Fischerhuder Bürger gehen mit anwaltlicher Hilfe gegen Pläne auf Schießstand vor

„Das ist Giftmüll“

Geht es nach dem Willen der Bürgerinitiative, bleibt das Betreten des Fischerhuder Wurfscheibenschießstands für immer verboten. Gegen die geplante Form der Sanierung und die anschließende Wiederaufnahme des Schießbetriebs ziehen die Gegner jetzt mit fachanwaltlicher Hilfe zu Felde. 
Foto: Freese
+
Geht es nach dem Willen der Bürgerinitiative, bleibt das Betreten des Fischerhuder Wurfscheibenschießstands für immer verboten. Gegen die geplante Form der Sanierung und die anschließende Wiederaufnahme des Schießbetriebs ziehen die Gegner jetzt mit fachanwaltlicher Hilfe zu Felde. Foto: Freese

Fischerhude – Rechtsbruch – das wirft die Bürgerinitiative, die sich gegen die geplante Form der Sanierung des bleimunitionsverseuchten Wurfscheibenschießstands in den Wümmewiesen und die Wiederaufnahme des Schießens einsetzt, dem Landkreis Verden als Genehmigungsbehörde vor. Die Bürgerinitiative (BI) stellt unter Umweltschutzaspekten die Rechtmäßigkeit der Bau- und Betriebsgenehmigung für die Anlage des Fischerhuder Schützenvereins in Frage und verlangt, das Verfahren neu aufzurollen. „Aber es wird nur gemauert beim Landkreis“, berichtete BI-Sprecherin Annette Dresselhaus am Donnerstag den gut 30 Interessierten, die zum Infoabend der Initiative in den Gasthof Bellmann gekommen waren. „Wir kommen so nicht weiter, wir brauchen einen Rechtsbeistand“, kündigte Dresselhaus die Beauftragung eines Umweltfachanwalts an. Zur Bezahlung des Rechtsbeistands sammelt die BI Spenden.

Unabhängig davon hat der Naturschutzbund (Nabu) eine Klage bereits vorbereitet, wie der Ottersberger Sprecher Jürgen Baumgartner an dem Abend sagte. Unterstützung erhalten die Anlagen-Gegner, die vor allem aus dem benachbarten Baugebiet Appelhoff an der Molkereistraße kommen, auch vom Fischerhuder Grünen-Kreistagsabgeordneten Erich von Hofe, der sich mit den bisherigen Antworten des Landkreises nicht zufrieden gibt und nachbohren will. Von Hofe zufolge hätte die Genehmigungsbehörde 2013 eine hoheitliche Stilllegung des mit Blei verseuchten Bodens durchsetzen können, und „bei einer Stilllegungsverfügung wäre die Betriebsgenehmigung nach drei Jahren erloschen“.

Der Landkreis pocht bisher darauf, dass die 1969 genehmigte Anlage Bestandsschutz genieße und die Betriebserlaubnis nie erloschen sei – weil der Tontaubenschießstand auch nach der 2013 beanstandeten Kontamination in Einzelfällen weiter genutzt worden und es nicht zu einer rechtlich bedeutsamen Nutzungsunterbrechung gekommen sei. Der Fischerhuder Schützenverein hatte im Widerspruch dazu stets betont, dass der Betrieb bis zu einer erfolgten Sanierung ruhe.

Das mittlerweile am Standort der Schießanlage ausgewiesene Landschaftsschutz- sowie EU-Vogelschutzgebiet zählt nicht für den Landkreis bei der Betrachtung des 419 000 Euro teuren Sanierungs- und Reaktivierungsvorhabens, das die Schützen fast ausschließlich über öffentliche Fördergelder finanzieren wollen. Dass abgetragenes bleiverseuchtes Erdreich in Folie verpackt als Wall auf dem Gelände deponiert werden soll, hält die Genehmigungsbehörde für sicher. Fischerhuder Bürger werten eine solche Deponie in den Wümmewiesen als hochgefährlich für Boden und Grundwasser. Erich von Hofe erinnerte an die 2013 festgestellte 20-fache Überschreitung des Grenzwerts beim Blei im Boden: „Das ist Giftmüll – und muss auch so entsorgt werden.“

Heute dürften nach einem Beschluss der Umweltministerkonferenz Wurfscheibenschießanlagen in Feuchtgebieten, Landschafts- und Vogelschutzgebieten gar nicht mehr betrieben werden, auch dürften in Schutzgebieten keine Giftstoffe gelagert werden – dass sich der Landkreis über all das hinwegsetze, sei ein Skandal und Rechtsbruch, hieß es im Saal.

