Betroffene legen Grundlagen für die Aufarbeitung

Verschickungskinder: Die Hölle im Kurheim

+
Kein Besuchsrecht: Ein Foto vom Aufenthalt, das für die Eltern gedacht war.

Für Gerda Grabowski war es eine bewegende Rückkehr. Auf Sylt traf sich die Langwedelerin mit anderen, die wie sie als kleines Kind in ein Kurheim verschickt worden waren und eine Hölle erlebt haben. 80 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet waren zum Kongress „Das Elend der Verschickungskinder“ gekommen.

  • Das Schicksal der Verschickungskinder soll aufgearbeitet werden
  • Auf Sylt wurde dazu der Grundstein gelegt
  • 80 Teilnehmer kamen zum Kongress „Das Elend der Verschickungskinder“
  • Auch Gerda Grabowski aus Langwedel war dabei

Landkreis - Schwierige Gespräche mit Leidensgenossen, neue Gräuel und deren Folgen kamen zutage. Auf Sylt wurde aber auch mit einem Katalog von Forderungen der Grundstein für die Aufarbeitung des Systems gelegt, das bis in die 90er-Jahre hinein acht Millionen Kinder betroffen hat.

In der Nähe, im Nordsee-Kinderhaus Michelmann in Wyk auf Föhr, war Gerda Grabowski als Fünfjährige auf einer Erholungskur. Sie hat diese sechs Wochen so gut es geht aus ihrer Erinnerung verbannt. Erlebnisse von drakonischen Strafen, Erniedrigungen und Misshandlungen der kleinen Kinder, zu denen auch sie und ihre Schwester gehörten, kann sie heute noch kaum zulassen.

Folgen der Misshandlungen bis in die Gegenwart

„Das Wochenende auf Sylt war schon sehr belastend“, erinnert sich Grabowski an viele Gespräche mit anderen Betroffenen. „Die meisten wollen eigentlich keine Therapie, aber sie wollen ihre Geschichte loswerden.“ Wie bei ihr liegen die Erlebnisse mittlerweile Jahrzehnte zurück und viele hätten sich damit eingerichtet.

Die Geschichte der Opfer aber sei oft für viele heute noch nicht beendet. Folgen der Misshandlungen wirkten bis in die Gegenwart. Erlebnisse von „pädagogischen“ Maßnahmen, die die Gesundheit der Schutzbefohlenen „stählen“ sollten, indem sie unbekleidet über Tage in eiskalte Räume gesperrt wurden oder Dutzende Kilometer lange Fußmärsche absolvieren mussten.

„Schwierige Gespräche“: Gerda Grabowski war beim Kongress auf Sylt dabei. Foto: Klee

An dieser „Gesundheit“ sei auch gearbeitet worden, indem Kinder mit Gewalt zum Essen gezwungen wurden, bis sie sich erbrachen. Es soll sogar zu Todesfällen gekommen sein. Sogar von Medikamentenversuchen ohne Wissen der Eltern und sexuellen Übergriffen wurde berichtet. „Jetzt kommt immer mehr zum Vorschein“, sagt Grabowski.

Mittlerweile haben die Bemühungen von Initiatorin Anja Röhl aus Berlin weite Kreise gezogen. Seit Jahren weist die Gründerin der Verschickungskinder-Initiative, die selbst eine Betroffene ist, auf dies dunkle Kapitel der Nachkriegsgeschichte hin. Der Bekanntheitsgrad ist gewachsen und Beteiligte an dem System von damals fangen an nachzudenken. Allen voran das Diakonische Werk, das sich für eine Aufarbeitung ausgesprochen hat. „Aber auch die Caritas hat Heime gehabt“, weiß Gerda Grabowski von Referaten, die auf Sylt gehalten wurden. Die Kurheime und Erholungsstätten habe es auf nord- und ostfriesischen Inseln, in den Mittel- und Hochgebirgen gegeben. Die Kinder seien in Sammeltransporten verschickt worden, ein Besuchsrecht hätten die Eltern nicht gehabt.

Düstere Erinnerung: Das Prospekt hatte Gerda Grabowski damals mitgebracht.

