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Kirchlintler Hilfswelle rollt Richtung Ukraine

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Von: Reike Raczkowski

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Neun Männer vor einem Reisebus.
Diese Männer steuern im Wechsel die sechs Fahrzeuge, die sich am Mittwoch von Kirchlinteln aus auf den Weg in die Ukraine machen. Auf dem Bild fehlt Wilhelm Timme. © Raczkowski

Die in kürzester Zeit auf die Beine gestellte Hilfsaktion von Kirchlintler Ehrenamtlichen, unterstützt von Rat und Verwaltung, geht in die „heiße“ Phase. Am Mittwoch rollen die Busse Richtung Ukraine. Zum Abschied der Fahrer gab es emotionale Worte eines ukrainischen Bürgermeisters.

Kirchlinteln – Die Kirchlintler Hilfswelle für die Ukraine ist nun im wahrsten Sinne des Wortes „angerollt“. Die von Bürgern und örtlichen Unternehmen in den vergangenen Tagen gespendeten Hilfsgüter wie Windeln, Feldkocher, Lebensmittel, Medikamente, oder Babynahrung wurden am Dienstagnachmittag mit zahlreichen Helfern aufgeladen. Am Mittwoch in aller Frühe sollen insgesamt sechs Fahrzeuge vom Hof der Kirchlintler Zimmerei Bischoff rollen, in Richtung Ukraine. Wenn sie Ende dieser Woche zurückkehren, werden in ihnen Kriegsflüchtlinge sitzen, für bis zu 120 Menschen wäre Platz.

Große Hilfsbereitschaft auch von Unternehmen

Zwei Reisebusse – für diesen Zweck großzügig von der Verden-Walsroder Eisenbahn und den Verkehrsbetrieben Graftschaft Hoya zur Verfügung gestellt – sowie vier Kleinbusse, teilweise mit Anhängern, gehören zur Kirchlintler Kolonne. Gefahren werden die Fahrzeuge von Ehrenamtlichen sowie von zwei professionellen Fahrern der Verkehrsbetriebe. Die Finanzierung der Spritkosten steht: Mehr als 16 000 Euro an Geldspenden waren bereits bis Dienstagnachmittag eingegangen.

Platz für bis zu 120 Geflüchtete

Die Fahrtzeit für die Kirchlintler beträgt 12 bis 15 Stunden. Etwa 60 Kilometer vor der ukrainischen Grenze ist eine Übernachtungspause vorgesehen. Kurz hinter der Grenze treffen sich die Kirchlintler Helfer mit einem Team aus der westukrainischen Stadt Tlumatsch. Hier sollen die Spenden umgeladen und bis zu 120 Menschen aus der Ukraine aufgenommen werden. „70 Personen waren bis Samstag gemeldet“, so Frank Weiberg, der Pressesprecher der Kirchlintler Helfergruppe.

Waisenhaus soll evakuiert werden

Geplant sei laut Weiberg unter anderem die Evakuierung eines kompletten Waisenhauses einschließlich der Betreuerinnen. Die Kirchlintler Jugendhilfe Sirius hatte im Vorfeld zu der Einrichtung Kontakt aufgenommen, sie wird sich auch um die Unterbringung der Kinder und der Betreuer kümmern (siehe Infokasten). Für Freitag sei die Ankunft im Ankunftszentrum Bad Fallingbostel-Oerbke geplant, wo die Menschen registriert und erstaufgenommen werden. „Aber der Zeitpunkt der Rückkehr ist noch etwas ungewiss, da die Lage an den Grenzen sehr dynamisch ist und es durchaus zu langen Wartezeiten kommen kann“, informiert Weiberg.

Wohnhaus für Waisenkinder gesucht

Jens Dreger von der Jugendhilfe Sirius weist darauf hin, dass mittlerweile ein Haus in der Gemeinde Kirchlinteln für die Unterbringung der ukrainischen Waisenkinder zur Verfügung gestellt wurde. „Ich gehe aber davon aus, dass wir noch ein weiteres brauchen werden“, sagt der Pädagoge. Während generell derzeit Wohnraum für Flüchtlinge aus der Ukraine gesucht werde, benötige die Jugendhilfe für die Kinder aber ein ganzes Haus, in dem mindestens sechs Kinder und ihre Betreuer untergebracht werden können. Wer eine solche Immobile zur Verfügung stellen kann, meldet sich bitte bei Sirius unter Telefon 04236/9435930.

Die vergangenen Tage seien für die Organisatoren sehr arbeitsintensiv gewesen. Jens Dreger (Sirius): „Mein Telefon kann ich mittags bereits laden, da ich so viele Anrufe und Nachrichten bekomme.“ Er stehe in Kontakt mit dem Waisenhaus. „Die Menschen aus Tlumatsch schildern eine Mischung aus Freude und Angst.“

Letzte Handgriffe und Besprechungen im „Hauptquartier“

Der Zimmereibetrieb von Heinz Bischoff in Kirchlinteln hat sich in den vergangenen Tagen zu einer Art „Hauptquartier“ für die Helfer entwickelt. Hier wurden die Hilfsgüter zwischengelagert und hier finden auch die Besprechungen statt. Gestern Nachmittag, beim Beladen der Fahrzeuge, kam Kirchlintelns Bürgermeister Arne Jacobs dazu, um sich ein Bild zu machen und allen Fahrern und Mitfahrern viel Erfolg zu wünschen. Er konnte sich davon überzeugen, dass die Aktion sehr professionell geplant ist. „An Bord“ sind zum Beispiel Helfer, die polnisch, ukrainisch und russisch sprechen und solche, die die Region gut kennen.

Emotionaler E-Mail-Verkehr zwischen den Bürgermeistern

Der Bürgermeister las den Ehrenamtlichen aus einer E-Mail vor, die er von Igor Petruk, dem Bürgermeister der Stadt Tlumatsch erhalten hat. Wenn auch in recht holprigem Deutsch verfasst, wahrscheinlich war ein Übersetzungsporgramm zur Hilfe genommen worden, so rührten die emotionalen Worte des Ukrainers, der sich für die Unterstützung aus Kirchlinteln bedankte, doch alle Anwesenden sichtlich: „Wir sind Ihnen aufrichtig dankbar, dass Sie unsere Probleme verstehen, und für die Unterstützung, die wir heute brauchen“, schreibt Petruk. Der Stadtrat von Tlumatsch sei interessiert und bereit, eine Partnerschaft mit der Gemeinde Kirchlinteln einzugehen. „Möge Ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit hundertfach zu Ihnen zurückkehren.“ Beim Vorlesen der Worte seines ukrainischen Amtskollegen zitterte dem sonst so kernigen Kirchlintler Verwaltungschef die Stimme. Jacobs bat die Ehrenamtlichen zum Abschied, sie mögen heil und gesund zurückkommen.

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