberg herausfinden, wie das in der Wümmegemeinde funktionieren könnte. Mit Unterstützung des Amtes für regionale Landesentwicklung in Lüneburg stehen dafür insgesamt Projektmittel in Höhe von 100 000 Euro zur Verfügung.

„Spannend ist, dass hier die Künste mit den präzisen Wissenschaften zusammenarbeiten“, sagt Hochschuldirektor Ralf Rummel-Suhrcke. Das interdisziplinäre Projekt verbindet Verkehrswissenschaften, Kunst, Psychologie und Soziologie. Beteiligt sind neben der HKS die Technische Universität Hamburg und die Leuphana Universität Lüneburg. „Das Thema Mobilität ist heute sehr viel höher angesiedelt als das Immobile. Die Modernisierung folgt der schnellen Mobilität. Die Landschaftswahrnehmung geht dadurch verloren“, fährt Rummel-Suhrcke fort. Die Aufmerksamkeit für die Umgebung könne durch Kunstwerke im Verkehrsraum wieder geweckt werden.

Das auf ein Jahr angelegte Projekt sieht zunächst eine Bestandsaufnahme der Verkehrssituation vor: Unter anderem werden Grunddaten wie Geschwindigkeit und Frequenz der Fahrzeuge erhoben. „Am Ortseingang wird oft zu schnell gefahren und zu spät abgebremst. Eine gerade Straße regt zum Schnellfahren an“, nennt Prof. Dr. Rainer Höger, Wirtschaftspsychologe der Leuphana Universität Lüneburg, Beispiele. Mögliche Maßnahmen seien Fahrbahnverschwenkungen, „Krefelder Kissen“ oder Schwellen. Auch Shared Space, also der völlige Verzicht auf Verkehrszeichen und Begrenzungen, wie man es vielfach in den Niederlanden findet, ist eine Option. Zudem können grafische Elemente auf der Straße den Verkehrsraum neu strukturieren. Auch künstlerische Installationen im Straßenraum seien denkbar. „Ziel ist die Veränderung der erlebten Atmosphäre eines Wohnareals. Das legt ein bestimmtes Verhalten nahe“, fasst Prof. Höger zusammen.

Mithilfe von Fragebögen hat die HKS die Wahrnehmung der Anrainer erfasst, und dabei etwa nach sympathischen und unsympathischen Straßenbereichen gefragt. Konkrete Ideen für die Kunstwerke wollen Studierende der HKS gemeinsam mit den betroffenen Anwohnern entwickeln. Sechs bis acht Kunstwerke sollen entlang der Großen Straße ihren Platz finden. Doch mit der Aufstellung der Objekte ist die Arbeit nicht getan – es folgt die Auswertung: Wie hat sich die Situation und das Verkehrsverhalten durch die Kunst verändert?

Gerade für den Mittelgeber sei dies ein wichtiger Aspekt, sagt Siegfried Dierken vom Amt für regionale Landesentwicklung: „Wir wünschen uns nebenbei auch Erkenntnisse, ob sich das Modell auf andere Regionen übertragen lässt.“ Parallel laufe ein ähnliches Projekt in Axstedt (Landkreis Osterholz): „Es geht um unterschiedliche Verkehre. Anders als in Ottersberg herrscht dort weniger Durchgangsverkehr“, sagt Projektleiter Lienhard Varoga.

„Früher war die Große Straße eine Bundesstraße“, weiß Bürgermeister Horst Hofmann. Das erkläre, warum die Häuser dort weit auseinanderstehen und viel Durchgangsverkehr herrsche. „Kunst im Verkehrsraum kann möglicherweise das Unterbewusstsein ansprechen“, sagt Hofmann, der mit dem Vorhaben vor allem die Hoffnung auf Entschleunigung an der Hauptverkehrsader verbindet.

Ob sich durch Kunstwerke eine permanente Veränderung erwirken lasse, bleibe indes noch offen, betont Prof. Michael Dörner von der HKS. „Das ist ein bisschen ein Überraschungspaket. Alles, was neu ist, wird erst mal abgelehnt, aber es tritt ein Gewöhnungseffekt ein.“ Für die Aufstellung und Wartung der Kunstwerke hoffe man noch auf Unterstützung, beispielsweise vonseiten des Bauhofs oder aus der Bevölkerung.

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