100 Jahre Daverdener Amateurtheater: Herbert Luttermann und Elfriede Ellendt erinnern sich

Jubiläum in Krisenzeiten

Traumpaar auch in der Regie: Elfriede Ellendt (l.) und Herbert Luttermann gehen Text mit Anita Müller durch.

Daverden - Von Lisa Duncan. Ein Jahrhundert lang bestehen der TSV Daverden und dessen Laienspiel-Sparte – 70 Jahre lang gibt es die Freilichtbühne – und das sollte am 5. Mai gefeiert werden. Wegen der Kontaktbeschränkungen im Zuge der neuartigen Corona-Pandemie wird es zumindest verschoben werden müssen. Bereits vor Verschärfung der Maßnahmen zur Viruskontrolle hatten die langjährigen Regisseure Herbert Luttermann und Elfriede Ellendt gemeinsam mit dem Regieassistenten Fritz Henken zum Pressegespräch geladen.

Das neue Stück heißt „De Vergantschoster“ („Der Auktionsschuster“) und soll am 8. August Premiere haben. Einmal trafen sich die Mitglieder der Theatergruppe bisher. Die Proben sind nun aber auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, erzählt Fritz Henken. Er wählte das Stück aus, das 1921 uraufgeführt wurde. Grob handelt es von einem Schuster, der gerne auf Versteigerungen geht und zu Hause ein rüdes Regiment führt. Eines Tages kommt er auf die wahnwitzige Idee, seine eigene Frau zu versteigern, „und kommt zu Hause überhaupt nicht klar“. Die Sprache des Stücks klingt etwas sperrig – das Original stammt aus dem Friesischen – dafür enthalte es einige sehr lustige Szenen und Melodien zum Mitsingen.

Elfriede Ellendt weiß, wie wichtig die literarische Grundlage ist, damit ein Stück beim Publikum einschlägt. Sie selbst führte bei „Mudder kriggt Zwangsurlaub“ Regie und sorgte so für den größten Erfolg in der Geschichte des Daverdener Amateurtheaters mit insgesamt 4 000 Zuschauern. „Ich habe auch selber mal ein Stück auf Plattdeutsch übersetzt, weil mir die Geschichte so gut gefiel“, erzählt Ellendt, die seit 1965 als Akteurin und als Regisseurin von 1991 bis 2003 aktiv war. Damit löste sie Herbert Luttermann ab, der ab 1980 bei elf Stücken in Folge auf dem Regiestuhl saß. Schon als 21-Jähriger, im Jahr 1952, begann er beim Freilichttheater. Noch heute hilft er in der Theatersaison als Parkplatzeinweiser aus.

Dagegen ist Fritz Henken noch ein Neuling: 2005 kam er über seine Tochter, die in einigen Märchenstücken mitwirkte, zur Freilichtbühne. Während Regisseurin Brigitte Schönecker auf der Bühne den Hut auf hat, widmet er sich seit zwei Jahren der Organisation hinter den Kulissen. „Ein passendes Stück zu finden, ist dabei so ziemlich das Stressigste“, so Henken.

Elfriede Ellendt und Herbert Luttermann sind bei der Freilichtbühne nicht nur als Regisseure bekannt, sondern erspielten sich auch in ihren Rollen als Knecht und Magd einen Platz im Herzen der Zuschauer – „Henry Vahl und Heidi Kabel von Daverden sozusagen“, erzählt Ellendt und lacht. Und das war Zufall: In der Schlussszene eines Stückes sollte sich der Hauptdarsteller verloben, doch wider Erwarten sagte er Nein zu seiner Braut. Hinterher kam heraus, dass der junge Mann mit der Dorfjugend gewettet hatte, von der einige hämisch grinsend im Publikum saßen. Dank Elfriede und Herbert gab es dennoch ein Happy End: „Ich hab gesagt: Komm her, Herbert, jetzt müssen wir uns verloben! Die Leute haben gemeint, das gehört zum Stück.“ In dem Schwank „So’n Dusenddöbel, so’n Lusebengel“ (1952) waren zwei Herberts, Luttermann und Rotermundt, unzertrennlich: Nach einem Männertrip auf der Reeperbahn sollten sie sternhagelvoll über die Bühne torkeln. „Aber Herbert Rotermundt hat gerne ein bisschen überzogen.“ So wäre er um ein Haar in den Graben des Souffleurs gefallen, wenn Luttermann den Sturz nicht abgefangen hätte. Rasches Einschreiten war nicht nur auf der Bühne gefragt: „Einmal hatten wir in der Theaterküche einen Rohrbruch, eine Woche vor der Premiere“, erinnert sich Ellendt. Es nützte nichts; alle krempelten die Ärmel hoch und machten sauber.

„Wenn ich an die alten Zeiten denke, dann muss ich wirklich den Hut vor so viel Engagement und Einsatz ziehen“, sagt Fritz Henken. Heute seien viele beruflich sehr eingebunden und vielleicht noch parallel im Sportverein aktiv. „Da geht nicht mehr beides, da ist man gezwungen, sich für eins zu entscheiden. Das macht die Nachwuchssuche schwierig.“ Luttermann ergänzt: „Viele sprechen auch kein Platt mehr“.

Ein Glücksfall war in dieser Hinsicht Bernd Maas aus Kirchlinteln. Der Darsteller der Verdener Lätare-Spende, dessen Markenzeichen seine tiefe, markante Stimme ist, sammelte erste schauspielerische Erfahrungen auf der Daverdener Freilichtbühne.

Schwere Zeiten hat die niederdeutsche Theatergruppe bereits durchlebt, davon bleibt besonders der Tod von Nico Elmers in Erinnerung. Als der junge Mann, der neben vielen weiteren Vereinen bei der Freilichtbühne aktiv war, 2015 bei einem Unfall ums Leben kam, wurde die Theatersaison abgesagt.

Doch wenn man zurückblickt, liegen tiefes Leid und helle Freude manchmal dicht beieinander – auf der Bühne wie im wahren Leben. Ellendt erinnert sich an eine feucht-fröhliche Premierenfeier. Es wurde Jägermeister gereicht, den auch der Pastor nicht verschmähte. Gegen zwei Uhr morgens verabschiedete er sich: „Ich muss ja morgen meine Predigt halten.“ Als die Schauspieler am nächsten Tag zum Aufräumen kamen, fanden sie den Gottesmann, der offenbar nicht zu Hause gewesen war und kleinlaut zugab, dass er sich im Daverdener Holz verirrt hatte. Der ungezähmten Natur ausgesetzt waren auch die Akteure, wenn sie bei Regen proben oder eine Vorstellung abbrechen mussten, weil die Bühne „schwamm“. Für Elfriede Ellendt halb so wild: „Dafür ist die Atmosphäre natürlich einmalig.“

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