Seit 50 Jahren Störche auf dem Hof

Hans-Joachim Winter aus Etelsen ist für einen der ältesten Horste im Landkreis zuständig

Horstkampf in Etelsen am Kötnerweg: Nicht selten streiten Störche um ein begehrtes Nest.
+
Horstkampf in Etelsen am Kötnerweg: Nicht selten streiten Störche um ein begehrtes Nest.

Langwedel – Einer der ältesten Storchenhorste im Landkreis steht in Hagen-Grinden: Das auf einem Mast mit Wagenrad thronende Nest befindet sich auf dem Hof von Christian Drescher an der Hagener Straße. Aktuell brütet dort wieder ein Storchenpaar, stellt der Wildstorchbetreuer für den Landkreis Verden, Hans-Joachim Winter aus Etelsen, zufrieden fest.

Wie lange es dieses Storchendomizil schon gibt, ist unklar. „Wir sind 1999 hergezogen, da gab’s das schon“, erzählt Christian Drescher und erinnert sich: „Hier stand mal ein altes Backhaus. Da soll der Storch auf dem Dach genistet haben.“ Winter zufolge waren Dachhorste früher üblicher. „Das wird heute weniger angenommen wegen des geringeren Bruterfolgs. Der Mast ist das Sicherste, weil Marder und andere Beutegreifer da nicht raufkommen.“ Eine dritte Form sind Baumhorste, die kommen aber laut Winter noch seltener vor: aktuell lediglich sieben Mal im Landkreis Verden.

Seit sechs Jahren ist Hans-Joachim Winter ehrenamtlicher Ansprechpartner in Sachen Wildstorch. Der gebürtige Kieler wuchs in Essen auf, lebt aber schon seit fast 30 Jahren in Langwedel. Fast ebenso lange engagiert er sich im Naturschutzbund (Nabu). Storchenschutz bedeutet für ihn daher nicht nur, im Umgang mit einem Storchenhorst zu beraten und die Storchpopulation zu dokumentieren, sondern Naturschutz allgemein.

Hans-Joachim Winter vor der Infotafel am Hof Drescher, wo sich einer der ältesten Horste im Kreis befindet.

An der Straße zum Hof Drescher hat der Nabu eine Infotafel aufgestellt, die auch historische Plaketten zur Horstgeschichte enthält: „Ein am 1.7.1971 in unserem Horst beringter Jungstorch wurde im September 1972 in Salum, Ägypten, erlegt“, heißt es da. Ein anderer hier beringter Storch sei ebenfalls tot gefunden worden „am 19.8.1981 in St. Esteben, Basses-Pyrenees, Frankreich“. Weil das Tier beringt war, konnte es eindeutig identifiziert werden, die Todesursache bleibt im Dunkeln.

Folgendes Drama ereignete sich vor zwei Jahren bei Dreschers: „Wir haben in der Nähe einen Storch mit verletztem Flügel gefunden. Speiche und Elle waren gebrochen, das haben wir geschient, aber es wuchs nicht wieder zusammen“, schildert Winter. Das Tier musste eingeschläfert werden. Der Storch sei vermutlich gegen einen Strommast geflogen – bei den Schreitvögeln eine häufige Ursache für Verletzungen. Wegen des fehlenden Elternteils habe es der übriggebliebene Storch nicht geschafft, alle Jungen großzuziehen, trotz des guten Mäusejahrs, weiß Christian Drescher. Ein Zufüttern der Wildvögel lehnt Familie Drescher ab: „Die leben hier mit uns, aber nicht wie Haustiere, sondern wie jeder Singvogel im Garten. Es ist schön, mitzuerleben, wie sie hochfliegen oder sich im Sommer aufs Dach setzen.“ Im Herbst hatten sich auch mal bis zu 30 Jungstörche auf dem Hof für ihren Zug in den Süden versammelt. Im Winter, wenn kein Storch im Horst sitzt, schneiden die Dreschers den Mast von Unkraut oder anderem Bewuchs frei, damit keine Beutegreifer hinaufklettern können. Der Bruterfolg bestätigt die Methode: „Ich rechne fest damit, dass wieder drei Jungstörche herauskommen“, sagt Drescher.

