„Wir sind ein echter Weiberhaushalt“

Konditormeisterin Sibylle Jackl und das Café Erasmie verkaufen nun auch in Völkersen

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Sybille Jackl und ihre Auszubildende Luise Brandt in dem Ladengeschäft mit kleiner Café-Ecke in Völkersen.

Völkersen - Die automatische Schiebetür geht wieder auf, schon steht noch einer mehr vor dem Tresen. „Kommt da noch was dazu?“, möchte Henrike Mittmann von einem anderen Kunden wissen. Jawohl. Brot. Gern geschnitten. „Wie breit denn?“ Tja, da stutzt der Mann und meint halb fragend: „Normal?!“ Was ist schon normal? „Je weicher das Brot, desto dicker darf die Scheibe sein“, lächelt Mittmann. Man wird sich schnell einig, in Völkersens einzigem Bäckerladen.

Den hatte bis zum vergangenen Dezember ein Unternehmen aus Hoya betrieben. „Wir haben dann überlegt, ob wir das machen sollen“, erzählt Sibylle Jackl. Sie führt in Verden eine echte Institution: Erasmie, Café und Konditorei. Mit der Backstube und der Produktion sind Sibylle Jackl und ihr Team im Oktober 2018 nach Völkersen umgezogen, haben sich in den ehemaligen Fertigungsräumen von „Ebelings Backstube“ eingerichtet. Die liegen hinter dem Ladenlokal an der Völkerser Landstraße.

„Aber hier ein Laden ohne Brot und Brötchen? Das geht nicht“, war Jackl absolut bewusst. Eine Konditorei widmet sich eben ausschließlich Torten, Kuchen und handgemachten Pralinés. Also hat sie sich an die Bäckerei Rotermundt in Holtum-Geest gewandt, ob die vielleicht den Laden in Völkersen entsprechend beliefern könnte. „Die sind schließlich für ihre tolle Qualität bekannt.“

Rotermundt konnte, wollte und liefert.

Vor dem Tresen hat der nächste Kunde sich schon mehrere Päckchen Vollkornbrot gesichert, lässt den Blick schweifen und fragt: „Und das?“ „Das ist ein Kosakenbrot, ein Roggenmischbrot“, klärt Henrike Mittmann auf. Das soll auch noch mit. Ebenfalls geschnitten. Der Blick geht schon weiter. Der Kosake ist geschnitten und eingetütet. „Weil Sie das so schön gemacht haben, nehme ich das Eckige da auch noch.“

Bei so einer Menge staunt langsam auch die Verkäuferin und wird ein bisschen neugierig. Aha, das Brot wird zu einem Knippessen in großer Runde gereicht. Da freut man sich sicher über Auswahl. Stimmt doch, oder?

Montags ist Ruhetag. Aber von Dienstag bis Samstag macht der Laden in Völkersen von 6 bis 12 Uhr auf. Am Sonntag ist von 8 bis 12 Uhr geöffnet. „Und in Verden dann sonntags von 12 bis 18 Uhr“, sagt Konditormeisterin Jackl. Sie ist sich übrigens nicht zu schade, auch selbst hinter dem Tresen auszuhelfen. Dabei arbeitet hinten in der Backstube ein Team von acht Leuten. „Fünf Konditorgesellinnen, eine Auszubildende, ein Praktikant und eine Verpackungskraft.“ Moment mal. Mit der Chefin also acht Frauen und nur ein Mann? „Wir sind ein echter Weiberhaushalt“, lacht Jackl.

Im Ernst: Im Konditorwesen habe sich ein Geschlechterwandel vollzogen. Als sie mit 23 Jahren ihren Meistertitel in der Tasche hatte, wollte sie gern aufs Schiff. Keine Chance. „Da gab es nur Männer.“ Vor knapp 30 Jahren als Frau, als Meisterin, eine Stelle im Ausland, etwa in Saudi-Arabien ergattern? Unmöglich. „Damals wurden die Stellen auch ganz konkret nur für Männer ausgeschrieben. Heute ist das ja nicht mehr erlaubt.“

Mehr als genehmigt ist im Café Erasmie heutzutage eine gute Ausbildung. Man nehme Veronika Heinert. Sie wurde jüngst Kammersiegerin im Bereich der Industrie- und Handelskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade. Früher nannte man ihren Lehrberuf Konditoreifachverkäuferin, im heutigen Verwaltungsdeutsch lautet die Bezeichnung: Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk, Schwerpunkt Konditorei.

In Völkersen gibt es angrenzend an den Verkauf übrigens eine übersichtliche, gemütliche Café-Ecke. Für einen Tee, einen Kaffee, eine der angebotenen Völkerser Frühstücksvarianten. Oder man verputzt die Konditoreiwaren gleich vor Ort. Wenn man ein bisschen Muße hat. Viele Leute holen sich morgens auf dem Weg zur Arbeit auch schnell einen Kaffee und belegte Brötchen raus.

„Kommt da sonst noch was zu?“, lautet an diesem Morgen nicht zum ersten Mal die Frage von Henrike Mittmann. „Hm. Ja. Was von der Sünde da.“ Gemeint ist Kuchen. Sehr gern. Alles geht mit einem kleinen Schnack über den Tresen, begleitet von einem strahlenden Lächeln der Verkäuferin, die bestimmt ganz sicher vom Fach ist.

Nicht?! Frau Doktor ist studierte Tierärztin. Wie sie hinter den Tresen im Backladen kam, ist eine Geschichte für sich. Dass sie sich anscheinend hier so wohlfühlt, könnte auch mit etwas zusammenhängen, das Sibylle Jackl so beschreibt: „Es ist toll. Ich bin total dankbar, so mit dem kleinen Laden hier im Dorf angenommen worden zu sein.“ Da wird geschnackt, vielleicht sogar getratscht. Ach, und überhaupt: „Ich fühl mich wohl.“

Für Völkersen wird übrigens noch eine weitere Verkäuferin gesucht. Auf 450-Euro-Basis.

Internet: www.cafe-erasmie.de

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