Klaus Fricke und Rolf Masemann berichten beim Verein für Kultur und Geschichte

Wirtschaftsflüchtlinge – aus Daverden

Auswanderer waren das Thema des Abends, zu dem Theda Henken in Daverden Klaus Fricke (li.) und Rolf Masemann (re.) als Referenten begrüßte. Foto: Hustedt

Daverden – Migration und Wirtschaftsflüchtlinge waren jetzt Thema im alten Küsterhaus beim Daverdener Verein für Kultur und Geschichte. Und dabei ging es nicht um die Flüchtlinge unserer Tage. „Es gab schon immer Wanderbewegungen“, so Theda Henken, die Vereinsvorsitzende, bei ihrer Begrüßung zu diesem Abend, an dem der Daverdener Hobbyhistoriker Klaus Fricke das Thema vertiefte.

Migration und Wirtschaftsflüchtlinge sind zwar ein Problem unserer Zeit, doch das gibt es schon so lange, wie es Menschen auf der Erde gibt. Früher verließen ganze Volksstämme ihre Heimat, die Wikinger entdeckten Amerika, bevor es Kolumbus tat, und zwar nicht aus purem Entdeckerdrang, sondern aus wirtschaftlichen Interessen.

In Zeiten der Reformation zogen viele Deutsche gen Osten, vor allem nach Siebenbürgen, da es dort Glaubensfreiheit gab. Auch nach Nordamerika zog es viele Europäer, die auf der Einwandererinsel Ellis Island erstmals amerikanischen Boden betraten. Trotz Heimatverbundenheit nahmen viele Menschen das Wagnis Auswanderung auf sich – in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Im Jahr 1815 brach der noch heute aktive Vulkan Tambora in Indonesien aus. Starke Niederschläge aus vulkanischer Asche bewirkten globale Klimaveränderungen mit Auswirkungen auch auf Europa. 1816 wird auch als „Jahr ohne Sommer“ bezeichnet – es folgten jahrelange Missernten, Hungersnöte und erhöhte Sterblichkeit. Daher wanderten viele Europäer nach Nordamerika aus.

Durch die fortschreitende Industrialisierung konnten mehr Menschen ernährt werden. Die neuen Zeiten brachten allerdings auch Massenarbeitslosigkeit und existenzielle Armut mit sich, da es noch kein soziales Netz wie heute gab. Auch die Geschwister von Hoferben litten unter der Armut, sodass viele auswanderten, vornehmlich in die USA, das „Land, wo Milch und Honig fließt“, so die Hoffnung. Viele Auswanderer mussten aber in der neuen Heimat erst einmal gegen Kost und Logis arbeiten und kamen nur selten zu Reichtum. Auch nach der Märzrevolution 1848 in Deutschland gab es viele Auswanderungen. Fricke verwies auf das Buch „Der deutsche Lausbub in Amerika“, in dem Erwin Rosen 1911 diese Jahre beschrieb.

Die Reise in eine unbekannte ferne Zukunft begann oft in Bremerhaven. So dauerte die Reise mit den Segelschiffen etwa sechs Wochen. Die Auswanderer mussten sich an Bord selbst verpflegen. „Unter Deck herrschte das Recht des Stärkeren“, so Fricke. Etliche Auswanderer überlebten die Überfahrt nicht. Als Dampfschiffe nach Amerika fuhren, verkürzte sich die Fahrzeit auf zwei Wochen. Über Bremerhaven wanderten übrigens über sieben Millionen Menschen aus, über Hamburg weitere vier Millionen.

Klaus Fricke erzählte die Geschichte von Barthold Hinrich Tiedemann, dem Vater seiner Patentante aus Hechthausen im Landkreis Cuxhaven, der sich am 11. November 1881 im Hamburger Auswanderhaus auf die Überfahrt vorbereitete, gebucht war die Fahrt über die Reederei HAPAG. Mit dem Dampfschiff „Alemannia“ ging es auf die Reise.

Auf dem voll besetzten Schiff war ganz Europa vertreten, darunter 350 osteuropäische Juden. Am 19. November 1881 kam ein Sturm auf, der neun Tage anhielt. Nach sechs Tagen fielen die Maschinen aus. An Bord herrschten unglaubliche Zustände, viele Auswanderer waren an Blattern erkrankt. Im Schlepptau eines englischen Kohledampfers landete das Schiff schließlich in Irland. Weiter ging es dann mit der Westphalia. Am 23. November wurde New York erreicht – nach einer 42 Tage langen Überfahrt mit unbeschreiblichen hygienischen Zuständen an Bord. Fünf Jahren später kehrte Barthold Hinrich Tiedemann zurück nach Deutschland. Zu seinem Bedauern konnte Fricke nicht ermitteln, warum er seine Zelte in den USA wieder abgebrochen hatte.

Klaus Fricke zählte einige deutsche Auswanderer auf, die es in den USA zu Reichtum und Anerkennung brachten: Baron Friedrich Wilhelm von Steuben (1730 bis 1794), der die amerikanische Armee aufbaute; Levi Strauß (1829 bis 1902), der Erfinder der Jeans; Karl Pfizer (1824 bis 1906), der den Pharmakonzern Pfizer aufbaute; Friedrich Trump (1869 bis 1918), Vorfahr des heutigen amerikanischen Präsidenten; Ex-Außenminister Henri Kissinger (1923) oder Raketenforscher Wernher von Braun (1912 bis 1977).

Rolf Masemann aus Osterholz-Scharmbeck, aufgewachsen in Daverden, wusste Frickes Ausführungen als Vorsitzender der „Gesellschaft für Familienforschung Bremen – Die Maus“ noch um einige Daten von Auswanderern aus Daverden zu ergänzen.  hu

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