Der jugendliche Liebhaber war er nie

Reinhard Körte und der Theaterverein Völk’ser Platt

„Och, Schatz, komm kuscheln.“ Linda Strepkowski und Reinhard Körte 2015 auf der Bühne. Archiv-
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„Och, Schatz, komm kuscheln.“ Linda Strepkowski und Reinhard Körte 2015 auf der Bühne. Archiv-

Völkersen – Da schnacken wir schon eine ganze Weile und auf einmal stutzt Reinhard Körte: „Das soll doch ein Artikel über den Theaterverein werden, oder? Nicht, dass das dann heißt: Jetzt will der Körte sich noch mal profilieren.“ Tja. Was soll man da sagen. Man kann machen (oder schreiben) was man will, die Leute schnacken doch. Das weiß man ja.

Außerdem: Mehr als 40 Jahre Geschichte des Theatervereins Völk’ser Platt ohne Reinhard Körte? Geht nicht. Das Stück „Een komodigen Avend“ mit Premiere im Februar hätte das letzte für Reinhard Körte als Darsteller auf der Bühne sein sollen, wurde aber wegen Corona abgesagt. Einen Reinhard Körte sang- und klanglos von der Bühne verschwinden lassen? Sorry, das geht gar nicht.

Das erste Mal bei der plattdeutschen Bühne in Völkersen? Da muss er so 17 gewesen sein, überlegt Körte. Auf alle Fälle war er in Verden in einer renommierten Kanzlei in der Ausbildung zum Rechtsanwalts- und Notarsgehilfen. Die erste Rolle? Weiß er nicht mehr.

Aber das allererste Mal Theater, daran erinnert sich der 74-Jährige ganz genau. „Das war in der Grundschule. Hier in Völkersen. Ich war der Zwerg Purzel. Das werde ich nie vergessen.“

Früher gehörten die Völkerser Theaterleute zum TSV, zum Turn- und Sportverein „Eintracht“. „Das ging schon nach dem Zweiten Weltkrieg los“, so Körte. Die ersten Aufführungen waren noch im Gasthaus Prüser. Bald zog das Theater dann ans andere Ende des Dorfes, ins Gasthaus Intemann. Hier waren Saal und Bühne größer und damit dem Publikumsinteresse besser gewachsen. Zumal immer am 1. Weihnachtstag Premiere war, mit anschließendem Tanzvergnügen.

Im März 1965 verstarb Kurt Oetting, ein Motor, ein ganz wichtiger Schauspieler in jungen Jahren, erinnert sich Körte. Die Schauspielerinnen und Schauspieler standen unter Schock. „Und dann ist die ganze Geschichte eingeschlafen.“ Das Tanzvergnügen übernahm die Feuerwehr, Theater gab es keines mehr.

Bis dann jemand, es soll sich um einen gewissen Reinhard Körte gehandelt haben, so um 1976, 1977, alte Theaterleute fragte, ob man denn nicht mal wieder ... Verbrieft ist, dass Reinhard Körte beim Erntefest 1977 Hermann Intemann fragte, ob denn da im Gasthaus „Zur Post“ irgendwo noch Hinterlassenschaften der Theateraufführungen zu finden seien. „Hm. Weet ik ok nich. Mol kieken...“, soll die Antwort gelautet haben.

Da fand sich noch was, Reinhard Körte zog zum Theaterverlag Mahnke nach Verden, las Stücke, suchte Leute, und noch 1977 wurde wieder ein Stück aufgeführt. „Kurt Intemann, der Chef des Hauses, hat uns immer gewaltig unterstützt“, erinnert sich Körte.

1978 gründen die Theaterleute ihren eigenen Verein „Völk’ser Platt“, Reinhard Körte wurde erster Vorsitzender. Wer auch sonst, fanden die anderen. Er hatte die ganze Sache ja angezettelt. Sechs Jahre lang war Körte Vorsitzender, als ihm beim Jubiläum der Holtebütteler Platt-snackers gewahr wurde, dass deren legendärer Vorsitzender Hans Rosebrock zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre im Amt war. „Da hab’ ich einen Schreck bekommen“, gibt Körte zu. Solange Vorsitzender zu sein, das konnte er sich nicht vorstellen.

