Diskussion in Ottersberg

Forderung an DEA: „Von totem Pferd absteigen“

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„NoMoorGas“: Mehr als 600 Menschen demonstrierten bei der Diskussionsveranstaltung in Ottersberg dem Energiekonzern DEA ihren Widerstand gegen die Erkundung und Bohrung möglicher Erdgasfelder vor ihrer Haustür.

Ottersberg - Von Petra Holthusen. Die Region rebelliert. Mehr als 600 Menschen demonstrierten am Mittwochabend in einer Diskussionsveranstaltung der landkreisübergreifenden Bürgerinitiative „NoMoorGas“ in Ottersberg dem Energiekonzern DEA ihren Widerstand gegen die Erkundung und Bohrung möglicher Erdgaslagerstätten vor ihrer Haustür.

„Steig ab, wenn das Pferd tot ist“, forderte CDU-Landtagsabgeordneter Axel Miesner die DEA angesichts des heftigen Gegenwinds zum Rückzug aus der Region auf. „Lot dat Gas inne Eer“, brachte Renate Maaß, kampferprobte Anti-Fracking-Aktivistin aus dem Keis Harburg, unter donnerndem Applaus den Willen der Bürger auf den Punkt. DEA-Vertreter auf dem Podium bekundeten ihr Anliegen, in einen „ergebnisoffenen Dialog“ treten zu wollen.

Die in den Landkreisen Osterholz und Verden aktive Bürgerinitiative „NoMoorGas“, die sich gegen seismische Messungen und Erdgasförderung in der Region stellt und immer mehr Menschen gegen neue Fördervorhaben der Deutschen Erdöl AG (DEA) mobilisiert, treibt nach Worten des Quelkhorner Sprechers Malte von Monkiewitsch die „beste aller Motivationen: unsere Heimat, unser Zuhause vor Unheil zu bewahren“ – Unheil in Gestalt von Erdbeben, ungeklärten Krebsfällen, Luft- und Trinkwasserverschmutzung, wie es Vorfälle an Gasförderstellen im Raum Langwedel und im Kreis Rotenburg drastisch vor Augen geführt hätten.

3000 X-förmige rote Kreuze als allgegenwärtiges Symbol des Widerstands hätten die Protestler bislang gebaut und mehr als 7000 Unterschriften gesammelt: „Unglaublich, wie diese Region zusammensteht“, sagte von Monkiewitsch bei seiner Begrüßung in der rappelvollen großen Halle der Waldorfschule.

Grünen-Politikerin und „NoMoorGas“-Mitstreiterin Meike Artmann (li.) moderierte die Wortbeiträge der Podiumsgäste und flocht die Fragen aus dem Publikum ein.

Seine Bitte um respektvollen Umgang fand in der professionell organisierten und von zwei Fernsehteams begleiteten Diskussionsveranstaltung über zweieinhalb Stunden Gehör. Souverän moderierte die Lilienthaler Grünen-Ratsfrau und „NoMoorGas“-Mitstreiterin Meike Artmann die Wortbeiträge der Podiumsgäste, flocht geschickt die Fragen aus dem Publikum ein und erntete mit der abschließenden Ansage, dass der Kampf weitergehe, Standing Ovations. 

Dass der am Sonntag gefasste Entschluss der DEA, die ab Januar geplanten seismischen Untersuchungen in der Region auszusetzen und den Erlaubnisantrag beim Landesbergbauamt fürs Erste zurückzuziehen, am Einsatz der Bürgerinitiative nichts ändern werde, hatte diese schon im Vorfeld des Abends betont.

Dass sowohl in den Gemeinden Ottersberg und Oyten als auch auf Landkreisebene politische Einigkeit in der Ablehnung neuer DEA-Vorhaben bestehe, machten die Bürgermeister Horst Hofmann und Manfred Cordes ebenso deutlich wie SPD-Politikerin Dörte Liebetruth: Parteiübergreifend habe sich der Kreistag für den Ausstieg aus der Erdgasförderung in dieser verdichteten Region ausgesprochen, erinnerte die Kreis- und Landtagsabgeordnete. „Wir brauchen eine umfassende Energiewende, die einen Ausstiegsplan für die Erdgasförderung einschließen muss“, bekräftigte Grünen-Landtagsabgeordneter Helge Limburg.

