INTERVIEW Ralph Dodenhof zur Situation im Einzelhandel und in Posthausen

„Die Krise zerstört die Arbeit vieler Jahre“

Ralph Dodenhof hofft auf den Herbst.
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Ralph Dodenhof hofft auf den Herbst.

Posthausen – „Es bleibt zu hoffen, dass die zweite Welle mit den aktuellen Maßnahmen schnell unter Kontrolle gebracht werden kann“, hatte Ralph Dodenhof, Geschäftsführer des gleichnamigen Einkaufszentrums in Posthausen im Herbst im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Infiziertenzahlen und Sterbefälle sind immer noch recht hoch.

Ein Ende des Lockdowns ist nicht absehbar. „Wir können nicht von Lockdown zu Lockdown stolpern“, sagt er jetzt im Interview. Die Fragen stellte Philipp Köster.

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat kürzlich gefordert, den Lockdown nicht zu verlängern. Was halten Sie davon?

Der Gesundheitsschutz hat natürlich oberste Priorität, insoweit ist die jetzt erfolgte Verlängerung und weitere Verschärfung des Lockdowns aus bundesweiter Sicht gewiss grundsätzlich sinnvoll, um das Infektionsgeschehen weiter einzudämmen. Die Nebenschäden im sozialen Bereich sowie bei Kultur, Bildung und Wirtschaft nehmen jedoch immer mehr zu. Die Verhältnismäßigkeit muss gewahrt werden, und wir können nicht von Lockdown zu Lockdown stolpern. Der Einzelhandel aber auch zum Beispiel die Gastronomie benötigen eine klare und verlässliche Perspektive zur Wiedereröffnung. Es braucht ab Mitte Februar aus meiner Sicht auch wieder eine deutliche regionale Differenzierung in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen, es müssen alternative Maßnahmen zum Lockdown gefunden werden, und das Impfgeschehen muss deutlich beschleunigt werden.

Welche Gefahren drohen dem Einzelhandel?

Der stationäre Einzelhandel ist massiv in seiner Existenz gefährdet, neben den schon erfolgten Insolvenzen drohen weitere massive Geschäftsaufgaben, verbunden mit Arbeitsplatzabbau und der Gefahr einer entsprechenden Verödung der Einkaufsstätten und Innenstädte. Die Hilfsprogramme für den Handel waren bis Dienstag absolut unzureichend, zudem läuft die Auszahlung der Hilfen wie in der Gastronomie sehr schleppend. Auch wenn wir bei Dodenhof dank einer umfassenden Digitalstrategie die Krise derzeit besser bewältigen als viele andere, so zerstört die Krise die Arbeit vieler Jahre und kostet Substanz. Ich schaue aber auch mit großer Sorge auf die Branche insgesamt. Ich kann in dieser Situation nur dringend dazu appellieren, wo immer möglich den lokalen Handel und natürlich auch die Gastronomie zu unterstützen, sei es durch lokalen E-Commerce, telefonische Bestellungen, Click und Collect, Gutscheinkauf.

Wie ist die Situation zurzeit beim größten Arbeitgeber im Landkreis Verden? Welche Geschäfte haben geöffnet? Drohen auch bei Ihnen Schließungen? Wie stellt sich die Lage für die Beschäftigten dar?

Wir haben weiterhin die gesamte Genießerwelt geöffnet, im Center und auf dem Centergelände haben einige Mietpartner wie Hoyer, Aldi, Rossmann, Hol’Ab, Futterhaus, Apotheke und Optiker ebenfalls geöffnet, auch der Außer-Haus-Service im Foodcourt läuft weiter. Zudem fahren wir auch in unseren eigenen Online-Shops im Bereich Mode, Sport und Technik sowie über andere Marktplätze Umsätze ein. Das ist erfreulich, kann aber niemals das ersetzen, was wir und alle anderen Anbieter sonst auf insgesamt 120 000 Quadratmetern Verkaufsfläche generieren. Daher ist aktuell auch wieder ein großer Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit. Ein kleiner Lichtblick scheint sich abzuzeichnen, indem die Hilfen für den Einzelhandel nun endlich vereinfacht und aufgestockt werden sollen. Das wird hoffentlich helfen, die Krise zu überbrücken und letztlich auch Arbeitsplätze zu erhalten. In unseren eigenen Handelsbereichen wird es zu keinen Schließungen kommen, bei den Mietern wird es zum Teil davon abhängen, wie lange sich der Lockdown noch zieht.

In einem Supermarkt in Stuhr hat unlängst eine renitente Kundin, die keine Maske aufsetzen wollte und das darauf ergangene Hausverbot ignorierte, einer Polizistin in den Arm gebissen. Halten sich Ihre Kunden an die vorgeschriebenen Regeln angesichts der Pandemie?

(Schmunzelnd) Also gebissen worden ist zumindest bisher niemand ... Aber im Ernst: Wir sind sehr froh, dass unsere Besucher die Hygienekonzepte so gut mittragen, diszipliniert Masken tragen und Abstände einhalten. Das ist aufgrund unserer großzügigen Flächen allerdings auch einfacher umzusetzen als vielleicht anderswo. Aber natürlich überwachen wir die Maßnahmen auch akribisch.

Reine Online-Händler erzielen große Umsätze, weil der Einzelhandel geschlossen hat. Sie zahlen aber nur geringe oder gar keine oder im Ausland Steuern. Was halten Sie von der Forderung aus der Politik, von den Online-Händlern wie Amazon eine Paketsteuer zu erheben?

Das ist sicherlich ein sehr komplexes Thema, was seit vielen Jahren in der Kritik steht und leider nie richtig gelöst worden ist. Die Frage ist doch, welche Online-Shops man belangen will – denn jeder Einzelhändler hat ja die Chance, ebenfalls online zu verkaufen, und viele tun es bereits sehr erfolgreich. Eine Paketsteuer wäre daher nur eine hilfsweise Lösung, eine Besteuerung der ausländischen Onliner auf Basis der in Deutschland erzielten Digitalumsätze wäre besser.

Die Feiern zum 110-jährigen Bestehen von Dodenhof mussten im vergangenen Jahr auf dieses verschoben werden. Wie sehen Ihre aktuellen Planungen zur „Nachfeier“ aus?

Wir haben auf jeden Fall viele Pläne, die wir im 111. Jahr unserer Unternehmensgeschichte umsetzen wollen – dazu gehören auch die aufgeschobenen Jubiläumsfeierlichkeiten. Wir haben in der Pandemie allerdings schmerzhaft lernen müssen, dass alle zeitlichen Planungen nur vage zu betrachten sind. Wir sind im vergangenen Herbst davon ausgegangen, dass sich das Infektionsgeschehen schneller eindämmen lässt und vor allem das Thema Impfungen schneller vorangeht. Davon ist alles abhängig.

Wagen Sie bitte zum Abschluss einen Blick in die Glaskugel auf den Spätsommer/Herbst 2021 und die Situation in Posthausen bei Dodenhof.

Wir feiern auf jeden Fall die abgeschlossene Neugestaltung unserer Genießerwelt, die gerade begonnen hat. Auch werden wir im Laufe des Jahres den Neubau des Bürogebäudes „Campus 1“ abschließen und unseren Vorplatz neugestaltet haben. Im gesamten Shopping-Center wird eine lebendige Stimmung herrschen, und alle freuen sich, dass die Pandemie nahezu überwunden ist und wir viele Dinge wieder tun können, auf die wir lange verzichten mussten.

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