Reinhold Junge: Langwedels Ex-Postamtsleiter und eine Büro-Ordnung von 1871

Langwedel: Was für eine Großzügigkeit

Reinhold Junge vor seinem ehemaligen Postamt – heute ein völlig schmuckloser Nutzbau.
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Reinhold Junge vor seinem ehemaligen Postamt – heute ein völlig schmuckloser Nutzbau.

Langwedel – Wir schreiben das Jahr 1871. Was genau 150 Jahre her ist. Der Deutsch-französische Krieg geht zu Ende, in Deutschland nimmt die Arbeiterbewegung Fahrt auf – und in den hiesigen Amtsstuben wird nicht einfach so vor sich hin gearbeitet. Das lässt sich an einer Büro-Ordnung ablesen, die in den Jahren 1863 bis 1872 den hiesigen Behörden und Ämtern schon diverse Arbeitsanweisungen vorgab.

1915 machte das kaiserliche Postamt auch äußerlich noch etwas her, zumindest ließ sich erkennen, was man im Haus finden würde.

Das historische Schriftstück befindet sich in den Unterlagen von Reinhold Junge, des letzten Betriebsleiters der Langwedeler Post. In der „Büro-Ordnung zur Beachtung des Personals“ ist zu lesen: „Gottesfurcht, Sauberkeit und Pünktlichkeit sind Voraussetzungen für ein ordentliches Geschäft.

1. Das Personal braucht jetzt nur noch an Wochentagen zwischen sechs Uhr vormittags und sechs Uhr nachmittags anwesend zu sein. Der Sonntag dient dem Kirchgang. Jeden Morgen wird im Hauptbüro das Gebet gesprochen.

2. Es wird von jedermann die Ableistung von Überstunden erwartet, wenn das Geschäft sie begründet erscheinen lässt.

3. Der dienstälteste Angestellte ist für die Sauberkeit des Büros verantwortlich. Alle Jungen und Junioren melden sich 40 Minuten vor dem Gebet und bleiben auch nach Arbeitsschluss zur Verfügung.

4. Einfache Kleidung ist Vorschrift. Das Personal darf sich nicht in hell schimmernden Farben bewegen und nur ordentliche Strümpfe tragen. Überschuhe und Mäntel dürfen im Büro nicht getragen werden, da dem Personal ein Ofen zur Verfügung steht. Ausgenommen sind bei schlechtem Wetter Halstücher und Hüte. Außerdem wird empfohlen, in Winterzeiten täglich vier Pfund Kohle pro Personalmitglied mitzubringen.

5. Während der Bürostunden darf nicht gesprochen werden. Ein Angestellter, der Zigarren raucht, Alkohol in irgendwelcher Form zu sich nimmt, Billardsäle und politische Lokale aufsucht, gibt Anlass, seine Ehre, Gesinnung, Rechtschaffenheit und Redlichkeit anzuzweifeln.

6. Die Einnahme von Nahrung ist zwischen 11.30 Uhr und 12 Uhr erlaubt. Jedoch darf die Arbeit dabei nicht eingestellt werden.

7. Der Kundschaft und Mitgliedern der Geschäftsleitung nebst den Angehörigen ist mit Ehrerbietung und Bescheidenheit zu begegnen.

8. Jedes Personalmitglied hat die Pflicht, für die Erhaltung seiner Gesundheit Sorge zu tragen, im Krankheitsfalle wird die Lohnzahlung eingestellt. Es wird dringend empfohlen, dass jedermann von seinem Lohn eine hübsche Summe für einen solchen Fall wie auch für die alten Tage beiseitelegt, damit er bei Arbeitsunvermögen und bei abnehmender Schaffenskraft nicht der Allgemeinheit zur Last fällt.

Zum Abschluss sei die Großzügigkeit dieser neuen Büro-Ordnung betont. Zum Ausgleich wird eine wesentliche Steigerung der Arbeit erwartet.“

Und heute? Manche Arbeitnehmer haben noch die 36-Stunden-Woche oder zumindest eine 40-Stunden-Woche, auf die viele Arbeitgeber gern zurückgegangen sind. Es gibt Kranken- und Rentenversicherung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, bisweilen Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Anspruch auf 24 Tage bezahlten Urlaub.

Der Postangestellte Reinhold Junge wurde übrigens 1962 vom Postamt Verden nach Langwedel versetzt. Bis 1986 führte er dann als Betriebsleiter das Postamt an der Langwedeler Bahnhofstraße mit seinen rund 20 Postbediensteten – ohne die über 100 Jahre alte Büro-Ordnung. In der ersten Etage des Hauses befand sich die Betriebswohnung, der Leiter eines Postamtes war einst zum Bezug der Dienstwohnung sogar verpflichtet.

Die Post am Bahnhof Langwedel wurde 1986 aufgegeben und zu einem Zentrum für Telekommunikation umgebaut, in dem heute noch verschiedene Anbieter arbeiten, beziehungsweise ihre Technik für sich arbeiten lassen.

Junge ging 1995 als Betriebsleiter im neuen Postamt in Daverden (Hauptstraße) in den Ruhestand. Von Daverden aus gehen noch die Postzustellerinnen und -zusteller auf Tour. Den Kundenverkehr hat im Jahr 2004 die Postagentur im Haus der Firma Wilkens in Langwedel übernommen.

Von Waldemar Rohrberg

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