Gelungenes Missverständnis mit Günter Gall und Konstantin Vassiliev

„Verausgaben Sie sich nicht“

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Günter Gall (re.) und Konstantin Vassiliev durften erst nach zwei Zugaben von der Bühne im Bürgersaal des Langwedeler Rathauses.

Langwedel - Ja, Günter Gall und Konstantin Vassiliev standen wie angekündigt auf der Bühne im Langwedeler Rathaus. Ja, sie boten, ebenfalls wie angekündigt, einen musikalisch-literarischen Abend mit Werken Erich Kästners. Nein, es war nicht das angekündigte Programm, das auf den „13 Monaten“ basiert, sondern es war eine Hommage an Erich Kästner mit dem Titel „…und reisen quer durch die Zeit“. „Ein Missverständnis“, hieß es vonseiten der Organisatoren.

Machte aber nichts, denn das Publikum war restlos begeistert. Gut gefüllt war der Saal des Langwedeler Rathauses – die Langwedeler Kulturtage lockten wieder einmal Kulturgenießer im allgemeinen und Kästner-Kenner im besonderen an. Sehr zur Freude der Veranstalter – des Fleckens Langwedel, des Langwedeler Kulturvereins und des Vereins für Kultur und Geschichte Daverden.

„Danke, dass wir wieder hier sein dürfen“, begrüßte Günter Gall das Publikum, gastierte das Duo doch vor zwei Jahren im Häuslingshaus. „Das fliegende Klassenzimmer, Emil und die Detektive, Das doppelte Lottchen und Anton und Pünktchen kennt man, doch heute geht es um den Kästner für Erwachsene“, leitete Gall das anderthalbstündige Programm ein.

Unter dem Titel „…und reisen quer durch die Zeit“ gab Gall einen Einblick in Kästners Werke, angefangen von der „Fotografie eines Konfirmanden“ und „Primaner in Uniform“. Drill im Kasernenhof, Ausbildung zum Lehrer, Studium in Leipzig, Theaterkritiker in Berlin – weitere Stationen im Leben Kästners, zu denen Gall das Publikum mitnahm. Mal Rezitation pur, mal unterlegt mit Musik, die er dazu komponiert hatte. Immer passend: mal heiter, mal melancholisch.

Gall rezitierte Gedichte über das Berliner Großstadtleben, über Cafés, in denen Kästner arbeitete, über Kneipen, durch die der Autor mit Erich Ohser zieht. Übrigens: Letzterer ist als E.O. Plauen mit seinen Vater und Sohn-Comics bekannt geworden. Zwischendurch las Gall Briefe vor, die Kästner an seine Mutter geschrieben hatte – so erlebte das Publikum die enge Verbindung zwischen Ida Kästner und ihrem Sohn Erich. Weiter ging es mit Kästners Leben in den 20-er und 30-er Jahren, als er Gedichte, Glossen, Bücher und Theaterkritiken schrieb.

Günter Gall griff immer wieder zur Gitarre, ab und zu auch zum Dulcimer, einer Kastenzither. Das Instrument passt zur Gebrauchslyrik der „neuen Sachlichkeit“, deren wichtigste Stimme Kästner war, meinte Gall. Informationen über Erich Kästner rundeten das Programm ab.

Bescheiden im Hintergrund, aber nicht minder virtuos: Konstantin Vassiliev an der Gitarre. Ein Solo bekam er aber auch: einen Tango. Mitten im Stück ein Knall – Saite gerissen. Was den Musiker aber nicht aus dem Konzept brachte – er spielte ungerührt weiter. Riesenapplaus für die Leistung. „Die Gitarre mag wohl keinen Tango“, kommentierte Gall. Schnell war die neue Saite aufgezogen, und Vassiliev spielte den Tango nochmal.

Dass Erich Kästners Werke auch in die heutige Zeit passen, verdeutlichte Gall mit dem Gedicht „Die Flüchtlingsfrau“. „Da muss man schon die Zähne zusammenbeißen, so aktuell ist das“, sagte er und schob seine „unmaßgebliche Meinung“ gleich hinterher: „Zäune sind keine Lösung, Europa verliert seine Identität.“ Das quittierte das Publikum mit kräftigem Beifall. Müßig zu sagen, dass es den nach jedem Stück gab, so dass Gall immer wieder bremsen musste: „Verausgaben Sie sich nicht, wir sind noch nicht am Ende.“ Als die Künstler es dann doch waren, wollte der Applaus kein Ende nehmen. Erst nach zwei Zugaben war endgültig Schluss.

is

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