Drei Millionen Bahnkilometer – und ein Stammtisch

Die Zugfahrer

+
Im Laufe ihres Berufslebens haben sich die Zugfahrer auf ihrem Weg nach Bremen in der Bahn kennen- und schätzen gelernt. Auch als Rentner treffen sie sich regelmäßig zum Essen – immer bei Axel Klenke (4.v.li.) in Klenkes Gasthaus und Restaurant.

Langwedel - Ihretwegen ist jetzt die Zeitung da? Ach. Jahrestag? Könnte sein. Wird wohl stimmen. „Wenn Axel unsere alten Bücher wiedergefunden hat. Es könnte der zehnte Jahrestag sein. Oder treffen wir uns schon elf Jahre?“, überlegt Peter Coels. Außerdem: Hat einer den Bericht über das neueste weltgrößte Containerschiff gelesen? Was für ein Wahnwitz. Dabei waren die Transportraten doch schon mal komplett im Keller...

Coels, Frank Stünker und Jürgen Gudegast sind an diesem Abend noch die Einzigen im Gastraum von Klenkes Gasthaus. Ist ja noch früh am Abend. Die anderen kommen noch. Natürlich mit dem Zug. Schließlich treffen sich heute wieder „Die Zugfahrer“.

Es gab keine Handys, daher unterhielt man sich

Sie kommen aus Langwedel, Baden und Etelsen. Jahre - jahrzehntelang - sind sie alle nach Bremen zur Arbeit gefahren. Mit der Bahn natürlich. Man kam ins Gespräch und das nicht nur einmal.

„Wir verbringen so viel Zeit miteinander, da können wir irgendwo mal was zusammen essen gehen. Haber wir uns gedacht“, so Peter Coels. Sie waren Banker, Schifffahrtskaufleute oder Baumwollkaufleute. Oder wollten es werden. Damals gab es noch keine Handys, auf die die Leute permanent guckten. Unglaublich, aber wahr: Man unterhielt sich. Mit Fremden. Bei gegenseitiger Sympathie sogar länger und immer öfter. „Wir haben Döntjes gemacht und uns und das ganze Abteil unterhalten“, sagt Jürgen Gudegast.

Ein Thema findet sich immer

Noch mal Halt, Stichwort zusammen essen gehen. Ja, da hat man geguckt, wo alle günstig mit dem Zug hinkommen. Das erste Mal ist man woanders gewesen. Danach immer in Klenkes Gasthaus Langwedel. Viermal im Jahr. „Gutbürgerliche deutsche Küche“ verlangen die insgesamt sieben Zugfahrer dann. Grünkohl, Spargel, Grillen, Brataal. „Und die Martinsgans ist eine Ente.“

Das berufliche Zugfahren ist bei allen beendet, sie sind Rentner. „Wir haben angefangen, als ich aufgehört habe“, überlegt Peter Coels. Und immer an einem Dienstag so ab 17.30 Uhr trudeln die Zugfahrer in Langwedel ein. Sie mögen Obst, auch ein bisschen vor dem Essen. In flüssiger Form. Devise: „Jeder gibt mal einen aus. Kostet ja nichts.“

Aber bei dieser Gelegenheit kann mal gleich mal eine Diskussion über die Vor- und Nachteile verschiedener Obstsorten in ihrer geistiger Form lostreten. Wetter, Politik, ein Thema fand und findet sich immer.

„Am schönsten waren die Zugausfälle im Winter“

Einmal haben sie wegen Orkantief „Kyrill“ in Bremen festgesessen. Unter anderem. „Am schönsten waren eigentlich die Zugausfälle im Winter“, meint Frank Stünker. Da konnte man richtig fein Beisammensitzen. Irgendjemand holte dann einen Wein. Einer aus der Runde feixt und murmelt etwas vom Tanz im Paketwagen.

Warte mal. Von 45 Arbeitsjahren ist er 42 mit der Bahn gefahren. Wie viel Kilometer und wie viele gemeinsame Tage kommen da eigentlich zusammen?

Die Rechnerei geht los. Jürgen Gudegast wirft ein: „Du musst noch was abziehen. Ich bin erst '82 dazugekommen.“ Man kommt auf rund drei Millionen Bahnkilometer. Was die Fahrkarten in alle den Jahren gekostet haben...? „Uns gehört eine Etage vom DB-Gebäude in Berlin“, meint Gudegast. Auf alle Fälle hat Frank Stünker ein komplettes Jahr in der Bahn verbracht. Also insgesamt.

Heimfahrt - natürlich mit der Bahn

Musste man in den 60-ern eigentlich noch Bahnsteigkarten kaufen?

„Doch, kenne ich noch.“ „Aber doch nicht mehr, als wir gearbeitet haben.“ Kann man ja später noch mal drüber reden. Oder über ganz etwas anderes. Neben Peter Coels, Frank Stünker und Jürgen Gudegast sind nach und nach auch Reinhard Menthe, Hanna Müller und Dieter Schwandt dazu gekommen. Armin Kaiser kann an diesem Abend im Mai leider nicht.

Wirt Axel Klenke schenkt den ersten Obstler des Abends ein, die Runde stößt an, mit der festen Absicht, es sich heute bei Spargel und Co in angenehmer Runde gut gehen zu lassen. Wie die Auswärtigen später nach Hause kommen? Mit der Bahn natürlich.

jw

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Südkoreas Präsident: Nordkorea nähert sich "roter Linie"

Südkoreas Präsident: Nordkorea nähert sich "roter Linie"

Urlauber auf Mallorca gelassen trotz Tourismus-Protesten

Urlauber auf Mallorca gelassen trotz Tourismus-Protesten

Botanischer Garten auf dem Brocken: So blühen die Berge

Botanischer Garten auf dem Brocken: So blühen die Berge

Warum Urlauber das Abenteuer suchen

Warum Urlauber das Abenteuer suchen

Meistgelesene Artikel

Seehund beißt Schwimmer in den Arm

Seehund beißt Schwimmer in den Arm

Postfiliale „bis auf Weiteres geschlossen“

Postfiliale „bis auf Weiteres geschlossen“

Gutachten widersprechen dem hochgelobten Lieken-Plan

Gutachten widersprechen dem hochgelobten Lieken-Plan

Radfahrer übersehen: 16-Jähriger schwer verletzt

Radfahrer übersehen: 16-Jähriger schwer verletzt

Kommentare