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Auf dem Weg zum Führerschein: Ohne „Lappen“ in Richtung „weiße Mäuse“

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Von: Markus Wienken

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Etliche Einträge, aber alles korrekt: der „Lappen“ von Heinrich Thalmann.
Etliche Einträge, aber alles korrekt: der „Lappen“ von Heinrich Thalmann. © wienken

Der „Lappen“, dieses graue Dokument, ist ein Auslauf-Modell unter den Führerscheinen. Das, die Fotos der Besitzer und die Geschichten, die sich um den jeweiligen Erwerb ranken, machen ihn um so wertvoller. Auch der Döhlberger Heinrich Thalmann kann so manche Anekdote dazu beitragen.

Verden – Der Junge, knapp neun Jahre alt, klammerte sich am Lenker fest, rutschte aus dem für ihn mächtigen Schalensitz, während der Motor des Hanomag unaufhörlich wubberte und vibrierte. Dann streckte der Neunjährige sein linkes Bein durch, hangelte und mühte sich, doch es reichte einfach nicht. Er kam nicht an die Kupplung. Papa Thalmann stand auf dem Acker, schob den Fuß des Sohnemanns beiseite, drückte die Kupplung mit seiner mächtigen Hand durch, legte den Gang ein, und langsam setzten sich Trecker und Heinrich in Bewegung. „Auf dem Hof helfen, Treckerfahren, damit sind wir groß geworden. Ging gar nicht anders“, lacht Heinrich Thalmann. „Aber ohne Führerschein?“ Thalmann schmunzelt und wiederholt: „Das war halt so und ging gar nicht anders.“

Mit dem Trecker im Kriechgang übers Feld

In der Landwirtschaft, in Döhlbergen ist Heinrich Thalmann groß geworden. Auf dem Hof musste jeder mit anpacken, eben auch schon als Neunjähriger. „Auf dem Feld, wenn wir da und wie wir da unterwegs waren, das hat doch überhaupt keinen interessiert. Die Polizei schon gar nicht. Passieren konnte nichts, denn der Trecker fuhr nur im Kriechgang, völlig ungefährlich“, erinnert sich Thalmann. Nur mit der Reichweite der Beine, da hatte der Jungspund zu Beginn so seine Probleme. „Aber mein Vater war immer dabei, dann klappte es auch mit dem Kuppeln.“

Und der Neunjährige wurde größer – und mit dem Alter wuchsen die Aufgaben. Auf dem und auch abseits des Ackers. „Auf dem Feld, mit dem Trecker, das war im Winter kein Vergnügen“, so Thalmann. „Bei eisiger Kälte die Furchen sauber ziehen, die Bahnen immer hoch und runter, Kabinen auf dem Hanomag gab es nicht, der Wind pfiff am Weserdeich in Döhlbergen, wir waren immer ordentlich durchgefroren in der kalten Jahreszeit.“

Mit 13 von der Polizei erwischt

Also ab nach Hause, in die warme Bauernstube. Im Dezember des Jahres 1966 muss es gewesen sein, als Thalmann, damals 13 Jahre alt, mit seinem Trecker vom Acker fuhr und den Weg in Richtung Heimat nahm. Er vorneweg, Vaddern mit dem zweiten Trecker hinterher. Und dann sah Thalmann in der Ferne etwas Helles leuchten. Sterne waren es nicht, doch was sollte er machen, es gab nur den einen Weg, also ruckelte der Jungbauer das Steinpflaster weiter, den beiden hellen Punkten entgegen und damit den dort stehenden Polizisten direkt in die Arme. Die tippten sich höflich an ihre weiße, eben helle, Kopfbedeckung, und nahmen das „Milchgesicht“ – Thalmann über Thalmann – ins Gebet. „Na ja, war nicht schwer zu erkennen, dass es angesichts meines Alters bei mir noch nicht zum Führerschein reichte“, erzählt Thalmann. Rein sporadisch verlangten die Beamten, in diesem Falle zwei Polizisten mit Motorrädern, die Papiere. Vater Thalmann war zwischenzeitlich mit seinem Gefährt zur Verstärkung nachgerückt und eilte dem Junior zur Seite. Verhindern konnte er den weiteren amtlichen Werdegang indes nicht. „Es gab natürlich eine Anzeige, das ganze Programm eben“, so Thalmann. „Ein 13-Jähriger allein auf dem Trecker, da konnten die weißen Mäuse wohl keine Ausnahme machen.“

Amtsgericht brummte eine Geldstrafe auf

Allerdings musste zunächst einmal der Trecker nach Hause auf den Hof. Die Frage nach dem wie stellte sich nicht. „Als die beiden Polizisten weg waren, bin ich rauf auf den Hanomag, mein Vater hinter mir stieg ebenfalls auf und ab die Post“, berichtet Thalmann. Soweit lief alles glatt, die Trecker zu Hause, nun hieß es, warten auf die Post.

Die kam dann auch. „Vom Amtsgericht Verden, mit einer Vorladung, Datum und Uhrzeit inklusive“, erinnert sich Thalmann. Klar ging ihm ein wenig die Düse, als er da, sauber gekämmt, allein vor dem Richter stand. „War letztendlich aber halb so wild. Ein bisschen Gardinenpredigt und eine Geldstrafe“, erzählt der 68-Jährige. Die hielt sich in Grenzen. 30 Mark brummte ihm der Amtsrichter auf, die Strafe beglich Senior Thalmann. Der brauchte schließlich seinen Sohn weiterhin – auch ohne Führerschein – als Unterstützung auf dem Hof. „Das war damals halt so und ging gar nicht anders“, so Thalmann Junior.

Genuss von Freiheit auf der Kreidler

Seinen „Lappen“ machte Thalmann wenige Jahre dann auch ordnungsgemäß und nach den üblichen Regeln. Zunächst mit 16 Jahren Klasse vier, nicht nur für den Trecker, sondern auch für Zweiräder geeignet. „Eine Kreidler, großes Nummernschild, mehr als 80 Stundenkilometer, das war eine feine Sache – und ein Stückchen neue Freiheit“, erinnert sich der Döhlberger.

Zwei Jahre später dann Führerschein Klasse drei. Sechs Fahrstunden reichten – die jahrelange Schulung auf dem Trecker inklusive 30 Euro Strafgeld machten sich offensichtlich bezahlt –, der Fahrlehrer bat den 18-Jährigen zur Prüfung. Auch die blieb unvergessen. Thalmann steuerte in Verden auf der Hohen Leuchte das Auto in Richtung Bremer Straße. An der Einmündung – eine Ampel gab es damals nicht – schnitt ein Fahrzeug mit Anhänger die Kurve, kam dem Prüfungswagen bedrohlich nahe. „Es gab nachfolgend einen ordentlichen Streit zwischen dem Prüfer und dem Fahrer des Gespanns“, so Thalmann. Den Wortlaut des Zwists? „Der ist nicht druckreif“, lacht Thalmann. Er selbst hatte hingegen keinen Grund zu schimpfen. „Die Prüfung ging reibungslos über die Bühne.“

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