ARCHÄOLOGISCHE AUSGRABUNGSORTE / VERSTECKTE ZEITZEUGEN – Teil 2: Urnenfriedhof Daverden

Vier Rädchen für ein Priesterkind

Bei der Ausgrabung legte Dr. Jutta Precht die Urnen, die in Rollsteinen verpackt waren, grob frei.
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Bei der Ausgrabung legte Dr. Jutta Precht die Urnen, die in Rollsteinen verpackt waren, grob frei.

hDaverden – Seit Menschengedenken wird den Toten mit einer angemessenen Bestattung die letzte Ehre erwiesen. Meist verweist die Form des Begräbnisses darauf, welche Stellung der Verstorbene in der Gesellschaft hatte. Extrembeispiele reichen von den Sarkophagen der ägyptischen Pharaonen bis hin zu den anonymen Massengräbern der Armen. Außergewöhnlich ist in dieser Hinsicht auch ein Grab aus Daverden.

Dort gab es nämlich schon in der jüngeren Bronzezeit – vor etwa 3000 Jahren – einen Urnenfriedhof, auf dem die Asche von etwa 250 Toten, darunter 143 im Kindesalter Verstorbenen, bestattet wurde. Darauf stieß die Kreisarchäologie im Jahr 1967. „Stieß“ ist hier wortwörtlich zu verstehen, denn Landwirt Walter Bischoff entdeckte den ersten Fund, eine in Rollsteinen verpackte Urne, beim Pflügen. Der damalige ehrenamtliche Beauftragte für die Denkmalpflege, Dr. Detlef Schünemann, begann daraufhin mit einer Testgrabung, bei der er vier Urnen freilegte. Funde einer weiteren Grabung der Kreisarchäologie wurden eingegipst und vorsichtig ins Verdener Kreishaus gebracht, um sie freizulegen. Diese Feinausgrabung übernahm Grabungshelfer Bernd Steffens.

Kaum 200 Meter weiter, auf dem Sandabbau-Gelände der Firma Oker, hatte Hobbyarchäologe Herbert Luttermann übrigens schon 1965 ein weiteres Urnenfeld entdeckt, in dem die Überreste von etwa 100 Tote begraben waren. Wie man später feststellte, stammen beide Friedhöfe wohl aus der gleichen Zeit. In diesem Umfang gibt es in Norddeutschland kaum Vergleichbares: „100 Gräber waren eine übliche Größe, 250 Gräber sind schon sehr viel. Ungewöhnlich ist auch, dass sie so dicht beieinander lagen“, sagt Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht. Kurios ist zudem, dass auf dem größeren Urnenfeld „fast nur Frauen und Kinder, viel zu wenig Männer“ begraben wurden. Warum das so war – „das ist eine Frage, der wird man weiter nachgehen müssen.“

Zudem stach ein Fund aus der Masse heraus: Die Urne 58, die offenbar für ein zwei- bis gut dreijähriges Kind bestimmt war. Sie enthielt vier Rädchen aus Metall (eine Zinn-Blei-Legierung), „und zwar in Fundlage, das heißt, genauso, wie sie vor 3000 dort hineingelegt wurden“, berichtet Precht. „Daneben war noch Platz für etwas anderes“, fährt sie fort. „Vielleicht für einen Miniaturwagen aus organischem Material.“ Der ist im Laufe der Jahrtausende zwar verrottet, aber die Forscherin konnte darauf aus Vergleichen mit anderen Funden, etwa in Ostdeutschland, schließen.

Für immer unklar bleibt indes, ob das beigesetzte Kind ein Mädchen oder ein Junge gewesen ist. „An Kinderknochen kann man das Geschlecht nicht feststellen“, erläutert Precht und verweist auf Analysen von Dr. Caselitz, der die noch erhaltenen Knochenbruchstücke analysiert und in den meisten Fällen das Geschlecht und das Sterbealter feststellen konnte.

So ermittelten die Wissenschaftler, dass das Kind in der benachbarten Siedlung gewohnt haben könnte, die in den 1990er-Jahren in Daverden entdeckt wurde (siehe Folge 1). In der Siedlung fanden sich nämlich Urnengefäße, die identisch verziert waren wie die auf den beiden Friedhöfen. Diese „Zwillingsgefäße“ sind laut Precht im Küsterhaus Daverden ausgestellt, weitere – wie auch die Urne mit den Rädchen – finden sich im Niedersächsischen Landesmuseum in Hannover.

Übrigens wurden Tote in der älteren Bronzezeit noch unverbrannt in Hügelgräbern beigesetzt – Beispiele dafür finden sich noch zwischen Baden und Etelsen –, bevor die Menschen aus noch ungeklärter Ursache auf Feuerbestattung umschwenkten.

Urne 58 gehörte zu einem besonderen Kind. „Die Art der Bestattung fällt vollkommen aus dem Rahmen“, weiß Jutta Precht. Beispiele wie diese wiesen entweder darauf hin, dass die Eltern ihr Prestige zeigen wollten oder dass das Kind selber zu etwas Besonderem bestimmt war. Precht vergleicht die Situation mit dem Dalai Lama, bei dem ein „Casting-Team aus Priestern“ bereits bei dessen Geburt dessen Auserwählten-Status verkündet. „Ich kann mir vorstellen, dass auch dieses Kind aus Daverden zum Priester bestimmt war.“

Wie vergleichende Studien festgestellt haben, kopiert der Miniaturwagen größere Wagen aus Bronze, die Priester vor 3000 Jahren als Kultgerät nutzten. „Der frühe Tod verhinderte, dass das Daverdener Kind sein Amt antreten konnte, die Regeln der Gesellschaft erforderten aber, ihnen die Insignien dafür – oder ein Modell der Insignien – ins Grab zu legen“, fasst Jutta Precht zusammen.

Neben der Frage nach dem männlichen und weiblichen Anteil der Menschen, die auf dem Daverdener Urnenfriedhof ihre letzte Ruhe fanden, bleibt die Bevölkerungsgröße zu ergründen. Wie viele Menschen haben gleichzeitig gelebt, und haben die Erträge aus Viehzucht und Ackerbau gereicht, um alle sattzukriegen? Anthropologen sind an diesen Fragen dran, indem sie die Sterbetafeln der Weltgesundheitsorganisation mit frühzeitlichen Daten vergleichen. Vor 3000 Jahren war die Lebenserwartung viel geringer als heute: „Die Kindheit musste man erst mal überleben“, so Precht. 40 bis 50 Jahre alt konnte man durchaus werden – alle, die länger lebten, waren Greise. Kein Wunder: Antibiotika und Chirurgie waren in der Bronzezeit ebenso Fremdwörter wie WCs und Kläranlagen. „Das war eine bäuerliche Welt, deren konkrete Lebensumstände wir uns gar nicht vorstellen können.“

Fortsetzung

Teil 3: Die Venus von Bierden

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