Internationaler Frauentag

„Eigentlich feiern wir 100 Jahre Demokratie“

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Friedrich Nietzsche alias Gerd Buurman in roten High Heels, Isabel Rohner und Nikola Müller – das Dohm-Trio.

Langwedel - Den Auftakt macht – ausgerechnet ein Mann. Gerd Buurmann singt unter anderem davon, dass die Kerle „in der Gruppe reichlich blöde“ sind. An diesem Sonntagvormittag allerdings besteht nicht die Gefahr einer männlichen Rudelbildung. Neben dem Schauspieler sind nur noch zwei weitere Männer zu der Matinee im Langwedeler Rathaus gekommen. In den Bürgersaal gedurft hätten mehr Männer aber schon... und gelohnt hätte es sich auch.

Hedwig Dohm – Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und eine der Pionierinnen des Frauenwahlrechts wurde an diesem Tag gewürdigt. Passend zum Abschluss der Veranstaltungsreihe zum Internationalen Frauentag (IFT). Mit der Reihe feierte das Frauenbündnis IFT im Landkreis Verden 100 Jahre Frauenwahlrecht. „Der Kampf um das Frauenwahlrecht verpflichtet und ermutigt uns, für eine demokratische Gesellschaft und für die Rechte der Frauen in Deutschland, Europa und weltweit einzustehen“, erklärte Karin Sievers, Gleichstellungsbeauftragte des Flecken Langwedel in ihrer Begrüßung. Den musikalischen Einstieg in die Veranstaltung bestritten Gert Alsleben und Melanie Czapp, beides Gründungsmitglieder der Gruppe Souly

„Eigentlich feiern wir 100 Jahre Demokratie“, so Gerd Buurmann. „Denn es ist ja keine Demokratie, wenn die Hälfte der Bevölkerung nicht wählen darf.“ Buurmann ist ein Teil des Dohm-Trios. Die anderen beiden sind die Literaturwissenschaftlerin Isabel Rohner und die Historikerin Nikola Müller.

Gemeinsam hat man sich das Ziel gesetzt, eine der Heldinnen der Frauenrechtsbewegung und ihr literarisches Werk aus den Tiefen des Vergessens zu holen. 1831 in Berlin geboren, 1919 dort auch gestorben – konnte Hedwig Dohm einmal in ihrem Leben zur Wahl gehen.

Geboren in einer Familie mit reichlich Geschwistern, aufgewachsen in einer Gesellschaft, die mehr als eine Grundbildung für Mädchen und Frauen nicht vorsah, wurde sie zu einer (autodidaktisch) gebildeten und in ganz Deutschland beliebten Schriftstellerin.

In welchem Genre die Dohm besonders gut war? „In allen“, ist man sich beim Dohm-Trio so gewiss, dass Rohner und Müller ihre Werke neu editiert und herausgegeben haben. „Gefürchtet war sie aber für ihre Polemik“, so Gerd Buurmann. Der spielte, während Rohner und Müller aus Werken von Hedwig Dohm lasen, genüsslich mit Geschlechterklischees, sauste auf unglaublichen hohen roten Hacken durch den Saal, präsentierte quasi als Nummernboy die zu den jeweiligen Texten passenden Bücher.

Oder mimte den Nietzsche auf High Heels. Der große Philosoph sah das Weib als weg- und verschließbares Eigentum. Des Mannes natürlich. „Man muss da orientalisch denken.“

Mann vielleicht. „Die Frau soll ein verschließbares Eigentum sein? Sie will nicht.“ Schrieb Hedwig Dohm, nahm in der Folge nicht nur die Argumentation Nietzsches auseinander, forderte schon 1873 nicht nur das Stimmrecht für Frauen, sondern politische, soziale und ökonomische Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Dabei war Hedwig Dohm in ihren Ansichten und Äußerungen so radikal, dass sie allein da stand. In der Frauenbewegung wurde befürchtet, dass Dohms Forderung die Männer verprellen würden, die dem Wahlrecht offen und positiv gegenüber standen.

20 Jahre später kämpfte eine neue radikalfeministischere bürgerliche Frauenbewegung. Hier war dann Hedwig Dohm dabei.

Genau auf den Punkt und scharfzüngig sind die Texte, so auch die Erfahrung der Besucher der Sonntagsmatinee. Texte, die auch noch heute ihre Gültigkeit haben, nach über 100 Jahren. Texte, die sich mal nicht so eben nebenbei lesen oder hören lassen.

Wie gut, dass es da am Sonntag eine Pause gab, in der frau es sich im Foyer bei den kleinen Köstlichkeiten von Henrike Seliger und einem Austausch gut gehen lassen konnte. 

jw

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