1984 übernahm Erhard Kettenburg für stolze 16 Jahre den Vorsitz, danach war es „unser Doktor“, Christian Wilkens. Bis 2008 übernahm Jörg Meyer das Amt – und seitdem wieder Reinhard Körte. Aber jetzt ist auch mal so langsam gut, es wäre schön, wenn sich eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger fände. Jörg Meyer ist seit Jahren als Regisseur nicht mehr wegzudenken. „Sein Spruch für uns ist immer: ,Seht bloß zu, dass ihr den Text könnt’“ , erzählt ein strahlender Reinhard Körte.

Geschichten und Anekdoten zum Theaterverein Völk’ser Platt fallen Reinhard Körte eine Menge ein. Kein Wunder, nach mehreren Jahrzehnten auf der Bühne.

Er oder sie müsste dann wie die anderen Völkerser vielleicht auch gucken, wie lange das mit dem Asyl im Waller Heimathaus noch gehen kann. Hierher durfte Völk’ser Platt ausweichen, nachdem das Gasthaus Intemann endgültig geschlossen hatte. Dass da jetzt kein falscher Zungenschlag reinkommt: Die Gastfreundschaft in Walle ist großartig, man versteht sich bestens. Aber die Waller haben auch eine eigene Theatergruppe ... Was, wenn das im Dörpshus mal zu eng wird?

Im Moment ist Pandemie, da geht gar nichts, aber die Erinnerung an die Vergangenheit des Theatervereins aus Völkersen funktioniert vorzüglich. Die Damen und Herren vom Völk’ser Platt waren immer viel unterwegs, auch auf Reisen. Gleich 1978 nach Paris. Wien, Prag, Budapest und einiges mehr haben sie zusammen gesehen. Gastspiele gab es in Holtum/Geest, Posthausen, Moordeich und Verden-Walle. Im Gatshaus Nobel in Moordeich stieg nebenan während der Theateraufführung eine Silberhochzeitsfeier. Durchaus lautstark. Und bei Winterglätte sind die Laiendarsteller mit dem Transporter auch noch im Graben gelandet.

Oder das Gastspiel bei Meyer in Bierden. Für den Abend im großen Saal hatten sich auch noch die Autorinnen angesagt. „Die Generalprobe war eine absolute Katastrophe. Es ging nichts.“ Den Völkersern stand der Angstschweiß auf der Stirn. Der Wunsch nach einer Absage war riesengroß. Sie haben dann doch gespielt. „Das war ganz große Klasse. Nicht eine einzige Silbe ging daneben“, erinnert sich Körte und ist sich ganz gewiss: Allen anderen von damals geht das heute noch ganz genau so.

Er war immer aufgeregt, gar keine Frage. Lampenfieber? Immer! „Das geht weg, also bei mir, wenn ich die Bühne betrete. Aber vorher ... ganz schlimm.“ Festgelegt auf einen bestimmten Typ war er nie. „Aber der jugendliche Liebhaber ging auch immer an mir vorbei“, sagt er und lacht. „Vielleicht war ich schon zu alt ...“

Und, im Laufe der Jahre, der Jahrzehnte haben sich auch viele Sketche herausgebildet. Mit einem war Reinhard Körte bis zuletzt mit Heinrich Früchtenicht und Andreas Noltemeyer auch auf Tour. Fahrer war immer Dieter Lühning – und der transportierte auch das wichtigste und dem Sketch seinen Titel gebende Requisit: „Die Pinkelrinne“. Die Geschichte lässt sich nicht nacherzählen, aber wer die Völkerser jemals mit diesem Auftritt gesehen hat, wird sich erinnern. Auch an die anschließend noch tagelang verkaterten Lachmuskeln. „Das haben wir letztes Jahr noch gespielt. Aber jetzt ist es auch gut.“ Das gilt für die Bühne, und bitte auch für den Vereinsvorsitz. Im April soll Versammlung sein.

Na, ja. „Es wird schwer“, sagt Reinhard Körte, und meint damit wohl vor allem die erfolgreiche Suche nach einer Nachfolge.

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