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Notfallseelsorgerin Corinna Schäfer: Erste Hilfe für den Geist

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Von: Katrin Preuß

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Sich an einen Baum lehnende Frau mit Brille. Sie trägt eine lilafarbene Jacke mit Reflektorstreifen.
Die Westener Pastorin Corinna Schäfer ist die neue leitende Notfallseelsorgerin im Landkreis Verden. In diesen besonderen Notdienst eingebunden sind alle hiesigen Pastorinnen und Pastoren plus eine Ehrenamtliche. © Preuß

Westen/Landkreis – Als Beistand an einem Unfallort, bei häuslichen Notfällen mit tödlichem Ausgang oder als Begleitung der Polizei beim Überbringen schlimmer Nachrichten: Wenn die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle sie ruft, sind sie da, die Notfallseelsorger in ihren lilafarbenen Westen.

28 Pastorinnen und Pastoren sowie eine Ehrenamtliche verrichten den Dienst

Im Landkreis Verden verrichten neben einer Ehrenamtlichen die 28 Pastorinnen und Pastoren des Kirchenkreises umschichtig diesen so wichtigen Dienst. Sie kommen in Situationen, in denen das Leben aus dem Ruder gelaufen ist, ganz akut. Sie hören zu, wenn jemand reden möchte. Sie können erste Fragen beantworten wie „Kann ich ihn noch einmal sehen?“. Oder sie sind einfach da. Das kann eine Stunde dauern, aber auch mal drei oder mehr.

55 Einsätze im Jahr 2021

55 Mal wurden die Notfallseelsorger allein im vergangenen Jahr angefordert, am häufigsten, zu 80 Prozent, waren es sogenannte innerhäusliche Einsätze, wie der unerwartete Tod eines Angehörigen in den eigenen vier Wänden. Meistens, in zwei Dritteln der Fälle, klingelte das Handy des Diensthabenden dabei am Abend oder in der Nacht.

Corinna Schäfer übernimmt Amt des leitenden Notfallseelsorgers von Ulrich Wilke

Liefen die organisatorischen Fäden bislang beim Achimer Pastor Ulrich Wilke zusammen, so ist mit dessen Ruhestand das Amt des leitenden Notfallseelsorgers nun der Westener Pastorin Corinna Schäfer übertragen worden. „Meine Aufgabe ist es sicherzustellen, dass das System gut funktioniert – für alle Beteiligten“, umreißt sie grob, was mit dem Amt verknüpft ist.

Kontakt pflegen und Vernetzung als Aufgaben

Das Erstellen der Dienstpläne übernimmt Ephoralsekretärin Natali Fell in der Superintendentur. Corinna Schäfer freut’s. Ihr Job ist es unter anderem zu vernetzen, den Kontakt zu pflegen zu anderen Kirchenkreisen, vor allem aber zur Leitstelle, zu den Feuerwehren, der Polizei. Genauso wie Fortbildungen anzubieten, zumal das Ehrenamt zukünftig auch in der Notfallseelsorge eine größere Rolle spielen wird. Oder Supervisionen, Gespräche, als Nachsorge für die Kolleginnen und Kollegen.

Sieben Tage lang rund um die Uhr in Rufbereitschaft

Über all das hinaus ist auch die 37-Jährige im Schnitt viermal pro Jahr für den Notdienst eingeteilt. Mal im Hintergrund, quasi als Vertretung, mal als Diensthabende. Das bedeutet dann, sieben Tage lang rund um die Uhr in Rufbereitschaft zu sein.

Corinna Schäfer ist seit 2017 als Pastorin in der Kirchengemeinde Westen tätig. Drei Jahre später übernahm sie dazu die Krankenhausseelsorge in der Aller-Weser-Klinik in Verden. „Da bin ich richtig“, hatte sie bereits während ihres Vikariats bei Krankenbesuchen festgestellt. Sie habe gemerkt, dass ihr das liege, dass sie eher der Typ sei für tiefe Gespräche als für Small Talk.

Gott, der Glauben, die Kirche, all das spielt hier bei Corinna Schäfer nur dann eine Rolle, wenn es passt. Sie selber stelle sich am Krankenbett daher nicht als Pastorin vor, berichtet die 37-Jährige wohlwissend, dass ihr Amt durchaus Sicherheit geben könne, weil ein Pastor sich nach Meinung vieler eben mit diesen Themen auskennt.

Gespräche in der Klinik: Grenzerfahrungen und schlimme Diagnosen

Bei den Gesprächen in der Klinik geht es um Grenzerfahrungen, schlimme Diagnosen, die Angst vor dem Sterben oder davor, vielleicht nicht mehr nach Hause zu können, sondern in ein Heim zu müssen. „Das Krankenhaus zeigt uns, wie begrenzt wir doch sind. Man gibt die Kontrolle dort ja komplett ab“, sagt Corinna Schäfer.

In Ausnahmesituationen auf das Gefühl angewiesen

Und wenn sie als Pastorin auch in ihrer Ausbildung auf den Umgang mit Menschen in Ausnahmesituationen vorbereitet wurde, so gibt es doch nicht wirklich einen roten Faden für die Gesprächsführung, keine innere Checkliste, die man abarbeiten könnte. Meistens sei man doch auf sein Gefühl angewiesen. „Was uns erwartet, wissen wir erst, wenn wir in der Tür stehen“, sagt sie über die Notfallseelsorge.

Einsatz als „schrecklicher Eingriff in die Privatsphäre“

Zur Vorbereitung auf ihr neues Amt hat Corinna Schäfer trotzdem noch einmal den Basiskurs in Sachen Notfallseelsorge absolviert – und als „sehr erhellend“ empfunden. Denn, so wichtig und gut gemeint ein solcher Einsatz auch ist, es bleibt „ein schrecklicher Eingriff in die Privatsphäre, den wir nur zulassen, weil uns geholfen wird“. Das frisch erworbene Wissen um die typischen Abläufe an einem Einsatzort kann da helfen, die innere Aufruhr bei den Betroffenen nicht noch zu verstärken.

Erste Hilfe für die Seele

„Unser Job ist wirklich die Erste Hilfe für die Seele“, sagt Corinna Schäfer. „Wir stellen keine Diagnose, wir verabreichen keine Medikamente.“ Der Besuch des Notfallseelsorgers bleibt ein einmaliger, aber ohne Zeitlimit. „Die Gespräche begrenzen sich selbst“, weiß die 37-Jährige. „Körper und Seele sorgen selbst dafür, dass sie Erholung kriegen.“

Gibt es darüber hinaus weiteren Bedarf an einem Beistand, kann an den jeweiligen Pastor am Ort oder auch an den sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises verwiesen werden.

Menschen eine erste Orientierung geben

Bei der Notfallseelsorge gehe es darum, den Menschen eine erste Orientierung zu geben, ihnen zu ermöglichen, sich selber und die Situation klar zu sehen und sie zurückzulassen mit dem Gefühl, handlungsfähig zu sein. „Wenn es gut läuft, sind die Betroffenen so weit hergestellt, dass sie sich weitere Hilfe selber holen können“, erklärt die Pastorin. Dann fährt auch sie mit einem guten Gefühl weg und denkt sich: „Gut, dass ich da war.“

Notfallseelsorge: Auch Ehrenamtliche können sich in der Notfallsorge engagieren. Wer Interesse an einer solchen Ausbildung hat, kann sich mit Corinna Schäfer in Verbindung setzen, Telefon 0170/5512334, E-Mail corinna.schaefer@evlka.de.

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