Vom „Edelhof“ starteten im 19. Jahrhundert Karrieren

Langwedel und seine adeligen Offiziere

Ein Platz mit wechselhafter Geschichte: Wo einst der Edelhof, dann ein Gasthaus und später eine Zigarrenfabrik und eine Druckerei standen, beginnen in der kommenden Woche die Bauarbeiten für eine Seniorenresidenz.
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Ein Platz mit wechselhafter Geschichte: Wo einst der Edelhof, dann ein Gasthaus und später eine Zigarrenfabrik und eine Druckerei standen, beginnen in der kommenden Woche die Bauarbeiten für eine Seniorenresidenz.

Als Adelige hatten sie einst die Langwedeler Burg zu beschützen, selbst wohnten sie auf dem „Edelhof“. Der letzte „Herr zu Langwedel“ verkaufte das Anwesen Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein Gasthaus entstand an der Stelle des Hofes, dann eine Zigarrenfabrik und schließlich eine Druckerei - die jetzt einer Seniorenresidenz weichen musste. An einem geschichtsträchtigen Ort mitten in Langwedel.

Von Waldemar Rohrberg

Langwedel – Johann Friedrich Graf von der Decken starb 1840 auf seinem Herrensitz in Ringelheim bei Salzgitter kurz vor seinem 71. Geburtstag. Geboren wurde er in Langwedel, auf dem sogenannte „Edelhof“.

Friedrich von der Decken stammte aus einem alten Adelsgeschlecht, aus dem einige hannoversche Offiziere hervorgingen. Friedrich von der Decken trat 1803 in den diplomatischen Dienst ein, als das Kurfürstentum Hannover französisch besetzt war – und begann, für den englischen König ausländische (deutsche) Soldaten anzuwerben und gilt damit als Gründer der King"s German Legion. Der gebürtige Langwedeler wurde 1833 vom englisch-hannoverschen König Wilhelm IV in den erblichen Grafenstand erhoben.

Bei Johann Friedrich und seiner Familie wuchs übrigens dessen Vetter Georg Julius Wilhelm Ludwig auf – der es unter anderem zum hannoverschen General der Kavallerie brachte – nur ein weiteres Beispiel für viele Militärkarrieren in der Familie von der Decken.

Johann Friedrich von der Decken wurde 1769 auf dem Edelhof in Langwedel geboren. Er war der vorletzte „Herr auf Langwedel“. Dieses Ölgemälde eines unbekannten Malers befindet sich in Familienbesitz.

Im August 1943, mitten im Zweiten Weltkrieg, entsann man sich der einst recht prominenten Familie, ihrer vermeintlichen Bezüge zu Langwedel – und es gab unter dem Titel „Erbe der Väter“ im Verdener Anzeigenblatt folgende Geschichte (die wir hier in Auszügen wiedergeben) über die von der Deckens und Langwedel zu lesen: „Mutter, wir wollen Deinen Wunsch erfüllen und uns noch einmal in Langwedel nach allem umsehen, was dir die glücklichste Zeit deines Lebens bedeutet hat. Mit diesen Worten hatten die Geschwister von der Decken Abschied aus dem Elternhaus genommen.

Nach langer Fahrt erfolgte nun die Ankunft in Langwedel. Es kam plötzlich Leben in den stillen Flecken, als die Postkutsche im Anzuge war. Das Horn des Postillions ertönte, verwundert schauten die Einwohner auf den vierspännigen Postwagen. Es war die tägliche Abwechslung in dem Einerlei des Alltages. Vielleicht brachte die Post ein Lebenszeichen von den Verwandten oder Freunden. Die meisten erlebten jedoch eine Enttäuschung, denn das Schreiben war eine Kunst, die zu der Zeit nur erst wenige konnten. Aber es gab hilfsbereite Leute genug im Orte, die allen denen, die weder lesen noch schreiben konnten, den Inhalt der Briefe verständlich machten.

Immer von Neuem freute man sich über die Anfahrt der Post. Da war einmal mit der ganzen Würde seines Amtes der Postillion, er trug, ebenso wie die Hofbeamten, einen roten Rock und weiße Hose. Die Pferde waren Produkte der Landespferdezucht, die hannoversche Landespost wurde sehr geschätzt und dazu trugen die schnellen Pferde wesentlich bei. (...)

Der Postillion wusste auch viel von seinen Fahrten zu erzählen. Gespannt horchte man auf, was er heute für Neuigkeiten zu bringen hatte. Nicht immer stieg jemand in Langwedel aus. Das Reisen mit der Post war sehr teuer und konnte daher keine Volkssache sein. Heute stiegen in Langwedel die Geschwister von der Decken aus. (...)

