Der Fall Vito

Bei Dagmar und Thomas von Westernhagen sitzt Vito mit auf dem Sofa – in der Öffentlichkeit muss er einen Maulkorb tragen, weil der Landkreis Verden von Amts wegen eine Gefährlichkeit des Labrador-Stafford-Mischlings festgestellt hat. Dagegen hat Dagmar von Westernhagen Klage vor dem Verwaltungsgericht erhoben.
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Bei Dagmar und Thomas von Westernhagen sitzt Vito mit auf dem Sofa – in der Öffentlichkeit muss er einen Maulkorb tragen, weil der Landkreis Verden von Amts wegen eine Gefährlichkeit des Labrador-Stafford-Mischlings festgestellt hat. Dagegen hat Dagmar von Westernhagen Klage vor dem Verwaltungsgericht erhoben.

Der Landkreis Verden hat nach einem Beißvorfall von Amts wegen die Gefährlichkeit des Labrador-Stafford-Mischlingsrüden Vito festgestellt. „Ohne Prüfung, nur auf Verdacht und auf Zuruf eines Nachbarn“, sagt Hundehalterin Dagmar von Westernhagen aus Ottersberg. Sie spricht von Verleumdung und Behördenwillkür – und vermutet die Rassezugehörigkeit ihres Hundes als Grund.

Unter anderem wurde für Vito das Tragen eines Beißkorbs angeordnet. Dagmar von Westernhagen erhebt vor dem Verwaltungsgericht Stade Klage gegen den Landkreis.

Ottersberg – Kürzlich wurde Vito mächtig unter Stress gesetzt. Beim angeordneten Wesenstest bedrängten und provozierten fremde Menschen und Hunde den Rüden in nachgestellten Alltagssituationen. Vito blieb „entspannt und fröhlich“, stellt Tierärztin Dr. Veronika Kaplan fest. Der Hund habe in keiner einzigen Szene Aggressionsverhalten gezeigt, sondern zur Konfliktlösung Beschwichtigungsgesten und Spielverhalten eingesetzt. „Vito ist hervorragend auf Menschen und Hunde sozialisiert, er stellt keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar“, attestiert die Gutachterin und empfiehlt „dringend, den Maulkorb- und Leinenzwang aufzuheben“.

Diesem Zwang unterliegt Vito seit Oktober vorigen Jahres. Nachdem der vor einem Dogscooter laufende Hund im August eine unvermittelte Begegnung und kurze Beißerei mit einem Nachbarshund hatte, leitete die Ordnungsbehörde des Landkreises ein Verfahren nach dem Niedersächsischen Gesetz über das Halten von Hunden ein. Das regelt unter anderem den Umgang mit gefährlichen Hunden. Danach hat die Fachbehörde „einen Hinweis auf die gesteigerte Aggressivität eines Hundes zu prüfen“. Ergebe die Prüfung Tatsachen, die den Verdacht rechtfertigten, dass von dem Tier eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgehe, „stellt die Behörde fest, dass der Hund gefährlich ist“. Das tat der Landkreis im Fall Vito im Oktober aufgrund eines Hinweises der Tierärztin besagten Nachbarhundes und der Befragung von dessen Haltern. Die im Rahmen der Anhörung per Fax ins Kreishaus geschickte Erwiderung der Anwältin von Dagmar von Westernhagen fand bei der Entscheidung keine Berücksichtigung: „Das Schreiben ist da angeblich nicht eingegangen.“

Die Erwiderung aber zeichnet ein ganz anderes Bild und schildert die speziell zwischen diesen beiden Hunden bestehende Antipathie, seitdem der nachbarliche Labradoodle mal unangeleint auf Vito losgegangen sei. Beim Aufeinandertreffen im August habe sich die Rangelei zur Rangklärung („arttypisch auch bei ungefährlichen Hunden“) wiederholt und beide Tiere hätten sich gegenseitig geringfügige Verletzungen zugefügt. Dass sich Nachbarn gegen Vito, der keinerlei gesteigerte Aggressivität aufweise, verschworen hätten und Unwahrheiten über sein Verhalten verbreiteten, sehen von Westernhagen und ihre Anwältin in der Rasse des kräftigen Rüden begründet: Der Mischling, den die erfahrene Hundehalterin 2017 als Welpen aus dem Tierheim aufnahm, ist zur Hälfte Labrador und zur Hälfte Staffordshire Terrier. Letzterer gilt in manchen Ländern als sogenannter Kampfhund und damit per se als gefährlich. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass kein Hund aufgrund seiner Genetik gesteigert aggressiv ist, sondern höchstens durch Erziehung und Erfahrung dazu gemacht werden kann.

Außer bei den Nachbarn, mit denen von Westernhagens im Clinch liegen, gilt Vito als unauffällig. „Vito hat sich bei uns nicht ein einziges Mal auffällig verhalten, weder Menschen noch anderen Hunden gegenüber“, bestätigt etwa die Inhaberin der Hundepension in Bassen, in der der Rüde regelmäßig zu Gast ist, wenn Dagmar und Thomas von Westernhagen arbeiten. Auch bei der Polizei oder Gemeinde läge gegen Vito nichts vor, ergänzt Dagmar von Westernhagen. Das alles zähle jedoch bei der Kreisbehörde nicht. Ihrer Bitte, sich ihren Hund doch persönlich anzugucken, sei die Amtstierärztin nicht nachgekommen. „Unerträglich und ungerecht“ findet die Ottersbergerin, dass die Behörde ungeprüft auf nachbarliche Ausssagen vertraue, nach denen Vito angeblich „im Ort gefürchtet und außer Kontrolle“ sei: „Da kann ja jeder jeden denunzieren ...“

Was Dagmar von Westernhagen als „lückenhaftes System“ kritisiert, bestätigt Jasmin Schwenker, stellvertretende Fachdienstleitung Ordnung und Verkehr beim Landkreis Verden, als übliches Verfahren: Die Behörde erfahre von einem Beißvorfall über Anzeigen bei Polizei oder Gemeinde (im Fall Vito durch eine Tierärztin), fordere die Geschädigten zur Stellungnahme auf, höre die Halter des Hundes an, beziehe das Veterinäramt ein und entscheide über Auflagen.

Nachdem Vito als gefährlich deklariert worden war, musste Dagmar von Westernhagen eine Erlaubnis zum Halten des Hundes beantragen. Dafür hat sie jetzt unter anderem eine spezielle Sachkundeprüfung mit Hund und den Wesenstest, den Vito mit Bestnoten absolvierte, vorgelegt. Auf der Grundlage entscheidet der Landkreis über weiteren Beißkorbzwang.

Beim Verwaltungsgericht Stade läuft von Westernhagens Klage gegen die behördliche Feststellung der Gefährlichkeit von Vito. Bis zu einem Urteil können angesichts des Arbeitsanfalls bei Gericht aber Jahre vergehen.

Von Petra Holthusen

Hundesport: In einem speziellen Geschirr zieht Vito an einer kurzen Leine den Roller mit Dagmar oder Thomas von Westernhagen an Bord. Der Dogscooter ist für den Straßenverkehr zugelassen. Beim Scootern in den Wümmewiesen powert sich der kraftvolle Hund, der viel Bewegung braucht, aus.

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