Theater in Langwedel: Vom Leben eines Beamten, Schauspielers und Lehrers

Am Ende gibt alles Sinn

+
„Die Akte Rulff“ heißt das Theaterstück von Christoph Bendikowski – und das spielt auch in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus. Aber nicht nur.

Langwedel - Von Jens Wenck. Christoph Bendikowski sitzt an seinem Küchentisch, die Augen leuchten und er erzählt. Und erzählt. „Könnte ich noch stundenlang…“ strahlt der Schausspieler, Puppenspieler und Theaterdirektor in Personalunion. Bendikowski hat sich auf die Geschichte des Lebens eines Berufskollegen im vergangenen Jahrhundert eingelassen. Mit erheblichen Folgen.

Eine davon ist am kommenden Sonnabend, 20. Februar, ab 20 Uhr im Bürgersaal des Langwedeler Rathauses zu erleben: Die Premiere des Theaterstückes „Die Akte Rulff. Ein Künstlerschicksal zwischen den Weltkriegen.“

Und hier ist dann auch schon der Punkt gekommen, als geneigter Beobachter der Langwedeler Kulturszene den Finger zu recken: „Moment! Da war doch schon mal was.“

Stimmt. Im Oktober 2014 eröffnete Bendikowski mit einem szenischen Theaterabend eine fast gleichnamige Ausstellung im Häuslingshaus mit bemerkenswerten handgemachten Puppen und Dokumenten aus dem Leben von Hermann Rulff. Danach tauchte Bendikowski noch tiefer in das außergewöhnliche Leben des Hermann Rulff, entdeckte neue Dokumente genauso wie Zeitzeugen.

Und allerspätestens da wurde mehr als deutlich: Der Untertitel „Ein Künstlerschicksal zwischen den Kriegen“ greift für Hermann Rulff eigentlich zu kurz.

Sicher, der Mann, der eigentlich Verwaltungsbeamter hätte werden können, zum Entsetzen seines Vaters in den wilden 20-er Jahren des vorherigen Jahrhunderts aber lieber aber erst Theatermanager, dann Puppenspieler und Theatergrüner wird, erlebt im aufkommenden Nationalsozialismus so einiges und liefert sich seine Scharmützel mit den Nazis.

Aber dann steckt er doch noch als einfacher Soldat mitten im Zweiten Weltkrieg. „Der Krieg ist verloren“, ist ihm da schon längst klar. Wie überlebt man, ohne selbst töten zu müssen? Herman Rulff bekommt es hin, sich im richtigen Maß bei Vorgesetzten auf der einen Seite unbeliebt zu machen und auf der anderen Seite an Posten möglichst weit ab vom Kampfgeschehen zu bekommen: als Elektriker, als Ziegenexperte oder als Koch. Wovon unter anderem sein Kriegstagebuch berichtet, das auch in Bendikowskis Theaterstück eingeflossen ist.

Alle Taktik fast nach der Methode des Soldaten Schwejk verhindert zwar eine Beförderung von Hermann Rulff, vor einer Kriegsverletzung bewahrt sie ihn nicht.

Als Rulff aus dem Krieg zurückkommt, ist es „als ob ihn nichts mehr irritieren könnte“, findet Christoph Bendikowski. Rulff absolviert eine Lehrerausbildung, erfährt von dem Aufruf des Schweitzers Robert Corti gegen die „Machtwilligen, die ihre reaktionären Lehren als das alleine Heil der Menschenheit preisen“ und „wie die Welt vielleicht doch noch zu retten ist“.

In dem man nämlich eine Welt schafft, in der traumatisierte Kinder ohne Not leben dürfen. Corti baut in der Schweiz ein Kinderdorf auf, ein internationales, das ohne Vorurteile bezüglich politischer oder religiöser auskommen soll und kann. Aufgenommen werden Kriegswaisen. Unterstützung, Spenden und Hilfe kommt aus aller Welt. Den ersten Eklat gibt es, als ein Hamburger Kaufmann ein Haus für deutsche Kinder bauen will. Nach den Erfahren des Weltkrieges und der Nazidiktatur wollen die anderen nicht mit den Deutschen leben. Was dann passiert „ist ein bisschen kitschig, es war aber wirklich so“, hat Christoph Bendikowski erfahren. Die Kinder werden Freunde. Hausvater des deutschen Hauses ist: Hermann Rulff.

Das Kinderdorf in der Schweiz bekommt in den 50-ern öfter prominenten Besuch, aber selbst der kann Hermann Rulff nicht mehr irritieren. Dem schniefenden Charles de Gaulles reicht er ein Taschentuch. Dem Dalai Lama drückt er bei Schietwetter trocken Gummistiefel in die Hand und Ludwig Ehrhard nimmt er beim Eintritt in das deutsche Haus seine berühmte Zigarre ab.

Die Akte Rulff, die die Nazis anlegten, das Leben des Hermann Rulff ist für Christoph Bendikowski „eine Supergeschichte. So viel Lebensbrüche. Aber am Ende gibt alles einen Sinn.“

Gespannt darf man sein, wie Bendikwski es geschafft hat, so ein Leben, so eine Geschichte in ein Theaterstück zu bekommen. Zu erleben ist das, wie schon erwähnt, am 20. Februar im Bürgersaal des Langwedeler Rathauses. Karten zum Preis von 12 Euro gibt es noch im Vorverkauf in der Buchhandlung Rohrberg in Langwedel. An der Abendkasse kostet der Eintritt dann 15 Euro. Einlass ist am vom Langwedeler Kulturverein organisierten Premierenabend ab 19.30 Uhr.

Mehr zum Thema:

Klein-Kanada im Karwendel: Mautstraßen im Tölzer Land

Klein-Kanada im Karwendel: Mautstraßen im Tölzer Land

Mercedes-AMG GT Roadster: Sturmwarnung aus Stuttgart

Mercedes-AMG GT Roadster: Sturmwarnung aus Stuttgart

Geheimdienst-Kontrolleure: Umgang mit Gefährdern neu ordnen

Geheimdienst-Kontrolleure: Umgang mit Gefährdern neu ordnen

Tim Wiese gibt Autogrammstunde in Apotheke

Tim Wiese gibt Autogrammstunde in Apotheke

Meistgelesene Artikel

Wartehäuschenbau unter keinem guten Stern

Wartehäuschenbau unter keinem guten Stern

Mit 2,24 Promille in einen Vorgarten

Mit 2,24 Promille in einen Vorgarten

Achimer Wolfgang Mindermann singt in der Elbphilharmonie

Achimer Wolfgang Mindermann singt in der Elbphilharmonie

Luther und Störtebeker zanken über Wohltaten

Luther und Störtebeker zanken über Wohltaten

Kommentare