Damit das Dorf seinen Laden behält

Otterstedter Bürgergemeinschaft will Bergstedts Kaufhaus weiterbetreiben

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Wenn Heino Bergstedt und seine Frau Monika (Mitte) sich zur Ruhe setzen, will eine Bürgergemeinschaft das 135 Jahre alte Kaufhaus mitten in Otterstedt in Eigenregie weiter betreiben: 106 Otterstedter haben bereits Anteile für die Unternehmergesellschaft gezeichnet. Wunsch aller Beteiligten: Die drei langjährigen Angestellten (v.li.) Hildegard Wiese, Petra Köster und Erika Fischer (re.) sollen weiter im Dorfladen tätig sein.

Otterstedt - Im Kaufhaus Bergstedt gibt's alles, was man so zum Leben braucht: neben Brot, Gemüse, Milch, Käse, Wurst und Schokolade auch Nähgarn, Blühpflanzen, Bleistifte, Zeitungen, selbstgestrickte Socken und in der Saison die Karten fürs plattdeutsche Theater. Obendrauf immer ein freundliches Wort und neuesten Dorfschnack – seit 135 Jahren ist das kleine Kaufhaus der Familie Bergstedt zentraler Treff mitten in Otterstedt.

Und das soll so bleiben, auch wenn Heino Bergstedt (84) und seine Frau Monika sich demnächst mal zur Ruhe setzen möchten: Dann will eine Bürgergemeinschaft das Kaufhaus in Eigenregie weiter betreiben.

Um ihren Dorfladen am Leben zu erhalten, haben sich im Ort Menschen zu einem Arbeitskreis zusammengefunden und die Gründung einer Unternehmergesellschaft mit genossenschaftlichem Charakter angeschoben. Nach der von rund 100 Otterstedtern besuchten Gründungsveranstaltung im April haben bis heute 106 Gesellschafter Anteile in Höhe von etwa 40.000 Euro zugesagt.

Gebraucht werden nach Worten von Mitinitiator Dietmar Plath 75.000 Euro Eigenkapital, um Fördermittel im Umfang von 190.000 Euro für das Projekt Dorfladen beantragen sowie Darlehen für notwendige Investitionen aufnehmen zu können. Bis September haben die Otterstedter noch Zeit, Anteile zu zeichnen und ihre Unternehmergesellschaft zur Realisierung des Projekts Dorfladen mit den benötigten Einlagen auszustatten.

Plath ist zuversichtlich: „Die Zahlen sind sehr gut zu diesem Zeitpunkt und der Zusammenhalt bei uns in Otterstedt ist groß.“

Ermutigend ist auch die Wirtschaftlichkeitsprognose, die Grundlage für die Gründung der Unternehmergesellschaft war und die die Initiatoren vor einem Jahr bei Wolfgang Gröll aus Starnberg in Auftrag gegeben hatten. Gröll ist auf Dorfläden spezialisierter Unternehmensberater und begleitet die Otterstedter Bürgergemeinschaft.

Grölls Machbarkeitsstudie habe gezeigt, „dass für einen Dorfladen in Otterstedt die wirtschaftlichen Voraussetzungen sehr positiv sind“, berichtet Plath. Der Standort an der Hauptstraßen-Kreuzung sei ideal und die Bereitschaft der Dorfbewohner, das Projekt zu unterstützen, außergewöhnlich groß. Das folgerte Gröll aus den Umfrageergebnissen im Ort und den vielen vom Start weg gezeichneten Anteilen.

Ziel des Dorfladens ist nicht die Erwirtschaftung von Gewinnen, sondern der dauerhafte Erhalt der Einkaufsmöglichkeit vor Ort als ein Stück Lebensqualität für alle. Damit der Laden überleben kann, reicht laut Gröll ein jährlicher Mindestumsatz von 500.000 Euro. Oder anders gerechnet: „Wenn jede Person im Einzugsbereich des Dorfladens für 4,60 Euro pro Woche hier einkauft.“

Die Mindesteinlage für Teilhaber des Unternehmens liegt bei 250 Euro – der bisherige Schnitt bei 377 Euro. Über diesen Betrag hinaus entsteht den sogenannten stillen Gesellschaftern bei der gewählten Unternehmensform kein finanzielles Risiko. Abgebucht werden die Anteile erst, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind und der Dorfladen an den Start geht. Infozettel und Zeichnungsanträge liegen übrigens im Kaufhaus Bergstedt aus, das am 1. Mai 1884 von Gustav Bergstedt gegründet worden und 1929 in das neu gebaute Geschäftshaus an der Hauptstraße eingezogen war.

Ob die Bürgergemeinschaft das Gebäude kauft oder die 170 Quadratmeter umfassenden Geschäftsräume mietet, steht noch nicht fest. Ohne Immobilienkauf werden die Investitionskosten für Haussanierung, Umbauarbeiten, Einrichtung von neuen Kühl- und Kassensystemen sowie Wareneingang auf 500.000 Euro geschätzt. Wunsch der Gesellschafter ist darüber hinaus die Übernahme der drei langjährigen Bergstedt-Angestellten Hildegard Wiese, Petra Köster und Erika Fischer.

Im vorläufigen Konzept für den Dorfladen formulieren die Projektgründer als Ziele den Verkauf vor allem regionaler Produkte, außerdem die mögliche Angebotsausweitung auf Post- und Paketdienstleistungen, Reinigungsannahme, Lebensmittelbringdienste und ein Café für den dorfgemeinschaftlichen Charakter des Ladens.

Ob in dem Dorfladen zusätzliche Minijobs oder Ehrenämter geschaffen werden und wer die Geschäftsführung übernimmt, das entscheidet sich alles später. Aus ihrer Mitte gewählt haben die 68 Gründungsgesellschafter – jeder Teilhaber hat automatisch Stimmrecht – einen achtköpfigen Gesellschafterrat, der sie vertritt, Entscheidungsbefugnisse hat und alles weitere vorbereitet. Diesen Rat bilden Berthold Röhlmann, Martina Mindermann-Cordes, Susanne Glatz, Thomas Sprengel, Traute Suhr, Heike Drengemann, Heiner Otterstedt und Ortsbürgermeister Rainer Hinrichs.

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