Bürgerinitiative macht mobil gegen Reaktivierung des Fischerhuder Wurfscheibenschießstands

„Die Auflagen sind doch ein Witz“

Gegen die Reaktivierung des Wurfscheibenschießstands in den Wümmewiesen wehrt sich in Fischerhude eine Bürgerinitiative um Annette Dresselhaus und Jürgen Masuch. Foto: Holthusen

Fischerhude - Von Petra Holthusen. Gegen die Sanierung in der geplanten Form und die anschließende Reaktivierung des stillgelegten, weil bleiverseuchten Wurfscheibenschießstands der Fischerhuder Schützen in den Wümmewiesen regt sich Widerstand im Ort. Vor allem nahe des Schießstands wohnende Anlieger der Molkereistraße wehren sich gegen die von ihnen befürchtete Lärmbelästigung und Umweltschädigung. Zurzeit bildet sich eine Bürgerinitiative um Annette Dresselhaus und Jürgen Masuch. Dresselhaus hat bei der baurechtlichen Genehmigungsbehörde des Landkreises Akteneinsicht beantragt. Sie kann sich nicht erklären, auf welcher Grundlage solch eine Schießanlage im Landschaftsschutzgebiet zugelassen werde. „Die Auflagen sind doch ein Witz“, meint Masuch. Und das Zusammenschieben des kontaminierten Erdreichs zu einem Wall sei eine „Pseudo-Sanierung“.

Dresselhaus wohnt seit fünf Jahren im Neubaugebiet Appelhoff an der Molkereistraße. Sie und andere fühlen sich von der Gemeinde hintergangen: Niemand sei beim Hauskauf auf die ruhende Wurfscheibenschießanlage ein paar hundert Meter weiter hingewiesen oder später am Genehmigungsverfahren zur Wiederaufnahme des Schießbetriebs beteiligt worden. Neubürger seien entsetzt und enttäuscht: Sie hätten Angst vor der Lärmbelastung gerade am Wochenende und den Umweltschäden.

„Am Anfang habe ich mich nur übergangen gefühlt, aber je mehr ich mich damit beschäftigte, umso empörter wurde ich“, sagt Dresselhaus. Die geplanten Sanierungsmaßnahmen seien fragwürdig: „Das bleikontaminierte Erdreich soll auf dem Gelände zusammengeschoben und nicht abtransportiert werden. In Waakhausen bei Worpswede hat man die Sanierung vor über zehn Jahren auch auf diese Weise durchgeführt. Inzwischen hat die Folie, die zum Schutz des Erdreichs angebracht wurde, undichte Stellen.“ Mit der – erfolgreichen – Bürgerinitiative in Waakhausen sind die Fischerhuder in engem Austausch. „Auch dort wurde das neu aufgefahrene Erdreich mit einer Gewebefolie abgedeckt, damit Tonscheiben und Schrotreste angesammelt werden könnten. Da diese Plane wasserdurchlässig ist und auch sein muss, war sie schon nach einigen Jahren völlig von Gräsern durchwachsen. Ein Absammeln der Schießreste war gar nicht mehr möglich“, wissen Dresselhaus und Masuch.

Neben der Bleiverseuchung und dem Schießlärm sorgen sie sich um die Vogelwelt in dem Landschaftsschutzgebiet: Kiebitz, Brachvogel, Feldlerche, Schnepfe, Bekassine und sogar der auf der Roten Liste stehende Wachtelkönig hätten dort wieder ihren Lebensraum erobert und würden bei der Reaktivierung des Schießplatzes empfindlich gestört. „Gerade die Jäger sollten doch darauf bedacht sein, diese Natur zu schützen, anstatt so eine Balleranlage in die Landschaft zu stellen“, meint Masuch.

Bei Behörden und Politik findet die Bürgerinitiative bislang wenig Unterstützung, aber sie hat ein klares Ziel: „Das Verfahren muss neu aufgerollt werden. In einem Feuchtgebiet darf heute keine Schießanlage mehr gebaut werden, und man kann doch nicht einfach nach sieben Jahren an die alte Genehmigung anknüpfen.“

Kontakt

a.e.dresselhaus@posteo.de

Hintergrund

Seit 1969 schossen Sportschützen und Jäger auf dem Wurfscheibenschießstand in den Wümmewiesen mit Flinten und Bleischrot auf fliegende Ziele. Das Tontaubenschießen in freier Natur war beliebt, ging aber auf Kosten der Umwelt: Munition und Wurfscheibenreste kontaminierten den Boden. 2013 hatte die Verseuchung mit Blei, einem giftigen Schwermetall, einen alarmierenden Wert erreicht, der zur zwangsweisen Stilllegung der Anlage führte. Seitdem bemüht sich der Fischerhuder Schützenverein, die technischen und rechtlichen Voraussetzungen zu erfüllen, um das Tontaubenschießen wieder aufnehmen zu können. Die Betriebserlaubnis ist nie erloschen, sondern ruht nur. Und weil sie älter ist als der amtlich verordnete Schutzstatus für diesen Teil der Wümmewiesen, genießt die Anlage in dem Landschaftsschutzgebiet Bestandsschutz. Bodensanierung und Neupräparierung nach heutigem umwelttechnischen Standard sowie die Erneuerung baulicher Anlagen sind mit rund 420 000 Euro kalkuliert. Die allein für die Bodenbereinigung veranschlagten gut 250 000 Euro sollen aus einem Landesprogramm für die Sanierung verseuchter Böden bezahlt werden. Der Förderbescheid allerdings steht noch aus: Er warte täglich auf die Entscheidung, sagt Udo Wunderlich, Vorstandsbeauftragter der Fischerhuder Schützen für das Projekt, auf Nachfrage. Deshalb gebe es noch keinen Starttermin für die Sanierung. Für die knapp 170 000 Euro, die die Schützen zum Anlagenneubau benötigen, erhielten sie bereits voriges Jahr die 90-prozentige Förderzusage von Landessportbund, Landkreis und Gemeinde. Die Baugenehmigung liegt laut Wunderlich ebenso vor wie die Genehmigung zum Weiterbetrieb der Anlage nach Abschluss der vereinbarten Sanierung. Der genehmigten Planung zufolge soll das kontaminierte Erdreich abgeschoben, auslaufsicher verpackt und in einer Wallanlage auf dem Gelände eingelagert werden. Nach Wiederauffüllung der abgetragenen Fläche soll diese mit einem Vlies abgedeckt werden, von dem die Schrote – künftig aus Weicheisen – und die Wurfscheibenreste regelmäßig abgesammelt werden sollen. Die Betriebsgenehmigung enthält auch Lärmschutzauflagen, die pro Monat sieben Veranstaltungen à 900 Schuss erlauben. Geschossen würde voraussichtlich samstagvormittags und sonntagnachmittags.

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