Ein Jahr Ottersberger Demenz-Gesprächskreis

Auszeit für Angehörige – zum Austauschen und Aussprechen

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Jutta Hagenah, Monika Meyer, Ingrid Dreyer, Almut Rattey und Ilse von Spreckelsen (v.li.) leiten den Demenz-Gesprächskreis für Betroffene und deren Angehörige. 

Ottersberg - Von Petra Holthusen. „Der Alltag mit einem Demenzkranken zu Hause ist ein 24-Stunden-Job sieben Tage die Woche“, schildert Monika Meyer. Die hohe körperliche und seelische Belastung führt pflegende Angehörige an ihre Grenzen und darüber hinaus.

Und nicht selten in die Isolation. Zeit und Raum, sich auszusprechen, Unterstützung und Entlastung zu erfahren und auch mal unbeschwert zusammen zu lachen, bietet der Demenz-Gesprächskreis für Betroffene und deren Angehörige, den fünf ehrenamtlich engagierte Frauen des DRK in Ottersberg einmal im Monat anbieten. Die Gruppe, die zurzeit acht Angehörige und fünf Erkrankte zählt, läuft seit einem Jahr – „und das Jahr ist gut gelaufen“, resümieren Koordinatorin Monika Meyer und ihre Mitstreiterinnen Jutta Hagenah, Ilse von Spreckelsen, Ingrid Dreyer und Almut Rattey.

Immer am 3. Dienstag eines Monats trifft sich der Demenz-Gesprächskreis nachmittags im Ottersberger DRK-Heim. Die fünf Gastgeberinnen, die sich vor dem Start ein Jahr lang sorgsam durch Qualifizierungen und Fortbildungen fachlich auf die Leitung einer solchen Gruppe vorbereitet hatten, sorgen für Wohlfühlatmosphäre mit Tischdekoration und selbstgebackenem Kuchen. Gemeinsame Rituale werden gepflegt und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl: Eröffnungslied, Kaffeetafel und eine vorgelesene Geschichte, die meist in den 30er bis 50er Jahren spielt und frühe Erinnerungen der Demenzkranken anspricht.

Parallel-Angebot für die Erkrankten

Danach trennen sich die Grüppchen. Ilse von Spreckelsen, Ingrid Dreyer und Almut Rattey bleiben mit den Erkrankten im Raum und beschäftigen sich mit ihnen. Angehörige können zwar auch allein zu dem Gesprächskreis kommen, aber für ihre von Demenz betroffenen Partner oder Eltern will die Gruppe ebenso eine verständnisvolle Anlaufstelle sein. Denn für die Erkrankten, die unter fortschreitendem Verlust ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten leiden, ist es im Alltag nicht mehr selbstverständlich, etwas vorzuhaben, mal rauszukommen und soziale Kontakte zu pflegen.

„Wir hören Musik, singen, tanzen, lachen, spielen kleine Spiele“, erzählt Ilse von Spreckelsen. Wichtig sei es, sich auf die Demenzkranken einzustellen und nicht umgekehrt, sich in sie hineinzuversetzen und sich wertschätzend mit ihnen zu unterhalten – denn „der Verstand verlässt den Menschen, aber das Herz wird nie dement“. Alte Spiele und Lieder aktivieren Erinnerungen: Immer wieder sind Ilse von Spreckselsen und ihre Kolleginnen verblüfft, wie textsicher die dementen Menschen Volkslieder aus ihrer Jugend singen: „Wir selbst müssen den Text ablesen – aber sie singen einfach ganz flüssig mit.“

“Alles loswerden können, was ihnen auf der Seele liegt“

Die in den Nebenraum gewechselten Angehörigen finden in der Zeit Gelegenheit zum vertrauensvollen Austausch. Monika Meyer und Jutta Hagenah liegt am Herzen, dass die Angehörigen „sich erstens austauschen und zweitens alles loswerden können, was ihnen auf der Seele liegt“. Dass alles Gesagte den Raum nicht verlasse, sei oberstes Gebot, betont Monika Meyer. Manchmal habe jemand ganz viel zu erzählen, weil in vier Wochen so viel passiert sei, weil sich der Zustand des betreuten Angehörigen verschlechtert habe und der Alltag so schwer geworden sei. Manchmal möchte jemand auch gar nichts sagen, sondern einfach nur da sein, „weil er gerade so fertig ist“. Man dürfe ja nicht vergessen, dass die betreuenden Angehörigen auch alle keine 25 mehr seien und dass es ja nicht besser werde mit der Krankheit, sondern stetig schlimmer: „Das weiß jeder, der hier herkommt.“ Besonders schwer sei für Angehörige, dass der Demenzkranke „ja nicht mehr der Mensch ist, den sie mal geheiratet haben oder den sie als Mutter oder Vater gekannt haben – das ist jetzt eine andere Persönlichkeit“.

Trotz allem werde bei den Treffen auch viel gelacht. Aber dass hier erstmal „alles abgeladen werden kann und die Betroffenen sich öffnen können“, ist für die Gruppenbetreuerinnen Lohn ihres Engagements: „Das ist Hilfe, die ankommt“, haben sie festgestellt, „wir sind froh, mit unserer Arbeit den Betroffenen ein bisschen Hilfe sein zu können. Wir tun etwas Sinnvolles – und man kriegt auch viel zurück.“

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