„Ist das nicht was für dich?“

Langwedels Gleichstellungsbeauftragte Karin Sievers nach rund 40 Jahren im öffentlichen Dienst im Ruhestand

Karin Sievers zeigte ein letztes Mal Flagge für ein klares Nein zu Gewalt gegen Frauen. Die Langwedeler Gleichstellungsbeauftragte hat ihr Büro jetzt endgültig geräumt.
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Karin Sievers zeigte ein letztes Mal Flagge für ein klares Nein zu Gewalt gegen Frauen. Die Langwedeler Gleichstellungsbeauftragte hat ihr Büro jetzt endgültig geräumt.

Langwedel – Sie hat schon überlegt, ob es die richtige Entscheidung ist. Nach rund 40 Jahren im öffentlichen Dienst, die eine Hälfte beim Landkreis Verden, die andere beim Flecken Langwedel, geht man nicht einfach in den Ruhestand. Schon gar nicht, wenn man seine Arbeit so ausgeführt hat wie Karin Sievers. „Ich bin schon eine treue Seele“, lacht die Daverdenerin angesichts ihrer gerade mal zwei Arbeitgeber. Seit dem 1. Januar 2009 war sie auch Gleichstellungsbeauftragte des Fleckens Langwedel. Erst die zweite nach Christiane Morré.

Ihr Einstieg war nicht unbedingt einfach. Die Stelle war nach dem Abschied ihrer Vorgängerin zur Stadt Verden acht Monate lang vakant gewesen. Langwedels damaliger Bürgermeister Andreas Mattfeldt sprach die Sekretärin der Haupt- und Realschule an: „Ist das nicht was für dich?“

Die Idee kam nicht von ungefähr. Karin Sievers hatte beim Landkreis Verden gelernt – und dann lange gearbeitet. Seit 1977. „Die soziale Schiene“, das war ihre. Sozialamt, Zusammenarbeit mit dem Verdiener Frauenhaus, zum Beispiel.

Aus dieser Zeit hatte Karin Sievers, die 2003 als Schulsekretärin beim Flecken Langwedel wieder ins Berufsleben eingestiegen war, nach dem, was man heute Elternzeit nennt, ein Netzwerk aufgebaut. „Ich konnte da gleich als Gleichstellungsbeauftragte drauf zurückgreifen. Das war megawichtig.“

Im Flecken Langwedel hatten der Bürgermeister, der bald als CDU-Bundestagsabgeordneter nach Berlin ziehen sollte, und seine Ratsfraktion nicht wirklich etwas für die Stelle einer hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten übrig. Ehrenamtlich müsste doch reichen, wenn es schon sein soll.

Was SPD und WGL ganz anders sahen – und auch ihren Teil Skepsis gegenüber der Neuen hatten. Würde sich die „freischaffende Künstlerin“, so schon mal ihr Titel im Rathaus, behaupten können? Sievers war, so der Kompromiss, als Gleichstellungsbeauftragte mit zehn Wochenstunden ausgestattet worden, dazu kamen zehn Wochenstunden im Hauptamt der Gemeinde.

„Ich habe gleich gesagt: Die zehn Stunden reichen hinten und vorne nicht.“ Also die für die Gleichstellungsbeauftragte. Obwohl die anderen zehn Stunden unter anderem mit der Geschäftsführung des Schlossparkvereins Etelsen, der Organisation des Ferienspaßprogramms und der Langweiler Kulturtage belegt auch gut ausgefüllt waren.

Was macht denn nun eine Gleichstellungsbeauftragte? „Das hängt bei uns immer davon ab, wie deine Kommune gestrickt ist.“ Und was die jeweilige Politik, der jeweilige Rat zulassen. Da ist vorgeschrieben die Mitwirkung bei Personalangelegenheiten. Wenn Bewerbungen eingehen, ist eine Gleichstellungsbeauftragte „begleitend“ hinzuzuziehen. Entscheiden kann sie nichts.

Aber gucken: „Hakt das irgendwo, werden Frauen benachteiligt?“ Karin Sievers war immer auch daran gelegen, alte Klischees aufzubrechen. Wie wäre es zum Beispiel mit Männern – oder Jungen beim Zukunftstag – im Kindergarten?

Fortbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten schaffen, darin sah sie ihre Aufgabe. „Und Mut machen. Frauen wägen immer so viel ab, wollen alles Mögliche bedenken. Männer sagen einfach: Mach ich, kann ich. Viele Frauen überlegen oft zu lange.“ Und dann ist der Job vergeben.

Schon aus ihrer Zeit beim Landkreis habe sie einen Blick auf die sozialen Brennpunkte gehabt. Immer schon war Gewalt gegen Frauen ein wichtiges Thema. Jetzt in der Pandemie aber leider besonders. „Die Beratungsstellen sind übergelaufen.“ Karin Sievers hat im Rathaus beraten und weitergeholfen, sich aber auch quasi anonym auswärts mit Hilfe suchenden Frauen getroffen.

Der Flecken Langwedel hat jetzt in seiner Satzung die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten festgeschrieben, mit 15 Wochenstunden. „Das freut mich wirklich. Das verstehe ich auch als Anerkennung meiner Arbeit“, sagt Karin Sievers.

Wie vor jedem Gespräch mit der Presse hat sie sich Notizen gemacht, notiert, was sie loswerden muss, was wichtig ist. Hier: Die Vernetzung, die unglaubliche Zusammenarbeit mit den Kolleginnen im ganzen Landkreis Verden, die Kollegialität im Langwedeler Rathaus, die vielen Menschen, die sie bei den vielen Veranstaltungen, die sie organisieren durfte, kennengelernt hat – und überhaupt die Zusammenarbeit mit so vielen Menschen… Wenn Karin Sievers sich erst einmal in Begeisterung und Geschwindigkeit geredet hat, dann wird es schwer, alles zu notieren. Wenn also hier jemand oder etwas fehlt – das liegt nicht an Sievers.

Ihr Abschied aus dem Berufsleben in die zweite Phase der Altersteilzeit fällt coronabedingt ganz still aus. Vielleicht ist im Frühjahr noch ein Kaffeetrinken mit den Kollegen im größeren Kreis drin. Mal gucken. Und sonst? Irgendwann bitte mal wieder auf der Freilichtbühne Daverden Theaterspielen. Joggen und Bewegung an der Natur geht immer, das muss sein. Sie ist schon einige Pilgerwege gegangen, ein drittes Mal auf dem Jakobsweg nach Santiago di Compostela, das wäre toll.

Aber vor allem die gemeinsame Zeit mit ihrem Mann Heiner genießen, Nordstrand, die nordfriesischen Halligen! „Rangerin im Wattenmeer, Vögel zählen“, das hat sie sich früher vorstellen können. Oder vielleicht ein Studium anfangen? Oder selbst ein Theaterstück schreiben…? Schließlich hat sie schon Stücke für die Freilichtbühne Daverden aus dem Hochdeutschen ins Plattdeutsche übersetzt.

„Wenn irgendwo eine Tür zugeht, geht woanders wieder eine auf.“ Karin Sievers liebt Sprüche, Aphorismen. Das hat sie immer schon gern gemacht und sich auch immer Zitate und Weisheiten als roten Faden für Reden herausgesucht.

Bleibt noch zu sagen, was Karin Sievers schlussendlich zu ihrem Ruhestand befunden hat: „Ich mach es richtig. Es ist an der Zeit.“

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