Zahl der Hebammen auf dem Land geht zurück / Valentina Gross aus Langwedel hält Berufsstand hoch

„Es gibt mehr denn je zu tun“

+
Valentina Gross, Hebamme aus Langwedel, und Kollegin Sabine Krauss-Lembcke (v.l.) in deren Verdener Hebammen-Praxis.

Langwedel - Von Lisa Duncan. Wer sich auf dem Land entscheidet, ein Kind zu bekommen, der hat unter Umständen schlechte Karten: Denn gerade im ländlichen Raum Niedersachsens gibt es immer weniger Hebammen. Auch im Landkreis Verden mussten in diesem Jahr zwei Praxen schließen. Welches sind die Ursachen dieses Mangels und was könnte die Politik tun, um den Abwärtstrend in diesem Berufszweig zu stoppen? Darüber sprach unsere Zeitung mit der Langwedeler Hebamme Valentina Gross und deren Verdener Kollegin Sabine Krauss-Lembke.

Rund 20 Hebammen und drei Hebammen-Praxen gibt es derzeit im Landkreis. Allein im vergangenen Jahr schlossen zwei Praxen in Ottersberg. Gleichzeitig gab es im vergangenen Jahr erstmals wieder mehr Geburten.

Ein Anhaltspunkt dafür, dass es auch ohne Hebammen geht? Für Valentina Gross keinesfalls, denn, wo die Betreuung durch Hebammen wegfalle, führe es letztlich zu volleren Wartezimmern in Ambulanzen, bei Gynäkologen und Kinderärzten. „Was einige Frauen nicht wissen: Ab dem positiven Schwangerschaftstest steht vielen bereits Hebammen-Hilfe zu“, betont Gross.

Ein Grund, warum der Beruf an Attraktivität verliere, sei die Verschlechterung der strukturellen Arbeitsbedingungen. Sabine Krauss-Lembcke nennt ein Beispiel: „1979 haben die Krankenkassen beschlossen, die Liegezeiten in den Krankenhäusern zu reduzieren.“ Dauerte das Wochenbett, also die Zeit, die eine Frau nach der Geburt ihres Kindes in der Klinik verweilt, früher noch sechs Tage bis zwei Wochen, sind es heute im Durchschnitt nur noch drei Tage.

Der Sparzwang habe sich auch in der Achimer Geburtsstation, die im Jahr 2004 geschlossen wurde, bemerkbar gemacht: „Achim war mit den breiten Betten auf der Geburtsstation Vorreiter für ganz Norddeutschland“, erzählt Sabine Krauss-Lembcke.

Die Verdenerin verfügt über mehr als 30 Jahre Berufserfahrung. Nach der Ausbildung, die sie 1980 abschloss, war sie 1984 bei der Aller-Weser-Klinik (in Achim und Verden) tätig. Seit 1994 betreibt sie mit Kollegin Susann Horn eine Gemeinschaftspraxis in Ver-

Hohe Haftpflichtprämien

bei Hausgeburten

den. Zudem ist sie Mitherausgeberin der Zeitschrift „Die Hebamme“ und bietet Fortbildungen in Stuttgart für die Leitung einer geburtshilflichen Einrichtung an.

Die 44-jährige Valentina Gross schloss 1991, noch in der damaligen Sowjetunion, ihre Ausbildung ab und kam nach zwei Jahren ihrer beruflichen Anerkennung in Deutschland zur Aller-Weser-Klinik in Verden, wo sie seit etwa sieben Jahren nicht mehr im Kreißsaal, sondern nur noch im Wochenbett tätig ist. Daneben ist sie beim Landkreis Verden als Familienhebamme angestellt und arbeitet den Rest der Zeit freiberuflich. Seit 2009 ist sie Vorsitzende des Verdener Hebammenkreisverbands und seit fünf Jahren Bundesdelegierte des Niedersächsischen Hebammenverbands.

„Es werden genügend Hebammen ausgebildet, aber viele gehen nicht aufs Land“, ist Valentina Gross überzeugt. Die schlechte Bezahlung schrecke viele Frauen ab. Anreize so wie bei Ärzten würden nicht gegeben. Der Verband der Hebammen handelt den Lohn mit dem Krankenkassenspitzenverband GKV selbst aus – und das fällt nicht immer zu ihrem Vorteil aus.

