Hinrich Bischoff: Den Gefallenen des Zweiten Weltkrieges ein Gesicht geben

Daverden: Spurensuche und Erinnerung

Hinrich Bischoff arbeitet seit einem Jahr an dem Projekt – das in ein Buch münden soll. Erscheinen soll das Werk über den Verein für Kultur und Geschichte Daverden.
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Hinrich Bischoff arbeitet seit einem Jahr an dem Projekt – das in ein Buch münden soll. Erscheinen soll das Werk über den Verein für Kultur und Geschichte Daverden.

Daverden – 129 Namen stehen auf den Ehrentafeln für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. „Davon sind 100 Daverdener und 29 Angehörige von Flüchtlingen“, weiß Hinrich Bischoff. „Man könnte ja vielleicht zum Buß- und Bettag eine Ausstellung im alten Küsterhaus machen“, hat er mal überlegt. So mit Fotos und Hintergrundinformationen. Bischoff merkte eines ganz schnell:

129 Namen stehen auf den Daverdener Ehrentafeln für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges.

Eine Ausstellung wird dem Thema und den so früh aus dem Leben gerissenen jungen Männern nicht gerecht.

Vor einem Jahr, zu Beginn der Coronazeit, hat Bischoff angefangen. Auch über diese Zeitung bat er um Fotos und Berichte aus Familienbesitz zu den Gefallenen. „Zeitzeugen gibt es nicht mehr“, musste Bischoff erfahren, der auch durch das Schicksal seines Onkels Fritz auf das Thema kam. Er ist einer von den 129 jungen Männern, deren Leben im Dienst für ein verbrecherisches Regime ein grausames Ende fand. „Ich möchte den Menschen ein Gesicht geben, ihren Lebensweg beschreiben“, sagt Bischoff. Der Verein für Kultur und Geschichte Daverden, in dem er seit dessen Anfängen ein mehr als engagiertes Mitglied ist, wird dabei helfen, aus dem Projekt ein Buch zu machen. „Das werden keine Heldengeschichten, keine Actionstories.“

Hermann Elfers, 1921 geboren, ging am 17. Oktober 1942 auf seiner allerersten Feindfahrt mit seinem U-Boot vor Neufundland unter. Versenkt von einem britischen Zerstörer.

Hinrich Flammann starb Anfang 1942. Die Rote Armee hatte in Demjansk sechs deutsche Divisionen eingekesselt, über 100 000 Mann. Auf 19 deutsche Soldaten kam nach Bischoffs Recherche im eiskalten russischen Winter ein Mantel.

Fritz Köhnsen war mit seiner Einheit einst in Frankreich stationiert – beerdigt wurde er im Kaukasus, fast 4 000 Kilometer entfernt, wohin sein Einheit im Verlauf des Krieges verlegt wordenwar.

Bernhard Duffe und Heinz Fischer sind in russischen Kriegsgefangenenlagern in Sibirien ums Leben gekommen. Unter heute unvorstellbaren Bedingungen.

Hans Decker – „Dieser Name ist in Daverden völlig ungewöhnlich. Es gibt hier keine Familie mit diesem Namen“, so Hinrich Bischoff. Aber da war eine Frau Decker, die mit ihrer Tochter bei der Familie Bischoff untergebracht war. „Die hat immer mit mir rumgetüdelt, als Kind.“ In den Akten steht Wiebelskirchen als Geburtsort von Hans Decker. „Ich hab erst überlegt, ob das in Ostfriesland ist.“ Als Beruf des Vaters von Decker ist Bergmann angegeben. Das passt nicht nach Ostfriesland. Wiebelskirchen liegt im Saarland. Wie und warum sind die Saarländer nach Daverden gekommen?

„Ich habe dann einfach mal in Wiebelskirchen angerufen.“ Das Telefonat scheint ins Leere zu laufen, die Spur kalt... „Hans Decker? Kennen wir nicht“, sagt der Gesprächspartner. Man will sich verabschieden, bis eine weibliche Stimme aus dem Hintergrund ruft: „Der Hans? Das war doch der Bruder von meiner Mutter.“

Plötzlich klappt da ein Stück Weltgeschichte auf. Das Saarland stand nach dem Ersten Weltkrieg unter französischer Verwaltung. 1935 gab es die Volksabstimmung, ob das Land und seine Menschen wieder zum Deutschen Reich gehören wollten. SPD und KPD hatten sich lange für eine Rückkehr zum Reich ausgesprochen, waren dann aber nach der Machtübernahme der Nazis umgeschwenkt.

Erich Honecker stammt auch aus Wiebelskirchen, war gut zehn Jahre älter als Hans Decker und Jugendfunktionär der KPD. Nicht auszuschließen, dass die beiden Kontakt hatten.

Nach der Rückkehr des Saarlandes ins Deutsche Reich flohen viele linke Aktivisten vor Verfolgung nach Frankreich, nach Spanien und kämpften dort im Bürgerkrieg für die Republik gegen Franco. Oder sie kamen nach Norddeutschland.

Hans Decker hat im damaligen MTV Daverden geturnt, war sportlich aktiv, hat vor dem Krieg auf dem Hof Böse an der Hauptstraße gelebt und gearbeitet. 1943 ist er bei Charkow gefallen.

Bei seinen Recherchen helfen Hinrich Bischoff das Mitgliederverzeichnis des MTV Daverden von 1939, das Daverdener Einwohnerverzeichnis von 1920/23, das er von Altortsbürgermeister Hans-Hermann Meyer bekommen hat. Es gibt eine Onlinedatensammlung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Über Feldpostnummern und zugängliche Militärarchive lassen sich Lebenswege nachverfolgen. „Und ich hab viel telefoniert, von Haberloh bis Bonn“, schmunzelt Bischoff. „Überall waren die Menschen sehr, sehr entgegenkommend und haben sich gefreut, dass sich jemand des Themas annimmt.“

Aber trotzdem gibt es immer noch Lücken. Bei zehn, zwölf Namen von der Ehrentafel hakt es. Vielleicht hat das Standesamt im Langwedeler Rathaus noch Unterlagen, vielleicht melden sich Familienangehörige, so die große Hoffnung von Hinrich Bischoff. Oft sind es Namen aus Flüchtlingsfamilien, aber nicht nur.

Hinrich Bischoff sucht noch Informationen und Fotos zu: Richard Wietzke, Rubien Timm, Herbert Seiler, Fritz Schink, Johann Richard, Richard Rewert, Alois Göbel, Albert Götzner, Alexander Janowski, Paul und Heinz Chrzeszinski, Detlef Sell und Hans Mattfeldt.

Wer Informationen weiter geben kann und will: Hinrich Bischoff ist unter Telefon 04232/7230 oder E-Mail an hinrich-bischoff@t-online.de zu erreichen.

Im Herbst 2022 könnte, sollte das Buch fertig sein. „Spurensuche und Erinnerung – Die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges aus Daverden“ soll es heißen, hat sich der gerade 69 Jahre alt gewordene Hinrich Bischoff überlegt.

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