„Luxus auf der Burg“: Biologe schlägt beim Vortrag weiten historischen Bogen

Kommandant schlurft Austern

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Dr. Wolfgang Ernst vom Langwedeler Kulturverein (rechts) begrüßt den Biologen Hans Christian Küchelmann und Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht vor dem Häuslingshaus.

Langwedel - „Ich bin das erste Mal im Häuslingshaus und begeistert, denn es ist sehr schön“, lobte Hans Christian Küchelmann. Der Biologe, der sich auf Archäozoologie spezialisiert hat, erklärte am Sonntag, was es mit den Austernschalen auf sich hat, die in der vom Langwedeler Kulturverein organisierten Ausstellung „Die Burg Langwedel und mehr“ zu sehen waren. Die Schalen hatte Kreisarchäologin Dr. Jutta Precht bei Ausgrabungen auf dem ehemaligen Burggelände gefunden.

Was ist Archäozoologie? „Wir beschäftigen uns mit tierischen Hinterlassenschaften – wir analysieren Knochen, aber auch Muschelschalen“, beschrieb Küchelmann seine Arbeit. Damit war er mittendrin im Thema „Luxus auf der Burg“ – so lautete der Titel seines Vortrags, dem das Publikum gebannt lauschte.

Römer brachte extravagante Essgewohnheiten mit in den Norden

„Schalen der europäischen Auster aus der Zeit um 6000 vor Christus wurden an den Küsten Norddeutschlands gefunden“, begann der Bremer. Aus der römischen Kaiserzeit, also im ersten bis dritten Jahrhundert, gab es weitere Funde in Deutschland. „Die römische Elite hatte extravagante Essgewohnheiten, und die nahm sie mit in den Norden. Austern waren beliebt, und die Folge war, dass das Mittelmeer bald leergefischt war“, sagte Hans Christian Küchelmann. Da die Römer auf die Delikatesse nicht verzichten wollten, begann man, Austern zu züchten. „Das lässt sich an Funden erkennen“, sagte der Referent.

Wie kamen die Austern über die Alpen? „Austern können 24 Tage ohne Wasser auskommen. Sie schließen ihre Schalen und leben von dem Wasser, das sich in ihrem Inneren befindet“, erläuterte Küchelmann. Legt man eine Reisegeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Tag zugrunde, gelangten die Meeresfrüchte lebend in den Norden. Es wurden aber auch Austern aus dem Atlantik verzehrt, wie Funde in Xanthen belegen. „Deren Schalen waren mit Seepocken übersät, und die gibt es nur im Atlantik“, sagte der Biologe.

Erst werden Austern vom Adel künstlich knapp gehalten

Nach dem Ende des Römischen Reiches hatten die Austern ihre Ruhe. Erst aus dem 11. Jahrhundert gibt es schriftliche Quellen, die bezeugen, dass lebende Austern transportiert wurden. „Der nordeuropäische Adel hatte Interesse an der Speise“, sagte Küchelmann. Aus der Zeit von 700 bis 1000 wurden auf einer bäuerlichen Hofstelle in Scharnhorst zwischen Schalen von Flussmuscheln einige Fragmente von Austernschalen gefunden. „Das bereitet mir Kopfschmerzen, denn es war ja nur die Oberschicht, die sich Austern leisten konnte“, bekannte der Experte.

Vom 16. Jahrhundert an wurden Austern in Schriftstücken erwähnt: als Geschenke von Adeligen an Standesgenossen. Die von Adeligen, reichen Bürgern und vom Klerus geschätzte Speise wurde künstlich knapp gehalten – mithilfe des Preises. So wurde die Austernfischerei in der Nordsee verpachtet, verbunden mit einem Monopol des Verkaufs. Zudem stritt man sich um die Nutzungsrechte ertragreicher Austernbänke. Denn: „Die Bänke waren ein wesentlicher Faktor in der Ökonomie der Adelshöfe“, betonte Küchelmann.

Dann werden sie überfischt

Im 18. Jahrhundert begann eine massive Überfischung – der Profit hatte Vorrang –, dazu kamen unter anderem harte Winter, so dass es immer weniger Austern zu ernten gab. Da nützten auch Fangverbote und Aufstocken aus Aufzuchtstationen nichts: Um 1930 galt die europäische Auster als ausgestorben.

Und Langwedel? „Die Austern, die man auf der Burg verzehrte, wurden sicher von der Nordseeküste hertransportiert“, vermutete Hans Christian Küchelmann und ergänzte: „Offensichtlich waren die Bewohner der Burg politisch nicht ganz unbedeutend, so dass sie sich Austern einhandelten, kauften oder als diplomatisches Geschenk erhielten.“

Seine Frage nach historischen Quellen, die darauf hindeuten, beantwortete Kreisarchäologin Precht: „Wir vermuten, dass die Austernfunde zur neuzeitlichen Festung gehören, und der Kommandant, nicht das einfache Volk, sie gegessen hat.“

Dr. Wolfgang Ernst vom Kulturverein hatte in den Staatsarchiven jedoch keine Belege über Austernhandel gefunden. „Suchen Sie nach den Begriffen ‚Osterlinge‘ und ‚Oesters‘“, riet Küchelmann.

is

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