Sohlgleitenbau im Wümme-Südarm in Ottersberg

Abriss von Wehr 5 beginnt

Baubesprechung an Wehr 5
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Baubesprechung an Wehr 5: (von links) Fischereivereinsvorsitzender Rolf Puvogel, Lena Koslowski von der Unteren Naturschutzbehörde, Christian Meyer von der Fachfirma Mittelweser-Tiefbau, die verantwortliche Planerin Solveig Schnaudt vom Ingenieurbüro IDN, Carsten Puvogel vom Unterhaltungsverband Untere Wümme und Projektingenieur Musaab Shamo vom Büro IDN.

Ottersberg – „Ein bisschen trockener wäre gut...“ Ingenieurin Solveig Schnaudt blickt besorgt über das Brückengeländer auf den abgepumpten Teil der Wümme. Im Flussbett steht schon wieder knöcheltief Wasser, durch das ein Bagger pflügt, um mit Sand und Steinen das Rinnsal zu unterdrücken und einen Fahrweg zu bahnen: Die Tiefbauspezialisten müssen unter der Brücke zur tonnenschweren Stahlklappe von Wehr 5 durchdringen, um sie Stück für Stück abzuflexen und auszubauen.

Wo sich die Wümme in den Wiesen zwischen Posthausen und Ottersberg teilt, nimmt der südliche Flusslauf gerade einen künstlich geschaffenen Umweg über den Nordarm. Kurz hinter dem Abzweig wurde der Südarm auf einer Länge von rund 300 Metern mit Spundwänden und Wällen eingedeicht und leer gepumpt. Für den als nächstes anstehenden Abriss der Wehrklappe und die anschließende Anlage einer strömungslenkenden Steinstrecke musste die Baustelle trockengelegt werden. Aber der Fluss wehrt sich hier und da und drückt nach.

Dabei wollen alle Projektbeteiligten das Beste für die Wümme, ihre ökologische Durchlässigkeit und Aufwertung: Im Auftrag der Naturschutzbehörde des Landkreises Verden wird im Südarm das Wehr 5, ein mächtiges Staubauwerk zur künstlichen Regulierung des Wasserstandes, zurückgebaut. Stattdessen wird eine für Fische und andere Flusstiere frei passierbare Sohlgleite angelegt, über die auf mehr als 300 Metern Länge ein Höhenunterschied von 1,18 Metern abgebaut wird. Statt mit Getöse über das Wehr in die Tiefe zu rauschen, wird die Wümme hier künftig über eine Drosselstrecke geführt und plätschert dann weiter durch ein Raugerinne mit Störsteinen.

Für die wasserbauliche Anlage und die Umgestaltung des Lebensraums Wümme an dieser Stelle, so erklärt Planerin Solveig Schnaudt vom beauftragten Oytener Ingenieurbüro IDN, wird das Flussbett mit Sand und Steinen neu profiliert. Für die Stabilität der Aufschüttungen werden die einzelnen Gefälleabschnitte durch Querriegel aus hochkant gesetzten Steinen geschützt. In genau berechneten Abständen werden die sogenannten Störsteine in die Rinne gesetzt: Felsbrocken, die als natürliche Widerstände für Strömungsdiversität sorgen. So entstehen Zonen mit unterschiedlichen Fließgeschwindigkeiten und zudem an den natürlich geformten Steinen Schutzräume für Fische und Kleingetier.

Das mit der Ausführung der Arbeiten betraute Unternehmen Mittelweser-Tiefbau aus Warpe arbeitet mit „drei Sorten Steinen“, so Bauleiter Christian Meyer. Die Steine, eiszeitliche Fundstücke aus dem norddeutschen Raum, haben verschiedene Größen. Als Störsteine werden richtig große Felsbrocken eingesetzt – laut Meyer rund 200 an der Zahl. Bereits angefahren wurden 3500 Kubikmeter Sand – die Berge am Wümmeufer sind schon von weitem zu sehen. Dazu kommen nach Worten von Solveig Schnaudt noch 1000 Kubikmeter, die kürzlich beim Ausbaggern des Sandfangs im Südarm angefallen sind und nun an anderer Stelle im Fluss wieder zum Einsatz kommen.

Dieser Sohlgleitenbau in der Wümme ist wegen der Wehr-Entkernung deutlich aufwendiger als andere und deshalb auch teurer. Rund 550.000 Euro betragen die Baukosten nach Angaben von Lena Koslowski, Mitarbeiterin der Naturschutzbehörde des Kreises. 90 Prozent zahle das Land Niedersachsen aus EU-Mitteln, die restlichen zehn Prozent der Landkreis. Umgesetzt werde das Projekt auf Grundlage verschiedener Naturschutz- und Wasserrahmenrichtlinien, die auf einen „guten ökologischen Zustand von Fließgewässern“ abzielen. Für diesen sei die barrierefreie Durchgängigkeit des Flusses für seine Bewohner ein wesentlicher Punkt.

Für freie Bahn wird also die Wehrklappe demontiert – die überfahrbare Brücke an Wehr 5 bleibt jedoch stehen, ebenso das Häuschen mit der Wehrsteuerung. Das Zeitfenster für den Sohlgleitenbau ist punktgenau zwischen den Wanderzeiten der Fische und den zu erwartenden Winterhochwassern angesetzt. Mitte Oktober soll das Projekt abgeschlossen sein. Apropos Hochwasser: Gefahren dieser Art gehen vom Abbau des Stauwerks nicht aus, sagt Lena Koslowski: „Das ist alles vorher genau berechnet.“ Ansonsten hätte es gar keine Genehmigung gegeben: „Hochwasserschutz geht immer vor Naturschutz.“ Mögliches Hochwasser in der Wümme fließt künftig „über das aufgeweitete Profil ab“, ergänzt Solveig Schnaudt. Auch wenn es nahe an der Natur sei: „Es bleibt ein technisches Bauwerk“ und sei dementsprechend berechnet.

Um den Tierbestand im trockengelegten Teil der Wümme kümmerte sich übrigens der Sportfischerverein Ottersberg. Zwölf Angler waren nach Worten des Vorsitzenden Rolf Puvogel zwei Tage lang mit Zugnetzen und Keschern im Einsatz, um Fische und Krebse umzusetzen. Darunter viele Weißfische, aber auch größere Raubfische und „jede Menge Nachbrut des Flussneunauges“, so Puvogel. „Wir haben sogar wieder Flusskrebse gefunden“ – und das sei ein gutes Zeichen für die Qualität des Gewässers. Auch die Fischer sind angetan von der Renaturierung der Wümme und den Steinaufschüttungen: „Das tut den Fischen wie etwa der Meerforelle, die hier durchzieht, gut“, sagt Puvogel.

Von Petra Holthusen

Mit Sand und Steinen arbeitet der Bagger gegen nachlaufendes Wasser im eingedeichten Südarm. Für den Abriss der Wehrklappe muss die Baustelle noch trockener werden.
Lena Koslowski von der Naturschutzbehörde des Landkreises zeigt das Bauinformationsschild an Wehr 5.

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