„Gemeinsam sind wir stark“

Werner Oedding aus Schülingen und die Folgen der Erdgasförderung

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Werner Oedding sieht Haus und Heimat durch die Erdgasförderung bedroht und fordert Maßnahmen – vor allem von der Landespolitik. 

Schülingen - Der Gutachter war vor ein paar Wochen gerade erst wieder da. Nicht zum ersten Mal wurden die Gebäude auf dem Hof von Werner Oedding in Schülingen begutachtet. Schon vor Jahren taten sich am Wohngebäude Risse auf. Seit Anfang 2017 verschiebt sich gegenüber der Boden im Stallgebäude, und zwar so massiv, dass die Roste im ehemaligen Kuhstall hochkommen. Kann das etwas mit der Erdgasförderung in der Gegend zu tun haben?

„Ob da Zusammenhänge sind, kann ich nicht behaupten“, meint Oedding. Das hat natürlich auch seine Vorgeschichte. Schon 2011 verklagte der Schülinger die damalige RWE-Dea auf Regulierung, machte die Erdgasförderung und ihr ganzes Drumherum für die Schäden an seinem Hof verantwortlich. Oedding verlor den Prozess, ein Gutachter sprach von baulichen Mängeln des Hauses.

Geführt wurde der Prozess in einer Zeit, in der unter anderem das Energieunternehmen jeden Zusammenhang zwischen der Erdgasförderung und den Erdbeben (gern auch „seismische Ereignisse“ genannt) in der Region energisch bestritt. Im Laufe der Jahre wurden immer mehr Messstationen aufgestellt, der Kreis wurde quasi immer enger – und mittlerweile sind sich die Fachleute einig, dass die Beben „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ auf die Erdgasförderung zurückzuführen sind.

Beim Landkreis Rotenburg wurde eine Schiedsstelle auch für Geschädigte im Landkreis Verden eingerichtet, bei der man seine Schäden melden kann. Nach dem Besuch eines bestellten aber unabhängigen Gutachters kommt es in den allermeisten Fällen zu einem Vergleich, bei dem das Förderunternehmen für die Schäden zahlt. Nicht alles, aber immerhin.

„Zahlung begleicht meine Schäden gerade zu fünf Prozent.“

Nur, Werner Oedding konnte mit den Schäden an seinem Haus nicht bei der Schlichtungsstelle und der DEA landen. Er hatte schließlich vor Jahr und Tag den Prozess verloren und damit den Beschluss: Die Erdgasleute sind nicht verantwortlich.

Später kam es in einem anderen Schaden dann doch zu einer Zahlung an Oedding. „Das begleicht meine Schäden gerade zu fünf Prozent.“

Für die neuen Verwerfungen am und im Stallgebäude sei die Erdgasförderung auch nicht verantwortlich zu machen, habe der Gutachter jetzt erklärt. Die just in der Gemeinde Kirchlinteln als Pilotprojekt installierte Station (wir berichteten am 21. Juni) , mit der man mögliche Bodensenkungen in der Region und im Bereich des Erdgasfeldes Völkersen messen und gegebenenfalls nachweisen will, braucht noch Jahre der Datensammlung, um verwertbare Ergebnisse liefern zu können. Meint Werner Oedding und erwartet sich hier keine Hilfe. Jedenfalls nicht auf absehbare Zeit. Gut 20 Jahre kann das förderstärkste Erdgasfeld in Niedersachsen noch Gas liefern, schätzt man bei der DEA. „Wenn das so weiter geht, ist das in 20 Jahren hier nicht mehr bewohnbar“, meint Oedding.

Gegenüber von seiner PC-Ecke steht ein Aktenschrank, aus dem er Unterlagen holt. „Den Schrank hab ich mir extra gekauft. Sonst kommt alles durcheinander.“ Er recherchiert im Internet, ist bei den Bürgerinitiativen unterwegs, war mit einer Gruppe um Langwedels Bürgermeister Andreas Brandt in den Niederlanden, um sich dort über die Erdgasförderung und Schadensregulierung schlauzumachen.

Boden und Wand im Kuhstall haben nicht nur Risse. Das Gebäude steht so unter Spannung, dass sich die Roste immer mehr heben.

Da läuft das anders als bei uns. Unbürokratischer. Oedding erzählt, er weiß von Leuten, die ihre Schäden schon gar nicht mehr melden. „Bringt ja nix.“ Ruhe geben will Oedding trotzdem nicht. „Die Politiker stehen in der Verantwortung, besonders der niedersächsische Landtag.“ Man sollte in Wohngebieten keine Gasbohrungen mehr zu lassen, nur im Außenbereich mit mindestens einem Kilometer Abstand, findet er. Grundstücksbesitzer sollten kein Land an die DEA für die Erdgasförderung verpachten oder verkaufen. Wer diesbezüglich angesprochen wird, sollte sich an eine der Bürgerinitiativen wenden, empfiehlt der 82-Jährige.

Die Auseinandersetzungen um die Erdgasförderungen haben auch Kraft gekostet, gibt Oedding wie nebenbei zu. Und? Da sind ja noch die anderen Leute aus den Bürgerinitiativen. „Gemeinsam sind wir stark.“

 jw

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