Auf dem Reiterhof Mohr hat das junge Storchenweibchen gerade begonnen zu brüten. „Der Storch sitzt, das sieht nach Brüten aus“, sagt Winter. Am Storchenhorst an der Reitkoppel fliegen Spatzen umher. „Das sind die Untermieter“, sagt Kassandra Mohr, Inhaberin des Reiterhofs. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Spatzen haben es sich unterhalb der Plattform, auf der die Störche nisten, bequem gemacht. Seit Anfang März lebt die Störchin in dem Horst, der vor vier bis fünf Jahren eingerichtet wurde. Laut Kassandra Mohr ist der Partner der Störchin sehr viel älter: „Der steht auf Jüngere.“

Mindestens 13 Horste sind übrigens derzeit in Langwedel besetzt, auf mindestens dreien wird schon gebrütet, berichtet Hans-Joachim Winter. Einen dieser Horste hat Winter in seiner Nachbarschaft am Kötnerweg immer im Blick. Auch Kämpfe hat er dort schon beobachtet. „Zum Teil sind das Halbstarke, die Ärger machen wollen, oder welche, die kein Nest gefunden haben“, weiß Winter. Denn die sogenannten Westzieher, die in Spanien überwintern, sind oft schneller wieder in Deutschland – und haben oft im Februar schon alles besetzt. Die Ostzieher, die über den Bosporus aus Afrika kommen, haben dann das Nachsehen. „Sie brauchen die Meerenge, um das Wasser zu überfliegen. Manchmal kommt es dabei zum Zugstau“, erklärt Winter. Nicht, dass Störche müde werden – laut Winter nutzen sie die Thermik als Auftrieb und können bei Sonnenschein stundenlang fast ohne Anstrengung fliegen.

Weitere Langwedeler Storchenhorste sind neben der Baustelle für die Apotheke Daverden, in Etelsen bei der Tierarztpraxis von Christine Noga und am Stubbenweg, in Völkersen am Mühlenreith, an der Straße Hinterm Damm, in der Nähe des Bauernladens, bei der Fleischerei Badenhop und auf dem Gründstück von Ortsbürgermeister Andreas Noltemeyer. An der Hollenstraße sei ein „schwieriger Horst“, da meist ohne Bruterfolg. Der beringte Vogel hat eine ungewöhnliche Herkunft: Er kommt offenbar aus einem Wiederansiedlungsprojekt für Störche in Schweden.

Das Coronajahr 2020 war ein gutes Storchenjahr im Landkreis Verden: 183 ausgeflogene junge Störche, 97 Horstpaare ohne Nachwuchs und 83 Horstpaare mit ausgeflogenen Jungen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Smartes Housekeeping: Haushaltshilfe einfach online buchen

Diese Mikrowellentricks kennt kaum jemand - dabei sind sie wirklich praktisch

Diese Mikrowellentricks kennt kaum jemand - dabei sind sie wirklich praktisch

Sieg reicht nicht: Bayern-K.o. gegen Paris Saint-Germain

Sieg reicht nicht: Bayern-K.o. gegen Paris Saint-Germain

Antifa-Demo gegen rechte Gewalt zieht durch Syke

Antifa-Demo gegen rechte Gewalt zieht durch Syke

Meistgelesene Artikel

Ausgangssperre: Kreis Verden spielt auf Zeit

Ausgangssperre: Kreis Verden spielt auf Zeit

Ausgangssperre: Kreis Verden spielt auf Zeit
Ärger über starre Impf-Reihenfolge

Ärger über starre Impf-Reihenfolge

Ärger über starre Impf-Reihenfolge
Stadt Verden zieht Reißleine: Inzidenz bei 173,2

Stadt Verden zieht Reißleine: Inzidenz bei 173,2

Stadt Verden zieht Reißleine: Inzidenz bei 173,2

Kommentare