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Was kommt nach der Schule? Besuch in Förderschule und Wohnheim des Waldheim

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Normalerweise schießt er auf das Tor: Pascal Rattinger spielt seit vielen Jahren Fußball in der Handicap-Mannschaft des TSV Achim. Vor seiner ehemaligen Schule, der Helene-Grulke-Schule in Cluvenhagen, klettert er – natürlich nur fürs Foto – auf dem Torpfosten herum.

Cluvenhagen - Von Lisa Duncan. Der 18-jährige Pascal Rattinger strahlt Zuversicht aus. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn nun beginnt für den jungen Erwachsenen mit einer geistigen Beeinträchtigung ein neuer Lebensabschnitt. Pascal Rattinger hat die Helene-Grulke-Schule der Stiftung Waldheim in Cluvenhagen verlassen und wird nach den Sommerferien in den Waldheim-Werkstätten in Bierden arbeiten – so wie viele, die die Förderschule besuchen und oft auch in der Wohnstätte der Stiftung Waldheim auf dem gleichen Gelände leben.

Die Helene-Grulke-Schule, eine staatlich anerkannte private Ersatzschule, hat den Schwerpunkt Geistige Entwicklung. Vereinzelt werden dort auch Kinder aus dem Bereich emotionale und soziale Entwicklung beschult. 80 Schüler hatte die Helene-Grulke-Schule im vergangenen Schuljahr. Die Bildungseinrichtung geht von Klasse eins bis zwölf und ist zum Teil mit Kooperationsklassen in Regelschulen angesiedelt, etwa an der Wümmeschule Posthausen und den Grundschulen Völkersen und Langwedel. „Viele Eltern wählen bewusst die Kooperationsklasse statt einer inklusiven Beschulung“, sagt Schulleiterin Maike Holsten. Als Gründe würden oft kurze Anfahrtswege und eine gezielte Förderung genannt. Schüler mit und ohne Behinderung teilen sich den gleichen Pausenhof, sie machen gemeinsame Klassenfahrten und Projektwochen. Und das nicht seit gestern: Mit der Grundschule Völkersen arbeitet die HGS schon seit 21 Jahren zusammen. Viele dieser Schüler leben in der Wohnstätte in Cluvenhagen, wo das Waldheim Plätze in Achter-Wohngemeinschaften zur Verfügung stellt. Dazu gibt es für junge Erwachsene eine Wohntrainingsgruppe mit ambulanter Betreuung. Ergänzend kommen Angebote wie heilpädagogisches Reiten oder Schwimmen hinzu.

Ein Schüler mit Liebe zur Musik: Pascal Rattinger spielt Cajon, während Klassenlehrer Harald Ziegler ihn auf der Gitarre begleitet.

Die Förderung der Inklusion ist vom Kultusministerium vorgegeben, dennoch existiert im Schulbereich ein Doppelsystem mit inklusiver Beschulung und Förderschulen. Die Eltern haben Wahlfreiheit. Auch nach der Grundschule entschieden sich viele Familien für die HGS mit festen Bezugspersonen und kleinen Klassen, weiß Holsten.

Pascal Rattinger, der als Jüngstes von drei Geschwistern in Hilgermissen geboren wurde, besuchte zwölf Jahre die HGS. Seine Mutter verstarb, als er klein war, sein Vater lebt in Verden. Nach dem Schulabschluss wird Rattinger voraussichtlich in der Holz- oder Fahrradwerkstatt der Waldheim-Werkstätten in Bierden arbeiten, wofür er den Sozialhilfesatz erhält. Die Gemeinschaft stellt ein starkes Argument dar für seine Entscheidung: Alte Freunde aus der Schule arbeiten ebenfalls dort.

Pascal Rattinger als Junge mit Wunschvorstellungen vom Erwachsenwerden – Teil eines Fotoprojekts, in der die Stiftung Waldheim Bewohner zu einem Thema in Szene gesetzt hat. - Foto: Waldheim

Versuche mit dem ersten Arbeitsmarkt hat er ebenfalls hinter sich, als Teil der „Initiative Inklusion“, die vom Sozialministerium und dem Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft unterstützt wird. Pascal hat Praktika in der Aller-Weser-Klinik, der „Blumenkiste“ in Völkersen und in einer Autowerkstatt in Thedinghausen absolviert. Dort kam er sich oft unterfordert vor: „Ich durfte nur beim Reifenwechseln mithelfen“, erzählt er. Im Blumenladen war es etwas besser, dort durfte er Sträuße binden – was ihn aber oft an seine Mutter erinnerte und daher traurig machte. Mit seiner hilfsbereiten, aufmerksamen und aufgeweckten Art hätten ihm sein Klassenlehrer Harald Ziegler und Schulleiterin Maike Holsten den Sprung in den freien Arbeitsmarkt zwar zugetraut. Doch Pascals Erfahrungen führten den 18-Jährigen zu der Erkenntnis, dass er sich diese Leistung zurzeit noch nicht zutraut.

In der Zwischenzeit hat Pascal andere Pläne: Er will weiter in der Handicap-Mannschaft des TSV Achim spielen, wo er seit neun Jahren trainiert – in der Fußball-AG der HGS war er der beste Nachwuchsspieler. Der 18-jährige will sich tätowieren lassen, stellt sich vor, zu heiraten und eine Familie zu gründen. „Ich würde auch gern mal nach Los Angeles fahren“, sagt er. Als Cineast interessiert er sich besonders für Hollywood. Vor Jahren hatte das Waldheim mit seinen Bewohnern in einem Fotoprojekt deren Wunschvorstellungen vom Erwachsenwerden dokumentiert. Dabei stand die Traumfabrik damals schon auf seiner Liste.

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