Der Postillion saß bereits wieder auf dem hohen Bock, er blies mächtig in sein Horn. Die ständig wiederkehrende Melodie seines Signales hatte den Volksmund auf eine Deutung gebracht, besonders bei den Schönen des Fleckens sang und klang es in Erinnerung an den schneidigen Postillion: ,Ach du mein lieber Gott, muss ich schon wieder fort auf die Schausee."

Mit der gewohnten Gastfreundlichkeit wurden die Geschwister von der Decken im Rapenhaus aufgenommen. Viel gab es zu erzählen, denn noch immer sprach man im Flecken von der Familie von der Decken, von dem Edelhof und allem, was damit in Verbindung stand.

Später traten die beiden Schwestern von der Decken einen Rundgang durch den Ort an. Lange blieben sie vor dem einstigen Edelhof stehen, sie selbst wussten nicht mehr viel davon aus eigenem Erleben. Aber all das, was sie selbst nicht kannten, baute sich aus den Erzählungen der Mutter und des Vaters vor ihnen im Geiste auf. Als der Vater noch lebte, sprachen Vater und Mutter über die glücklichen Jahre in Langwedel. (...)

Die Schwestern besuchten in Langwedel den Hofmeier, den Kutscher und all die Gutsleute, keiner durfte übergangen werden. Als sie wieder daheim waren, dauerte es bis in die Nacht hinein, um alle Fragen der Mutter zu beantworten. Man kann sich die Stimmung der Mutter denken, als ihr die Töchter eröffneten, dass an der Stelle wo einst der Edelhof mitten im Orte stand, nunmehr ein Tanzsaal seinen Platz gefunden habe.

Bewegt meinte die alte Baronin: Ich habe es Vater immer gesagt, wir wollen den Edelhof in Langwedel nicht verkaufen, sondern versuchen, ihn mit allen unseren Kräften zu halten. Aber Vater meinte, es sei kein rentables Gut, und so schieden wir von der Stätte, wo ich die glücklichste Zeit meines Lebens verlebte, wo die Leute so arbeitsam, so treu waren. Wo uns mit allen die herzlichsten Beziehungen verbanden. Nun ist es vorbei, das Erbe der Väter dahin!

Mutter, Vater hatte Recht, wenn er das Gut wegen Unrentabilität verkaufte.

Der Edelhof hatte viel Grund und Boden, der noch in den Langwedeler Sümpfen lag. Anderes Land war nicht zu bekommen, denn im Osten dehnt sich das mächtige Moor. Es gab nicht genug Arbeitskräfte, um aus den Sümpfen kulturfähiges Land machen zu können. Unsere Wirtschaft würde nicht vorwärtsgegangen sein, sondern ständig weiter zurück. (...)

Fragen der Baronin nach dem Lobetag der Langwedeler standen natürlich mit an. Wird der Gottesdienst in der altehrwürdigen Kirche in Daverden auch an diesem Tage noch gut besucht?

Warum bauen die Langwedeler Bürger ihre Häuser so nahe zusammen? Fragen über Fragen. Da hatte unser Vater einen Weitblick beim Verkauf des Edelhofes. Auf der einen Seite die Sümpfe und auf der anderen Seite das Moor, eine Ausdehnung des Fleckens war ja nicht möglich. Die Häuser mussten schon eng aneinander gebaut werden, weil der Platz fehlte.

Haben denn unsere Gutsleute Arbeit gefunden, fragte die Baronin. Ja, die jungen Leute gehen im Sommer nach Holland zum Mähen. Man nennt diese Schnitter in Langwedel allgemein Hollandgänger. (...)“

Mit diesem Schild hatte der Touristikverein einst am Gebäude der Druckerei Mack Interessierte kurz und knackig über die Geschichte des Edelhofes informiert.

An der Stelle des Edelhofes zu Langwedel wurde an der Großen Straße später ein Gasthaus errichtet, dann eine Tabakfabrik und schließlich eine Druckerei. An einer ihrer Außenmauern hatte der Touristikverein Langwedel eine Infotafel angebracht, auf der über die Geschichte des Edelhofes berichtet wurde.

Auch die Druckerei und ihre Gebäude sind heute nicht mehr vorhanden, wurden abgerissen.

Auf dem Gelände sollen ein Seniorenwohn- und Pflegeheim sowie weitere Gebäude mit altengerechten Wohnungen entstehen. Baubeginn ist in der kommenden Woche, wie eine Sprecherin der Specht Gruppe aus Bremen auf Anfrage mitteilte.

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