Für Trinkwasserschutz vor Rohstoffgewinnung

„Wir brauchen mehr Zeit, unser Anliegen zu vermitteln“, begründete Dr. Olaf Mager, bei der DEA in Hamburg zuständig für externe Kommunikation, den aktuellen Stopp der Seismik-Kampagne. Für die schlecht gelaufene Kommunikation und die von Bürgern scharf kritisierte Vorgehensweise, ohne Aufklärung bei Grundstückseigentümern an der Haustür Betretungserlaubnisse eingesammelt zu haben, entschuldigte sich Mager. 

Über „das Ob und Wie von Erdgasförderung in dieser Region“ und wie der Ausstieg aus Atomkraft und Kohle ohne Erdgas gelingen solle, darüber wolle das Unternehmen nun mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen. Es gebe keine Pläne, den jetzt zurückgezogenen Antrag auf „Aufsuchungserlaubnis“ neu zu stellen, sagte Mager: „Inwieweit wir das Projekt nochmal aufgreifen, hängt von den Rahmenbedingungen ab.“

DEA-Seismikprojektleiter Alexander Prexl kündigte einen „ergebnisoffenen Dialog“ an. „Ich weiß gar nicht, welche Dialoge Sie noch führen wollen – die DEA kann ihr Ding hier nicht durchziehen“, konterte MdL Axel Miesner. DEA-Sprecher Mager spielte den Ball zurück: „Es ist nicht unmoralisch, Erdgas zu fördern – wir tun nichts Ungesetzliches. Wenn Sie das nicht wollen, müssen Sie die Gesetze ändern.“

Die drei auf dem Podium vertretenen Landtagsabgeordneten versprachen den Menschen im Saal, beim Landesbergbauamt darauf hinzuwirken, dass die Ende Juli ablaufende Erlaubnis der DEA für Bodenexplorationen in dieser Region auf keinen Fall verlängert werde, und auf Bundesebene darauf Einfluss zu nehmen, dass das Bundesberggesetz geändert werde: Der Vorrang von Rohstoffgewinnung vor dem – gefährdeten – Trinkwasserschutz müsse gestrichen werden, waren sich die Politiker einig. Aber „dazu brauchen wir jede Menge Druck aus der Region“, betonte MdL Liebetruth.

Kommentar: Druck muss sich jetzt gegen Politik richten

Von Petra Holthusen. Gut und weit vernetzte bürgerliche Widerstandsbewegungen können enorme Wucht entfalten. Das zeigt die Initiative „NoMoorGas“ mit ihrem beeindruckenden Engagement und Erfolg.

Die DEA kriegt in dieser Region so schnell kein Bein mehr an die Erde, allein weil es kaum noch Boden geben dürfte, den sie betreten darf, geschweige denn beproben oder anbohren. Den Gasförderer in eine Moraldebatte über sein unternehmerisches Geschäftsfeld mit fossilen Brennstoffen verwickeln zu wollen, ist jedoch verschwendete Energie. An der Fleischtheke fragt auch niemand seinen Schlachter, warum er immer noch Wurst macht und nicht Tofu.

Der Druck der Bürger muss sich jetzt gegen die Politik in Land und Bund richten, die den Rechtsrahmen zur Erdgasgewinnung festlegt und die per Gesetzgebung die Energiewende beschleunigen kann – oder eben auch nicht. Die Gemengelage widerstreitender Interessen mit Abbaurechten, wirtschaftlichen Strukturen, Erträgen für die klamme Staatskasse und Lobbyismus ist komplex – das dauert alles.

Derweil dürfen wir als Energieverbraucher uns auch gern an die eigene Nase fassen. Wer gegen Erdgasförderung vor der eigenen Haustür ist, kann nicht gleichzeitig gegen Windkraft- oder Biogasanlagen in der Nachbarschaft wettern. Oder Elektroautos und Ökostromtarife zu teuer finden, Billigfliegern huldigen oder Kreuzfahrtschiffe entern, die ihr Schweröl vor anderer Geschöpfe Nase verbrennen.

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