Zudem steigen seit ungefähr zehn Jahren die Haftpflichtprämien für Hausgeburten dermaßen, dass es sich nicht mehr lohne, diese Dienstleistung als Freiberuflerin überhaupt noch anzubieten. Zum Vergleich: Früher betreute Sabine Krauss-Lembke etwa zehn Hausgeburten im Jahr. Eine allgemeine Statistik wird erst seit wenigen Jahren geführt. Demnach liege der Anteil der von Hebammen durchgeführten Hausgeburten pro Jahr bei ein bis zwei Prozent der bundesweiten Geburten.

„Das Problem sind nicht die gestiegenen Schadens- summen, sondern die Kosten pro Schadensfall“, führt

Zuhören nur scheinbar

unspektakuläre Leistung

Gross aus – und das, obwohl die Schadensfälle sich in den vergangenen Jahren eher verringert hätten. Die Versicherungen argumentierten, dass der Versicherungsschutz für die ganze Familie gelten müsse. Daher sei die Steigerung gerechtfertigt. Hebammenverbände fordern seit Jahren von der Politik, diese Schadenssummen zu deckeln, damit die Versicherungsprämien nicht ins Unendliche steigen können.

In dieser Hinsicht habe sich das Berufsbild deutlich verändert. Aber es sei auch ohne Hausgeburten immer noch ein Beruf, in dem man sich verwirklichen könne, weiß Valentina Gross: „Es gibt mehr denn je zu tun.“ Sie selbst machte Zusatzausbildungen für Babymassage, Akupunktur und als Familienhebamme. Familienhebammen werden in „vulnerablen Familien“ und bei Mehrlings-Schwangerschaften eingesetzt.

Aus dieser Erfahrung kann Valentina Gross schöpfen und setzt ihr Wissen im interdisziplinären Projekt „Familienwerkstatt“ ein. Das Projekt, in dem Ärzte, Psychologen und Familientherapeuten zusammenarbeiten, soll jungen Familien ihre ersten gemeinsamen Schritte erleichtern. Anlass für diese Kooperation sind alarmierende Zahlen: „Ein Drittel der Familien bekommen eine Krise im ersten Jahr nach der Geburt des ersten Kindes“, erklärt die 44-Jährige.

Ein Vorzeigeprojekt, findet Krauss-Lembcke, denn: „Die Zusammenarbeit von Hebammen und Ärzten im Landkreis wäre ausbaufähig und könnte zugunsten der Frauen kooperativer gestaltet werden.“ Sie zitiert eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, der zufolge gesunde Frauen übermedikalisiert würden. So werde etwa die Messung der Herztöne und Wehen mittels Cardiotopographie zu häufig angewendet.

Jenseits dieser „Apparate-Medizin“ falle den Hebammen eine andere, nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Aufgabe zu: „Wir wollen einen gesunden Start ins Leben ermöglichen“, betont Valentina Gross. „Und dabei ist die Schwangerenbetreuung wichtig, denn wenn Frauen ein gutes eigenes Körpergefühl haben, können sie besser mit dem Kind umgehen.“ Und Sabine Krauss-Lembcke ergänzt: „Es geht bei unserem Beruf vor allem ums Zuhören, eine unspektakuläre Leistung, die man nicht zu honorieren weiß.“

Mehr zum Thema:

Apotheke auf dem Balkon: Heil- und Würzpflanzen für den Topf

Apotheke auf dem Balkon: Heil- und Würzpflanzen für den Topf

Stadt, Land, Fluss rund um Hameln

Stadt, Land, Fluss rund um Hameln

Mit Streetart-Touren die etwas andere Kunst entdecken

Mit Streetart-Touren die etwas andere Kunst entdecken

Perfekte Podolski-Party: Traumtor und Sieg gegen England

Perfekte Podolski-Party: Traumtor und Sieg gegen England

Meistgelesene Artikel

Glockenspiel: Zwei Jahre Pause beendet

Glockenspiel: Zwei Jahre Pause beendet

Bis Ende Mai ist noch Geduld gefragt

Bis Ende Mai ist noch Geduld gefragt

Beatclub rockt die Verdener Stadthalle

Beatclub rockt die Verdener Stadthalle

„Manchmal denke ich, Gott ist auch schon von hier geflüchtet“

„Manchmal denke ich, Gott ist auch schon von hier geflüchtet“

Kommentare