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Hilfe aus Langwedel und Völkersen für Flüchtlinge

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Von: Jens-Peter Wenck

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Mara Behnken und Lara Bordfeld haben mit selbst gemachten Spendengläsern für Flüchtlinge gesammelt, die Sven und Ariane Lorenzen in Völkersen untergebracht haben.
Mara Behnken und Lara Bordfeld haben mit selbst gemachten Spendengläsern für Flüchtlinge gesammelt, die Sven und Ariane Lorenzen in Völkersen untergebracht haben. © Wenck

Langwedel – „Wir haben in der Schule viel über den Krieg gesprochen“, sagt Lara Bordfeld. Ihre Freundin Mara Behnken nickt. Die beiden sind zwölf Jahre alt, gehen an der Oberschule am Goldbach in Langwedel in die 6. Klasse. Wenn es etwas gibt, was den jungen Leuten auf der Seele brennt, etwas passiert ist, dann wird geredet, mit Klassenlehrer Andreas Kowalzik, den Mitschülerinnen und Mitschülern.

Es ist ja nun nicht so, dass der russische Angriffskrieg auf die Ukraine das einzige, ständige Thema wäre. Aber: „Viele wollen etwas machen, wollen helfen“, sagt Mara Behnken. „So für uns haben wir dann gedacht, wir könnten Spendengläser machen“, erklärt ihre Freundin Lara.

Da mussten dann die Marmeladengläser von Oma Renate Peplinski in Völkersen, wo die Mädchen regelmäßig sind, dran glauben. Die Zwölfjährigen malten sie in den Nationalfarben der Ukraine gelb und blau an. Opa Jürgen hat die Schlitze in die Deckel gemacht.

Wohin jetzt damit? In Völkerser Geschäfte, natürlich. Da gibt es zwar nicht mehr so viele, die regelmäßig aufhaben. Aber in der Blumenkiste durften die Mädchen ein Glas aufstellen, beim Bäcker, dem Café Erasmie auch und im Hofladen Früchtenicht.

Die drei Gläser standen nur eine Woche da. Dann waren 320 Euro zusammen. „Oma hat noch aufgerundet“, erzählt Mara. Ihre Mutter Ines weiß noch zu berichten, dass Annelie Früchtenicht vom Hofladen von der Aktion der jungen Mädchen so begeistert war, dass sie nicht nur ihre Kunden auf das Spendenglas aufmerksam machte.

Nach der ersten Leerung steht das Glas wieder im Hofladen. Hier kann man sich die Eier, die zu klein für den Verkauf sind, mitnehmen. Und darf auch gern eine Spende hinterlassen.

Das gesammelte Geld soll dann auch direkt an ukrainische Flüchtlinge gehen, die die Familie Lorenzen in Völkersen aufgenommen hat. Das Geld haben Völkerser gespendet, in Völkersen können es Flüchtlinge mehr als gut gebrauchen.

„Meine Frau und ich, wir kommen beide aus der Pflege“, erzählt Sven Lorenzen. „Da kriegen sie das Helfer-Gen nicht raus.“

Eigentlich sei es ja die Idee seiner Frau Ariane gewesen, in Völkersen bei sich Flüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen. Die Lorenzen haben da einen kleinen 20 Quadratmeter-Bungalow, ein ehemaliges Büro. Eingerichtet wie eine Wohnung, nur die Toilette und Co sind im Haus nebenan. Damit haben sich die Lorenzens beim Landkreis Verden gemeldet.

Zwei Wochen später sind sie dann an einem Montag nach Bremen zu den Messehallen gefahren, wo schon Flüchtlinge untergebracht waren. „Wir wollten uns informieren.“ Am Dienstag holten Ariane und Sven Lorenzen eine Mutter und ihren elfjährigen Sohn nach Völkersen. Die Verständigung ... läuft mit Händen und Füßen. So erfuhren die Lorenzens auch erst nach einer Woche, als eine Dolmetscherin gekommen war, dass zu ihren Flüchtlingen noch eine Schwester, die Oma und vier weitere Kinder gehören.

Aber wo bringt man die alle unter? Sven Lorenzen setzte ein Gesuch bei Facebook ab. Es hatte jemand eine Wohnung in Völkersen. Die war aber ratzekahl leer. Bis auf ein paar Glühbirnen unter der Decke war da rein gar nichts drin. Es folgte der nächste Hilferuf bei Facebook in einer Gruppe für den Flecken Langwedel. „Wahnsinn. Die Hilfsbereitschaft der Völkerser, der Langwedeler war wahnsinnig, überwältigend.“

Die Wohnungseinrichtung war so schnell zusammen, dass Sven Lorenzen bei Facebook einen Stopp ausrufen musste. Die Firma Clüver aus Langwedel war zur Stelle, um alle Installationen in der Wohnung durchzuführen. Innerhalb einer Woche war die komplette Ausstattung drin. Die Familie konnte kommen, seit Sonntag sind sie in Völkersen. Die Väter sind in der Ukraine, in Odessa geblieben. „Der Opa auch“, erzählt Sven Lorenzen. „Der hätte zwar ausreisen dürfen. Er wollte aber bleiben.“

Die Familie hatte Karten für Mobiltelefone nach ihrer neuntägigen Flucht in Polen gekauft – die in Deutschland nicht funktionieren. Der Vodafone Shop in Langwedel half, stellte ohne große Bürokratie Telefonkarten zur Verfügung. Nach einer Woche konnten die Frauen und Kinder wieder mit den Männern telefonieren.

Der Verein Hafensänger und Puffmusiker hat bereits mit Gutscheinen für Bekleidung geholfen. „Die sind hier ja mit nichts angekommen“, sagt Sven Lorenzen. Da er und seine Frau im „medizinischen Bereich“ unterwegs sind, konnten sie auch faltbare Rollstühle und weitere Sachen organisieren. Die stapeln sich aktuell noch in Völkersen, sollen am Wochenende aber Richtung Ukraine gehen.

Wenn alles irgendwann ein bisschen ruhiger geworden ist, dann wolle er ein kleines Dankeschöngrillen für alle Helfer und Spender organisieren. Dann bekommen Mara Behnken und Lara Bordfeld selbstverständlich auch eine Einladung.

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