In einem Forderungskatalog geht es den Verschickungskindern um eine Aufarbeitung und, dass sie mit den Problemen nicht weiter allein gelassen werden. Experten wie Prof. Dr. Christiane Dienel und Prof. Dr. Thomas Harmsen hätten sich in Vorträgen mit Grundlagen für die historische Einordnung und Forschungsmöglichkeiten befasst.

Verschickungskinder: OK vom Gesundheitsamt

Die Problematik früher Trennung habe Referentin Brigitte Linke erläutert und Birgit Assel habe über Traumatheorie berichtet. Das Thema „NS-Erziehungsideale und deren mögliche Wirkung auf Kinderpflegerinnen in den 60- bis 80er-Jahren, bis in unsere Zeit hinein“ von Siegrid Chamberlain habe wichtige Anhaltspunkte vermittelt. „Man muss sich vorstellen, dass in den Kinderheimen keine Pädagogen arbeiteten, sondern Hauswirtschafterinnen und Hausmeister die Kinder betreuten“, erläutert Grabowski. Gut möglich, dass sie anfangs dieselben waren, die in der NS-Zeit dort gearbeitet hatten.

In der Nähe, im Nordsee-Kinderhaus Michelmann in Wyk auf Föhr, war Gerda Grabowski als Fünfjährige auf einer Erholungskur.

Für die Langwedelerin stellt sich aber auch die Frage, wie es möglich war, dass dieses System sich so lange gehalten hat. Bereits Anfang der 50er-Jahre seien Kinder verschickt worden, weiß sie von einem Betroffenen aus erster Hand. Über all die Jahre seien aber nicht nur die Betreiber der Heime, wie Diakonie und Caritas, an der Organisation beteiligt gewesen. Wie die Langwedelerin aus ihren Unterlagen weiß, kam das OK vom Gesundheitsamt und die Krankenkassen gaben das Geld. So ganz verstehen kann sie nicht, dass da niemand nachgesehen hat.

Verschickungskinder waren hilflos ausgeliefert

„Die Kinder waren der Institution und ihren Bedingungen hilflos und allein ausgeliefert. Während die Eltern sich Erholung und Gesundung ihres Kindes vorstellten, wird der Alltag in diesen Verschickungsheimen von vielen Betroffenen traumatisch erinnert“, schreibt Anja Röhl nach dem Kongress.

Gerda Grabowski ist nach allem, was sie erfahren hat, misstrauisch geworden: „Damals wurde sogar damit geworben, dass die Kinder für die Kur komplett neu eingekleidet werden.“ Das sei für arme Familien ein Argument gewesen, zumal die Kinder in den sechs bis acht Wochen ja auch versorgt wurden.

Dass es nicht um Gesundheit nach heutigem Verständnis ging, ist der Betroffenen klar. Was aber die Pädagogik mit drakonischen Strafen und Erniedrigungen, die an militärischen Drill erinnern, erreichen wollte, kann sie sich nicht erklären. „ Klarheit müssen wohl die Historiker schaffen“, hofft Grabowski.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Zahl der Virus-Toten in China steigt auf 56

Zahl der Virus-Toten in China steigt auf 56

Steinwürfe und Bengalos bei Indymedia-Demo in Leipzig

Steinwürfe und Bengalos bei Indymedia-Demo in Leipzig

Viele Tote nach Erdbeben im Osten der Türkei

Viele Tote nach Erdbeben im Osten der Türkei

Ausschreitungen bei Indymedia-Demo in Leipzig

Ausschreitungen bei Indymedia-Demo in Leipzig

Meistgelesene Artikel

Ärger nach Trecker-Demo: Bauern beseitigen Spuren des Protests

Ärger nach Trecker-Demo: Bauern beseitigen Spuren des Protests

„Event 24“ übernimmt die Feste im Daverdener Holz

„Event 24“ übernimmt die Feste im Daverdener Holz

„Wer besorgt ist, sollte zu uns kommen“: Der Ton im Netz und die Folgen

„Wer besorgt ist, sollte zu uns kommen“: Der Ton im Netz und die Folgen

Projekt an der Ostertorstraße: Unternehmer Flügge stellt Antrag auf Insolvenzverfahren

Projekt an der Ostertorstraße: Unternehmer Flügge stellt Antrag auf Insolvenzverfahren

Kommentare