Irmtraud Kutscher geht als Ortsbürgermeisterin in die letzte Sitzung

Etelsen: Jetzt ist Schluss

Irmtraud Kutscher war seit 1984 im Langwedeler Gemeinderat und hat sich 30 Jahre um ihre Etelser gekümmert, als stellvertretende und als Ortsbürgermeisterin.
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Irmtraud Kutscher war seit 1984 im Langwedeler Gemeinderat und hat sich 30 Jahre um ihre Etelser gekümmert, als stellvertretende und als Ortsbürgermeisterin.

Etelsen – Es nieselt leicht an diesem grauen Herbstnachmittag. Der ausgemachte Termin war nicht ganz zu halten, da kam etwas dazwischen. „Macht gar nichts“, hatte Irmtraud Kutscher am Telefon gesagt. Mit einer halben Stunde Verspätung geht die Haustür in Etelsen auf, sie muss noch mal ans Telefon, einen Arzttermin für einen Schützling organisieren. Was in diesen Tagen gar nicht so einfach ist, zur dezenten Empörung der Etelser Ortsbürgermeisterin. Aber aufgeben ist nicht. Nur mit der Politik, da ist am kommenden Donnerstag Schluss. Irmtraud Kutscher hat nach einer gefühlten Ewigkeit in Amt und Würden bei der Kommunalwahl nicht wieder kandidiert, wird am 18. November zum letzten Mal eine Sitzung des Ortsrates leiten, zumindest am Anfang.

„Mal sehen, ob noch was kommt und was kommt. Oder ob ich die Zeit für mich verplane“, schmunzelt die Frau, die 72 Jahre alt wird – und damit nun auch politisch in Rente gehen kann und will.

In die Politik gekommen ist sie so 1976. „Eigentlich ganz blöd...“, meint sie. Der Schritt und auch der Eintritt in die SPD (ihr erstes Parteibuch ist blau!) war vielleicht zögerlich, aber eigentlich am Ende nur logisch. „Ich bin ja eigentlich mit der Partei aufgewachsen.“ Ihr Vater ist Paul Niebling, Ur-Sozialdemokrat und einer der Gründerväter des Saarlandes, berichtet Kutscher, die 1969 zuerst nach Bremen kam und 1973 nach Etelsen zog. Wie? Sie ist keine Alteingessene?

„Bin ich nicht. Viele sagen, ich finde dein Konfirmationsbild gar nicht, wenn sie die betreffenden Bildbände durchgucken. Wo ist das denn? Ich sag dann: Ich bin ja auch nicht drin.“ Aber solche Fragen freuen sie auch, das merkt man. Sie sagt nämlich auch: „Ich fühle mich als Etelserin durch und durch.“

Mitte der 70er saß sie bei einer SPD-Versammlung (die Beteiligung könnte recht überschaubar gewesen sein) im Gasthaus am Etelser Bahnhof. Gottlieb Wössner und Herbert Hildebrandt hätten bei der Aufstellung der Wahllisten zu ihr gemeint: „Du könntest, solltest sogar auch...“

Von 1976 bis 1981 ist Irmtraud Kutscher im Etelser Ortrat. 1984 rückt sie für Wilhelm Möller in den Gemeinderat nach. „Der hatte einen Lehrstuhl in Spanien angenommen.“ Für Möller wird Joachim Stünker Langwedeler Bürgermeister.

Den kleinen Artikel vom 26. September 1984 aus der Verdener Aller-Zeitung über ihren Einzug in den Rat hat sie aufgehoben. Den hatte Hans-Hermann Meyer aus Daverden damals ausgeschnitten und ihr dann später vermacht. Die Etelserin wird 1984 Mitglied im damaligen Schul- und Sozialausschuss sowie im Jugend- und Sportausschuss. 1986 übernimmt sie den Vorsitz im Schul- und Sozialausschuss. Damit war sie am Ende der vergangenen Legislaturperiode das Ratsmitglied mit den tatsächlich meisten Dienstjahren.

Ihre kommunalpoltische Personalakte gibt noch eine Menge mehr her. Unter anderem das: 1991 stellvertretende Ortsbürgermeisterin, 2001 tritt Irmtraud Kutscher die Nachfolge von Helmut Haase an, wird Ortsbürgermeisterin. Sie war stellvertretende Landrätin, war für die SPD etliche Jahre im Kreistag.

Und das alles ehrenamtlich. Ihre berufliche Laufbahn führte Kutscher als Arzthelferin nach Bremen, dann nach Achim als MTA ins dortige Krankenhaus. Nach zwölf Jahren als Hausfrau und Mutter wurde sie von Annedore Brennecke gefragt, ob sie nicht das Büro des Landtagsabgeordneten Christoph Rippich managen könnte. „Kein Problem.“

Das hat sie dann auch für Fritz-Heiner Hepke gemacht, bis der nicht wieder in den Landtag gewählt wurde. „Das war eine ganz schlechte Zeit für die SPD. Die CDU hätte einen Besenstiel aufstellen können und der wäre gewählt worden.“ Irmtraud Kutscher ist zu dieser Zeit 54 Jahre alt – und macht die gleichen Erfahrungen wie viele andere Arbeitslose in so einer Situation. „Es tut uns leid, aber Sie passen nicht in unser Profil“, hat sie dann immer wieder gehört. Zu alt. Mit Mitte 50. Bis der Anruf aus Bremen vom Senat für Bildung kommt. Ihre Bewerbung dort hatte Kutscher schon fast vergessen. Sie fängt sofort nach dem Anruf an und bleibt bis zur Rente 2015.

Ganz besondere Ereignisse in all den Jahren? Der Kampf um den Erhalt des Schlosses und des Schlossparkes in Etelsen, die schwierigen Verhandlungen mit dem Landkreis Verden. „Das waren hochinteressante Gespräche.“ Zeitweise war Irmtraud Kutscher die einzige Frau im Langwedeler Gemeinderat. Das macht es nicht einfacher. Auch den Umgang mit den Platzhirschen in der eigenen Partei und der eigenen Fraktion nicht. Im Gespräch schimmert nicht nur durch, es wird deutlich: Da wurden einige Männer nicht müde, ihre eigene Wichtigkeit und ihre echten oder vermeintlich überlegenen Fähigkeiten zu betonen. Wer Irmtraud Kutscher über die Jahre in der Politik erlebt hat, der weiß: Eine große Volksrednerin ist sie nie gewesen. Was die Menschen in Etelsen aber nicht sonderlich interessiert hat, ihre Wahlergebnisse waren überragend. An einer Stelle an diesem Nachmittag hat Irmtraud Kutscher gesagt: „Ich habe immer versucht, für alle da zu sein.“

Ihren Ehemann Klaus hat das nie in die Politik gezogen. „Mein Mann hat das immer alles geduldig mitgemacht“, sagt die Bald-Ex-Politikerin, die zwei Enkelkinder hat und als weitere Hobbys Lesen und Laufen angibt. Sieben bis zehn Kilometer zwei- bis dreimal in der Woche müssen das schon sein. Warum sollte sie für Besorgungen nach Achim oder Langwedel mit dem Auto fahren, wenn das mit dem Rad auch geht?

Irmtraud Kutscher ist mit Anfang 70 fit wie der berühmte Turnschuh. Trotzdem verabschiedet sie sich aus der Politik. „Ich wollte selbst entscheiden, wann ich aufhöre.“

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