Der erste Gutachter habe am Anfang den Abtransport des verseuchten Bodens empfohlen – das hat die Bürgerinitiative den Akten entnommen, in die ihr der Landkreis nach zähem Ringen schließlich Einsicht gewährte. Es habe Streit zwischen Behörde und Schützen gegeben, sogar Drohungen und alsbald eine Kehrtwende des Kreises, so schilderte eine Bürgerin das in den Akten Nachgelesene.

Eine Vertreterin der BI Waakhausen (Worpswede), die sich in ihrem Ort mit der gleichen Problematik herumschlägt, empfahl den Fischerhuder Akteuren, auf ein Gefährdungsgutachten zu drängen, um den Ist-Zustand festzustellen: „Was ist in 40, 50 Jahren an Blei niedergegangen, und wie tief ist das in die Erde eingedrungen?“

Neben einer „Pseudo-Sanierung“ des bleikontaminierten Bodens befürchten die Gegner nach Wiederaufnahme des Schießbetriebs eine erhebliche Lärmbelästigung der Anwohner sowie der Tierwelt: „Die Knallerei wird die Vögel vertreiben – und das, nachdem Millionen in die Unterschutzstellung dieses Gebiets und der hiesigen Wiesenvögel gesteckt wurden.“

KOMMENTAR

zum Thema von Petra Holthusen

Die in Fischerhude genehmigte Abtragung und Lagerung verseuchten Bodens, von Sanierung mag man gar nicht recht sprechen, ist für alle Beteiligten die billigste Lösung: mit Hilfe vom Land machbar für den ansonsten ruinierten Schützenverein und ganz ohne finanzielles Zutun von Landkreis und Gemeinde. Das verleitet große Teile von Politik und Verwaltung, lieber nicht so genau hinzuschauen.

Aber es ist Zeit, die Köpfe aus dem Sand zu nehmen. Die Billig-Lösung kann teuer werden für Boden und Wasser, existenzielle Lebensgrundlagen. Jeder illegal in der Landschaft entsorgte Kühlschrank ruft einen Aufschrei der Empörung hervor, und in den geschützten Wümmewiesen bleibt ganz legal meterhoch giftiges Schwermetall liegen? Das kann weder rechtens noch ernsthaft gewollt sein. Dass die Folie ewig dicht hält, ist bloß Wunschdenken. Verantwortliches Handeln ist das nicht. Der Landkreis ist gefordert, die Angelegenheit nochmal neu zu denken. Zum einen, um sich nicht dem Verdacht einer kostengünstigen Gefälligkeitsplanung auszusetzen, zum anderen für die Rechtssicherheit seines Handelns. Da gibt es Widersprüchlichkeiten: Entweder ruht das Tontaubenschießen seit 2013, so wie von den Schützen behauptet – dann wäre der Bestandsschutz der Betriebserlaubnis fragwürdig. Oder es wurde zur Vermeidung einer rechtswirksamen Nutzungsunterbrechung zwischendurch geschossen, wie vom Landkreis behauptet – dann hätte er das bei der festgestellten hochgradigen Bodenverseuchung verbieten müssen.

Auch die Gemeinde kann sich nicht länger raushalten, selbst auf die Gefahr hin, eigenes Geld für einen Abtransport des kontaminierten Bodens einsetzen zu müssen: Bestandsschutz für Giftmüll in ihren Wümmewiesen darf sie nicht dulden.

Von Petra Holthusen

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Trumps düstere Botschaft zum Unabhängigkeitstag

Trumps düstere Botschaft zum Unabhängigkeitstag

„Ist das noch Relegation oder schon Kreisliga?“ - Netzreaktionen zu Werder gegen Heidenheim

„Ist das noch Relegation oder schon Kreisliga?“ - Netzreaktionen zu Werder gegen Heidenheim

"Cyberpunk 2077", "Doom Eternal" und "Half-Life": Diese Spielekracher erscheinen 2020

"Cyberpunk 2077", "Doom Eternal" und "Half-Life": Diese Spielekracher erscheinen 2020

So fährt sich ein E-Klapprad

So fährt sich ein E-Klapprad

Meistgelesene Artikel

Eingeebnet und keiner hat’s gesehen

Eingeebnet und keiner hat’s gesehen

Abschiedsfeiern unter Vorbehalt

Abschiedsfeiern unter Vorbehalt

Bereit für die Zukunft

Bereit für die Zukunft

Coronavirus im Seniorenheim: Bislang fünf Todesopfer aus Oytener Einrichtung

Coronavirus im Seniorenheim: Bislang fünf Todesopfer aus Oytener Einrichtung

Kommentare