Vertrauensvoller Austausch

Depressionen, Ängste und das Ja zum Leben: Fischerhuderin gründet Selbsthilfegruppe

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Die Tür steht allen Betroffenen offen: Vera Kleinwechter (links) und Heike Hansmann laden zur Gründung der Selbsthilfegruppe „Depressionen, Ängste und das Ja zum Leben“ nach Fischerhude ein.

Fischerhude - Von Petra Holthusen. Eigentlich suchte Vera Kleinwechter eine Gruppe, der sie sich anschließen könnte. Eine Selbsthilfegruppe von Menschen, die wie sie an Depressionen erkrankt sind. Mit einem Treffpunkt möglichst dicht vor ihrer Haustür in Fischerhude. Gibt’s nicht. Nicht in Ottersberg, nicht in Oyten. Das war die schlechte Nachricht, als sich die Fischerhuderin an Heike Hansmann bei der Kontaktstelle für Selbsthilfe im Kirchenkreis Verden wandte. Die gute Nachricht: Vera Kleinwechter nimmt die Sache nun selbst in die Hand und gründet mit Starthilfe von Heike Hansmann die Selbsthilfegruppe „Depressionen, Ängste und das Ja zum Leben“. Start ist nächste Woche in Fischerhude. Dass die Gruppe mit dem Ja zum Leben eine positive Aussage im Namen trägt, war der Gründerin wichtig. Alle Betroffenen aus dem Umkreis, die sich angesprochen fühlen, sind willkommen.

Der Ansporn, selbst initiativ zu werden, entwickelte sich während Vera Kleinwechters intensivem Austausch mit Heike Hansmann. Beide glauben aus Erfahrung an die „Kraft der Gruppe“, die eine unterstützende und tragende ist: „Gruppe hilft!“, sagen sie. Und beide sind sich einig darin, was eine gute Selbsthilfegruppe ausmacht: „Die Fähigkeit ihrer Mitglieder, füreinander da zu sein.“ Eine gute Selbsthilfegruppe, so Hansmann, „ist die, in der sich alle aufgehoben und mit ihren Sorgen und Nöten ernst genommen fühlen“.

Menschen mit chronischen Depressionen und Ängsten sind darauf womöglich noch mehr angewiesen als andere: „Wenn Sie Krebs haben, haben Sie viel Beistand von außen. Bei einer psychischen Erkrankung nicht.“ Einer Krankheit, die für sie nicht sichtbar, nicht begreifbar ist, begegnet die Umwelt mit Verständnislosigkeit und Verurteilung. „Da beginnt das Stigma“, das Erkrankte zum Rückzug treibt: „Die Isolation ist ein großes Problem“, weiß Vera Kleinwechter. „Fehlende Prozesse im Arbeitsleben, die fehlende Verlässlichkeit auf das eigene System führen zu großer Verunsicherung, zu Scham und damit zu Einsamkeit.“ Auch sie selbst werfen wiederkehrende schwere Depressionen „immer wieder aus dem Leben und aus normalen Bezügen heraus“, beschreibt die 58-Jährige. Angehörige könnten das „bei aller Liebe nicht allein auffangen“.

Dafür braucht es ein festes Netz, wie es eine Selbsthilfegruppe sein kann: „Angenommen statt verurteilt zu werden, sich in einem geschützten Raum vertrauensvoll aussprechen und austauschen zu können“ – das bietet nach Kleinwechters Erfahrungen nur ein Kreis gleichgesinnter Betroffener. „Von anderen zu hören ,Ja, so geht es mir auch’, macht den Kummer nicht weg, aber man ist nicht mehr allein der komische Vogel, der nicht zurechtkommt“, beschreibt sie. Das entlastet und nimmt Druck.

Neben „Hoffnung und Mut machen“ skizziert Hansmann das „Weiterlernen über sich selber und andere“ als große Chance: Die Selbsthilfegruppe biete die Möglichkeit, „den eigenen Weg zu finden durch die Erfahrung anderer“. Jeder Betroffene habe eine andere Strategie im Alltag, eine andere Lösung für schwierige Situationen: „Aus den unterschiedlichsten Herangehensweisen ergeben sich neue Möglichkeiten für einen selbst.“ Und das auf allen Ebenen wie Familie, Freundeskreis oder Beruf. Auch über Therapien und Therapeuten, Medikamente und Kurhäuser können Erkrankte untereinander vielfältige Erfahrungen teilen.

Der Schritt in die Selbsthilfegruppe mit zunächst Fremden erfordert Mut. Zumal für Menschen mit Depressionen und Angsterkrankungen schon ein vermeintlich einfacher Anruf ein unüberwindliches Hindernis sein kann. „Der Schritt in die Gruppe ist für Betroffene ein Wagnis“, weiß auch Hansmann, „aber dieser erste Schritt, offen darüber reden zu können, ist der Beginn eines Prozesses, sich seiner Situation zu stellen. Das tut weh, aber es kann ein Schritt zur Heilung sein.“

Für Vera Kleinwechter ist der Schritt in die Selbsthilfegruppe das bewusste „Ja zum Leben“. Sie hofft, dass weitere Betroffene diesen Schritt mitgehen und sich am Dienstag zum Informieren und Kennenlernen einfinden. Raus aus der Isolation, den Risiken zum Trotz – „das kann überlebenswichtig sein“.

Termine und Kontakt

Die neue Selbsthilfegruppe „Depressionen, Ängste und das Ja zum Leben“ startet mit einem Informationsabend am Dienstag, 18. Juni, um 17 Uhr im Gemeindehaus „Altes Pastorenhaus“ an der Kirchstraße 9 / Ecke Schusterstraße in Fischerhude gegenüber der Kirche. Vera Kleinwechter und Heike Hansmann stellen interessierten Betroffenen die Idee und Grundgedanken der Gruppe vor, die sich danach voraussichtlich 14-tägig dienstags von 17 bis 18.30 Uhr im „Alten Pastorenhaus“ in Fischerhude trifft – das nächste Mal dann am 2. Juli. Für Fragen und Anmeldungen steht Vera Kleinwechter unter Telefon 04293 / 7873580 (Anrufbeantworter) zur Verfügung. Heike Hansmann von der Kontaktstelle für Selbsthilfe in Verden ist erreichbar unter Telefon 04231 / 937974 und per E-Mail an: Heike.Hansmann@evlka.de. Die Kontaktstelle vermittelt Ansprechpartner und Auskünfte zu kreisweit fast 70 Selbsthilfegruppen für Menschen in unterschiedlichsten gesundheitlichen und sozialen Notlagen und sie unterstützt diese Gruppen vielfältig in ihrer Arbeit.

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