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Langwedels neue Gleichstellungsbeauftragte ist auch für Bürger zuständig

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Von: Lisa Duncan

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Kerstin Purnhagen, Langwedels neue Gleichstellungsbeauftragte, ist derzeit immer donnerstags in Raum 38 des Rathauses nach Terminvereinbarung anzutreffen.
Kerstin Purnhagen, Langwedels neue Gleichstellungsbeauftragte, ist derzeit immer donnerstags in Raum 38 des Rathauses nach Terminvereinbarung anzutreffen. © Duncan

Langwedel – Wirtschaftswissenschaftlerin, Regionalmanagerin und Wirtschaftsförderin, Vereinsgründerin, Beraterin und Coach – wenn Kerstin Purnhagen von ihrer beruflichen Laufbahn erzählt, klingt das beeindruckend. „Ich bin ein Tausendsassa“, sagt die 52-Jährige selbstbewusst über sich. Doch bereits als Studentin war der neuen Gleichstellungsbeauftragten des Fleckens Langwedel klar, was für sie bis heute wirklich zählt: „Der Mensch steht im Mittelpunkt.“

Am 1. Januar hat Kerstin Purnhagen die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten als Nachfolgerin von Karin Sievers übernommen. Neben den 15 Stunden pro Woche, die sie für den Flecken tätig ist, arbeitet Purnhagen als Bildungsreferentin für die Stadt Osterholz-Scharmbeck im Bereich Inklusion im weiteren Sinne von „Teilhabe für alle“ und berät dahingehend Kindertagesstätten und Schulen. Zudem hat sich die verheiratete Frau viele Jahre neben dem Beruf der Pflege einer nahen Angehörigen gewidmet.

Die gebürtige Bremerin begann nach dem Studium der Ökonomie an der Universität Bremen als Referentin für das Bundesland Bremen bei der Wirtschaftsförderung in Bremerhaven. Nachdem sie anderthalb Jahre beruflich pausiert hatte, um ihre Großtante zu pflegen, stieg sie als Regionalmanagerin für den Landkreis Osterholz wieder ins Berufsleben ein und übernahm bald Führungsverantwortung. „Dabei habe ich gemerkt, was das für ein Spagat ist, Beruf und Pflege unter einen Hut zu bekommen“, erzählt sie. Es folgte ein Ruf an die Universität Bremen, wo genau diese Vereinbarkeit von Familie und Beruf ihr Thema war. Durchaus mit praktischem Aspekt: Unter Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beriet sie dazu Unternehmen und führte praktische Angebote und Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit ein. Zu Beginn dieser Tätigkeit ließ sie sich als systemische Beraterin und systemischer Coach fortbilden und zertifizieren. Im Jahr 2011 gründete sie unter Einbezug aller Kunden den Verein „Impulsgeber Zukunft“ und gewann für den Verein das Bundesförderprojekt „unternehmensWert: Mensch“, ein Förderprogramm für eine Personalpolitik, die die Themen Diversität und Gleichstellung einbezieht. Bis 2017 war sie dort Geschäftsführerin.

Bis heute berät und coacht sie ehrenamtlich junge Menschen, ihre Kompetenzen zu erkennen, um eine für sie gute Berufswahl treffen zu können. Dabei sei ihr immer wieder aufgefallen: „Es sind oft Rollenklischees, warum sich junge Leute für einen Beruf entscheiden.“ 70 Prozent wüssten gar nicht, was sie wirklich gut können. Solche Stereotype will sie helfen abzubauen – nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern die gesamte Gesellschaft.

