250-jähriges Jubiläum des Häuslingshauses

„Wanderarbeit war eine Massenbewegung“

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Dr. Wolfgang Ernst vom Langwedeler Kulturverein führt in die Ausstellung ein.

Langwedel - Von Inka Sommerfeld. Nur nicht abschrecken lassen von den zahlreichen Infotafeln, die an den Wänden hängen. „Man sagt mir immer wieder, dass meine Ausstellungen zu textlastig sind“, gesteht Dr. Wolfgang Ernst ein klein wenig zerknirscht. Aber irgendwie geht es nicht anders. Egal. Auch wenn Besucher viel lesen müssen: Die Texte sind anschaulich geschrieben und lassen Leben und Tätigkeiten der Wanderarbeiter lebendig werden.

Um die geht es in der Ausstellung, die am Sonnabendnachmittag im Langwedeler Häuslingshaus eröffnet wurde. „Wanderarbeiter“ lautet schlicht der Titel, und die Ausstellung ist ein Teil der Feierlichkeiten, mit denen der Kulturverein das 250-jährige Bestehen des Häuslingshauses und den Betrieb von fünf Jahren Kleinkunstdiele feiert.

Die Dokumente, Bilder und Objekte sind bis Sonntag, 9. September, sonnabends und sonntags von 15 bis 18 Uhr zu sehen und zu lesen.

Die Idee, eine Ausstellung zum Thema „Wanderarbeiter“ zusammenzustellen, hatte Wolfgang Ernst im vorigen Jahr. Im Winter machte er sich an die Arbeit – er stöberte in Archiven, verfasste die Texte und suchte nach passenden Bildern. „Das Thema ist aktuell – viele Menschen kommen nach Deutschland und arbeiten hier, beispielsweise Spargelstecher“, leitete Ernst die Vernissage ein. In welchen Bereichen Wanderarbeiter hierzulande noch tätig sind, zeigen Fotos.

Die Ausstellung beginnt hinter der Eingangstür. „Sie befasst sich mit Wanderarbeitern früherer Generationen, und Bewohner des Häuslingshauses gehörten einer Schicht an, die sich als Wanderarbeiter verdingen musste – das verdeutlicht die Skulptur des Hollandgängers vor dem Eingang. Doch ob ein früherer Bewohner des Hauses Wanderarbeiter war, ist nicht belegt“, sagte Ernst.

Wagen und Werkzeuge der Wanderarbeiter.

Warum verließen die Menschen damals ihre Heimat und arbeiteten in der Fremde? Das hat viele Gründe. Ursachen und Arten der Arbeit hat Ernst übersichtlich dargelegt. Ein Wohlstandsgefälle war es, das die Leute von zu Hause wegtrieb: In vielen Gegenden Deutschlands herrschte Not, während sich die Niederlande von 1580 an zur führenden See- und Handelsmacht in Europa entwickelten.

Wohlstandsgefälle als Antrieb für Hollandgang

„Das bedeutete, dass viele Arbeitskräfte gebraucht wurden, und das wiederum war der Antrieb für den Hollandgang“, sagte Ernst und spielt auf die heutige Situation an: „Auch heute ist es ein Wohlstandsgefälle, das die Leute in fremde Länder treibt.“ Nur, dass das Gefälle heute zwischen Norden und Süden besteht. „Wenn man das anders will, muss man das Gefälle verändern und nicht die Menschen ersaufen lassen“, meint der Langwedeler.

Zurück zur Ausstellung: Die Agrarreform um 1700 war eine weitere Ursache des Hollandgangs – es wurde ein Hof als Ganzes an einen Erben überschrieben, und die anderen Kinder wurden zu Landlosen, die sich ihren kargen Lebensunterhalt auf andere Weise verdienen mussten. Beispielsweise als Grasarbeiter, als Torfgräber oder als Grönlandfahrer.

Gut bezahlte Lipper Ziegler

Mehr Geld verdienten die Lipper Ziegler. „Das sind Menschen aus dem Lippeland, die auf Ziegelarbeiten spezialisiert waren“, erläuterte Ernst und ergänzte: „Der Großvater unseres Bundespräsidenten war ein Lipper Ziegler. Hoffentlich hat unser Staatsoberhaupt seine Herkunft nicht vergessen.“

Aus den wandernden Kaufleuten entstanden Textilunternehmen wie Peek und Cloppenburg und Brenninkmeijer (C&A). „Wanderarbeit war eine Massenbewegung“, fasste Ernst zusammen. Das belegen Zahlen, die er zusammengetragen hat.

Weitere Tafeln beleuchten die zeitliche Entwicklung des Hollandgangs, die Ansicht der Obrigkeit und Löhne der Arbeiter.

„Wenn nichts dokumentiert wird, geht alles verloren“, begründet Ernst seine Motivation, in den Archiven zu forschen. Ein Ergebnis ist die Dokumentation „250 Jahre Langwedeler Häuslingshaus“, dessen Auflage 40 Exemplare umfasst. Das Heft ist für zwölf Euro an den kommenden Wochenenden und bei Wolfgang Ernst unter Telefon 04232/ 1590 zu bekommen.

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