Die Stelle beim Flecken Langwedel schien also wie maßgeschneidert für die Lilienthalerin, die auch die Respektkultur in der Gesellschaft fördern will. „Es besteht ein großer Unterschied zwischen Akzeptanz und Respekt“, sagt sie. Denn akzeptieren ließe sich vieles, Respekt basiere aber auf der Annahme, dass alle Menschen gleich sind. „Und das sehe ich als Handlungsempfehlung.“

Purnhagen weist darauf hin, dass sie als Gleichstellungsbeauftragte zwar auch, aber nicht ausschließlich für die Gemeindebeschäftigten da sei. Zur Hälfte ist sie Ansprechpartnerin für die Bürger: „Ich bin gerne Ohr. Ich will die Langwedeler einladen, offen mit mir zu sprechen, auch gerne kontrovers“, sagt sie. Ratsuchende unterstützt sie direkt oder vermittelt sie an andere Einrichtungen. Dies betreffe Notlagen oder Fragen rund um die Themen Trennung, Scheidung, Diskriminierung, Mobbing, Elternzeit oder andere Vereinbarkeitsthemen.

Kerstin Purnhagen möchte immer weiter dazulernen, „und dazu ist es wichtig, mit den Menschen in Kontakt zu kommen“, auch, wenn dies in der Pandemie nicht leicht sei. Sie ist zurzeit meist im Homeoffice tätig, aber per E-Mail (kerstin.purnhagen@langwedel.de) oder telefonisch unter 04232/ 3947 (mit Rufumleitung) zur Terminvereinbarung erreichbar. Donnerstags von 9 bis 16 Uhr ist sie im Rathaus (Raum 38) anwesend.

Schwerpunkte sieht sie bei der Begleitung junger Menschen, auch in Sachen Medienkompetenz. So gelte es etwa, die Benachteiligung von Frauen in sozialen Medien abzubauen. Denn einer Statistik zufolge betreffe Online-Mobbing zu 70 Prozent Frauen. Ein auch aus persönlicher Sicht wichtiges Thema ist die „Gender Care Gap“ – die Tatsache, dass es oft Frauen sind, die die Pflegeaufgaben in der Familie übernehmen. In Zahlen: „Frauen übernehmen 52,4 Prozent mehr Sorgearbeit. Wenn sie Kinder haben, sind es sogar 84 Prozent mehr“, weiß Purnhagen. Eine weitere Lücke klaffe zwischen den Geschlechtern beim Thema Altersarmut – durchschnittlich erhielten Frauen 53 Prozent weniger Rente, was oft durch Teilzeitarbeit und die Berufswahl vorgezeichnet sei.

Laut Purnhagen hat der Flecken im Rathaus 25 Beschäftigte, davon sind 18 Frauen (72 Prozent). In den politischen Gremien ist das Verhältnis umgekehrt: Von den 56 Personen sind nur 15 weiblich (26,8 Prozent).

Diese und andere Themen möchte sie vorzugsweise im Dialog bearbeiten. „Ich bin ein Fan von Beteiligungsformaten“, betont sie. So blickt sie mit Vorfreude auf Langwedels Beteiligung am regionalen Entwicklungskonzept im Rahmen der Leader-Region, das strukturelle Benachteiligungen ausgleichen soll. Die Themen bestimmen die Bürger. „Das ist eine Chance, den regionalen Raum noch lebenswerter zu machen“, findet sie. Sich selbst beschreibt sie als naturverbunden. Zu jeder Jahreszeit geht sie täglich eine halbe Stunde raus zum Nordic Walking – „Wind macht den Kopf frei für neue Gedanken“.

Die Gleichstellungsbeauftragte will auch Benachteiligungen von Männern thematisieren. So fehlen etwa auch an Langwedeler Kitas die männlichen Erzieher (die Quote liegt hier bei sechs Prozent), was Jungen schon im Kleinkindalter benachteilige. Bis zur Gleichstellung der Geschlechter, wie sie in den Zielen der Vereinten Nationen bis 2030 verankert ist, sei es noch ein weiter Weg: „Sich als ,Wir’ verstanden zu fühlen, da sind wir noch weit von entfernt“, glaubt sie.

Die viel kritisierte gendersensible Sprache findet Purnhagen übrigens „grundsätzlich richtig, nur die Diskussion darüber unglücklich“. So ist es aus ihrer Sicht nebensächlich, ob Diversität durch Sternchen, Doppelpunkt oder den Zusatz -innen ausgedrückt wird, hauptsache es werde überhaupt gegendert. „Manche meinen, das macht Aufwand. Ich finde, es macht ein bisschen Mitdenken.“

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